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Nominiert in der Kategorie "Konzept": Alles nur geklaut

Die Erlanger MusicTrace GmbH ist den Anbietern illegaler Sounddateien auf der Spur.

Leuten wie Christian Neubauer hetzt die Plattenindustrie in der Regel gleich ein ganzes Dutzend Anwälte auf den Hals: Der Mann treibt sich in so ziemlich jeder zwielichtigen MP3-Börse herum, die das Internet zu bieten hat, tausende Songs hat er auf seine Rechner geladen – und er verdient auch noch Geld damit.

Doch mit dem Erlanger Unternehmer kommt die Branche offenbar ganz prächtig aus. Gut gelaunt berichtet Neubauer, dass sich bei seiner Firma MusicTrace in Erlangen schon diverse große Plattenfirmen gemeldet hätten. Kein Wunder: "Wir haben eine Technik entwickelt, mit der sich die Leute identifizieren lassen, die einen Song als Erste illegal ins Netz stellen", sagt Neubauer.

Sein Unternehmen ging im August 2004 als Ausgründung des renommierten Fraunhofer Instituts an den Start. Ausgerechnet Fraunhofer! An dem Institut wurde einst das MP3-Format erfunden, das der Musikindustrie derzeit so zu schaffen macht. Haben die Wissenschaftler nach dem Gift nun auch das Heilmittel entdeckt?

Neubauer lacht: "Im Prinzip, ja." Ähnlich dem Wasserzeichen bei einem Geldschein versieht MusicTrace etwa einen Robbie-Williams-Song im Internet mit einem Zahlencode. "Zum Beispiel wird die Kundennummer verschlüsselt in die Musik eingebettet", verrät Neubauer. So mogelt sich ein unhörbarer Urhebernachweis in die Sounddatei, der selbst nach mehrmaligem Umwandeln in andere Formate noch lesbar und nicht zu entfernen ist. Tauchen später Raubkopien in einer Tauschbörse auf, lasse sich exakt feststellen, wer das Stück weitergegeben hat. Was der Kunde sonst mit seinem Song anfängt, ob er sich zum Beispiel eine private Kopie brennt, sei aber egal, versichert Neubauer.

Der Vorteil: Anders als bei den gängigen Kopierschutzverfahren werden die Rechte des Nutzers nicht eingeschränkt. Denn bisher stehen die Kunden von legalen Musikbörsen oft vor dem Dilemma, das Abspiellizenzen eng an denjenigen Computer gebunden sind, über den der Song gekauft wurde. Wer sich ein Jahr später einen neuen Rechner anschafft, hat Pech - die Lizenz kann oft nicht übertragen werden. "Eine Zumutung", findet Neubauer. "Wie hätten Musikfans früher wohl reagiert, wenn mit dem Kauf eines neuen Plattenspielers auch gleich noch die Anschaffung einer neuen Plattensammlung verbunden gewesen wäre?" Das digitale Wasserzeichen ist nicht die einzige Innovation, mit der sich die junge Firma am Markt behaupten will. Einen zweiten Geschäftsbereich haben Christian Neubauer und seine Partner Ralph Kulessa und Frank Siebenhaar auf den leicht martialischen Namen "Rundfunküberwachung" getauft. Und tatsächlich klingt es weniger nach Wissenschaft als nach Kriminalstatistik, wenn Neubauer von "Fingerabdrücken" und "Identifikationsverfahren" erzählt. Die Erlanger Forscher sind auf der Spur von Musikstücken und Werbespots, die im Fernsehen oder Radio laufen.

Dazu erstellt MusicTrace eine kleine, aber charakteristische Datenmenge, mit der man dann einen bestimmtes Song oder einen Werbespot problemlos erkennen kann. "Damit können wir sekundengenau sehen, wann, wo und wie oft ein bestimmter Song oder Spot gespielt wird." Das ist zum Beispiel für die Werbewirtschaft wichtig, oder für die Verwertungsgesellschaften, die Tantiemen an ihre Künstler zahlen. Und Spaß macht´s obendrein. "Wir gucken immer mal, wie oft unsere Lieblingsbands gespielt werden und erstellen dann unsere persönlichen MusicTrace-Charts". Momentan auf Platz eins: Coldplay mit "Speed of Sound".

Henryk Hielscher
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