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Spitzel-Affäre bei der Bahn: "Wir haben ein Managementproblem"

Die Bahn ließ über 173.000 Mitarbeiter überprüfen - ohne jeden konkreten Verdacht. Was sagt dieses Vorgehen über die Situation im Unternehmen aus? stern.de sprach mit dem Unternehmensethiker Birger Priddat über Vertrauen, Misstrauen und den Kampf gegen Korruption.

Von Karin Spitra

Herr Professor Priddat, angesichts der jüngsten Spitzelaffäre bei der Deutschen Bahn drängt sich die Frage auf: Was ist mit der Moral in der Wirtschaft passiert? Wo ist die gute europäische Tradition des fast schon familiären Fürsorgegedankens geblieben?

Bei den jüngsten Fällen geht es um Dax-Konzerne, das ist eine andere Welt als die der Familienunternehmen. Was mich aber wundert ist, dass man hier dem eigenen Management nicht vertraut. Denn eigentlich sind es die Manager der verschiedenen Ebenen, die die Mitarbeiter führen.

Management bedeutet ja nicht nur Anweisungen zu geben, sondern auch zu motivieren. Wenn das gut funktioniert, entstehen Vertrauen und Loyalität. Ich schließe also daraus, dass die oberste Führung kein Vertrauen zu ihrem Management hat und an ihm vorbei wissen will, was die Mitarbeiter tun. Gleichzeitig nimmt die Loyalität der Mitarbeiter dem eigenen Unternehmen gegenüber ab.

Wir haben also zwei Probleme: Die Manager können oft nicht mehr für eine richtige Bindung sorgen, gleichzeitig haben Mitarbeiter nicht mehr so eine Bindung ans Unternehmen wie früher. Anstatt aber die Kompetenz der eigenen Manager zu erhöhen, geht man in eine abstrakte Überwachung. Das halte ich aber für eine Misstrauenserklärung den Mitarbeitern und dem eigenen Management gegenüber. Die Unternehmen haben also generell ein Managementproblem.

Sehen alle Unternehmen ihre Mitarbeiter als potenzielle Gefahr an?

So weit würde ich nicht gehen. Ich würde eher sagen als Risiko. Man will wissen, wer das denn ist und dann handeln. Damit wird aber eine Managementfunktion der unteren und mittleren Ebenen nach oben gezogen - und das bringt die Unternehmensstruktur durcheinander. Statt also zu fragen: Habe ich die richtigen Manager, können sie richtig führen und das nötige Vertrauen aufbauen, übergeht man sie. Es ist doch so: Wenn etwas passiert, was Unternehmen kontrollieren wollen, heißt das auch, dass die Mitarbeiter sich nicht mehr an das Unternehmen gebunden fühlen. Es liegt also ein Organisationsmanagement-Problem vor.

Verstärkt die gegenwärtige Wirtschaftskrise dieses Verhalten noch?

Zumindest erleichtert es das nicht. In dem Moment, in dem Mitarbeiter meinen, ein unsicheres Arbeitsverhältnis zu haben, gibt es so etwas wie ein "Mitnahme-Verhalten". Das ist natürlich schon kritisches Potenzial, wo das Management etwas unternehmen muss. Das kann aber nicht Überwachung sein.

Wenn die Firmenleitung den Mitarbeitern nicht traut - müssen die Mitarbeiter dann nicht auch ihren Chefs gegenüber misstrauisch sein?

Aus der Mitarbeiterperspektive verstärkt sich das Misstrauen sicher, weil sie sich beobachtet fühlen. Sie werden also noch raffinierter vorgehen - oder vielleicht ein wenig subversiver.

Wie schafft man es dann wieder, vertrauensvoll zusammen zu arbeiten?

Das wird schwierig. Man muss als Unternehmen sicher festlegen, welche Verhaltensregeln und Normen in der Firma gelten sollen. Und diese dann dem eigenen Management beibringen - auch den mittleren und unteren Ebenen. Diese neue Umgangsweise muss dann umgesetzt werden. Ein schwieriger Prozess, der aber zum Beispiel gerade bei Siemens läuft.

Man muss sich aber auch kritisch mit der eigenen Führungsebene befassen. Hilfreiche Frage sind: Was läuft hier eigentlich schief? Denn die Unternehmensführung ist ja auch für das Verhalten ihrer Leute verantwortlich. Sind das also die richtigen Figuren? Haben sie überhaupt soziale Verantwortung? Ich glaube, dass viele Firmen in den letzten Jahren und vielleicht sogar Jahrzehnten dieses Thema vergessen haben.

Wie sollen Unternehmen reagieren, wenn sie einen Verdacht gegen einzelne Mitarbeiter oder ganze Abteilungen hegen?

Man braucht Feingefühl und darf nicht denunzieren. Und man darf auch nicht gleich ganze Abteilungen verdächtigen. Im Grunde braucht man so etwas wie ein "Kummertelefon", wo einige kompetente Personen anonyme Anzeigen mit äußerster Diskretion nachgehen.

Wie sieht dann eine ideale Unternehmensführung aus?

Das oberste Management muss die Misstrauensproduktion vermeiden. Dazu muss es aber auch Vertrauen schaffen und darf nicht pauschal verdächtigen. In diesem Sinne heißt feinfühlig also, dass man mit internen Systemen - wie beispielsweise einer anonymen Hinweismöglichkeit - feststellet, wer wirklich schädlich arbeitet - und nicht die Belegschaft pauschal verdächtigt.

Wie stark leidet das Image eines Unternehmens, wenn man mit seinen Mitarbeitern so umgeht?

Wenn die Medien auf so etwas einsteigen, dann wird es durchaus wichtig - denn es geht ja nicht nur um das Produkt. Sie wollen doch auch von Leuten bedient werden, die gut behandelt werden. Wenn das nicht passiert gibt es sicher eine Menge Kunden, die sagen "Mit dem Unternehmen will ich nichts zu tun haben." Und da die Aufmerksamkeit der Medien auf diese Themen viel schärfer geworden ist, muss man das ernst nehmen.

Welchen Rat haben Sie an die Unternehmensleitung der Bahn?

Ich würde es wie Obermann bei der Telekom machen: Offen. Ich würde auch den Managern, die das verursacht haben, rauswerfen und so das Signal setzen "wir wollen solche Verhältnisse nicht". Man muss Regeln aufstellen, die so etwas verhindern. Nur so besteht überhaupt eine Chance, die Dinge wieder ins Lot zu bringen.

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