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Landwirtschaft Lady Gaga - die Königin der Kühe

Diese Kuh heißt "Lady Gaga"
Lady Gaga ist eine Schönheitskönigin. Und das obwohl sie täglich 60 Kilogramm isst und 120 Liter Wasser trinkt. 2015 erringt die Kuh den Titel des "Grand Champion" – der schönsten Kuh Deutschlands. Zwei Jahre später gibt es für Besitzer Henrik Wille nur ein Ziel: die Titelverteidigung. Die "Deutschen Holstein-Schau 2017" findet am 14. und 15. Juni in Oldenburg statt. Doch bevor sich "Lady Gaga" den Preisrichtern stellt, wird sie aufgehübscht – von einem professionellen "Cow-Fitter" – ihrem eigenen amerikanischen Stylisten. Das Fell wird geschoren und mit Haarspray in Form gebracht, der Euter enthaart und mit Babyöl eingerieben. Anschließend wird das Ganze mit Klebstoff verschlossen – alles für die Show. Diese Tricks sind im Wettbewerb unerlässlich – denn die Konkurrenz ist groß und die 2500 Zuschauer in den Weser-Ems-Hallen – fast ausschließlich Fachleute - wollen etwas geboten bekommen. Kurz vor dem Wettbewerb steigt die Spannung. Lady Gaga betritt den Richterring. Kann sie ihren Titel verteidigen? Die Entscheidung fällt – der Popstar unter den Kühen gewinnt erneut. Fans machen Fotos und Selfies – heute ist "Lady Gaga" so gefragt wie ihre Namensvetterin.
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Das schönste Rindvieh Deutschlands heißt Lady Gaga. Der stern hat Tier und Menschen auf dem Weg zum Titel begleitet.
Von Tobias Schmitz

Sie sagt ja nichts. Gar nichts. Nicht mal ein klitzekleines Muh. Sie steht nur da und glotzt. Und kaut. Und kaut. Und kaut. Und glotzt. Und so wird es ihr Geheimnis bleiben, wie Lady Gaga das Leben in den Weser-Ems-Hallen von Oldenburg so gefällt. Was sie von diesem ganzen Zinnober hält, der hier veranstaltet wird. Um Rosalina und Flicka, um Floribella und Brunella. Um Pink und Shakira, um Helene und die drei Rihannas. Und natürlich um sie, Lady Gaga, Ohrmarkennummer FR 54 548 09453, den Star der "Deutschen Holstein-Schau 2017".

Gaga ist als Titelverteidigerin nach Oldenburg gekommen. Vor zwei Jahren hatte sie den Titel des "Grand Champions" errungen. Das ist für einen Züchter so wie für einen Fußballer Deutsche Meisterschaft und DFB-Pokalsieg auf einmal. Gekürt wird die schönste Kuh Deutschlands.

Die Konkurrenz ist groß: In Deutschland stehen knapp 1,9 Millionen Holstein-Kühe in den Zuchtbüchern. Die besten stellen sich alle zwei Jahre den Preisrichtern. Lady Gaga wird nicht jünger. Sie ist fast elf Jahre alt und hat schon sieben Kälber geboren. Jüngere Kühe treten gegen sie an. Mit seidigem Fell, schnurgerader Oberlinie und perfektem Euter.

Landwirtschaft: Wer ist die schönste Kuh Deutschlands?
So sehen Sieger aus: Lady Gaga verlässt, geführt von ihrem Besitzer Henrik Wille, die Halle als "Grand Champion"
© Patrick Ohligschläger

Für Kleinbetriebe lohnt sich Landwirtschaft kaum noch

Merke, Fachsprache jetzt: Die Eutertiefe und die Ausprägung des Zentralbandes sowie die eigentliche Euteraufhängung sind zentrale Bewertungsmaßstäbe des Merkmalskomplexes Euter. Ist Lady Gaga nervös? Wirkt nicht so. Sie glotzt. Und kaut.

Fünf Tage zuvor. Auf einem Hof in Essen im Landkreis Cloppenburg geht das Unternehmen Titelverteidigung in die heiße Phase. Henrik Wille, staatlich geprüfter Landwirtschaftsleiter, rosige Wangen, Hände wie Schraubstöcke, ist einer von zwei Besitzern der Superkuh. Der 36-Jährige baut auf 68 Hektar Land das Futter für 260 Holsteiner an. Auf dem Papier ist Wille ein kleines Licht – in großen Ställen stehen heute mehrere Tausend Tiere. Jedes Jahr machen in Deutschland etwa drei Prozent der noch 69.000 Milchviehbetriebe dicht. Milch ist Massenware. Es gibt zu viel, sie ist zu billig. "Eigentlich lohnt sich das Geschäft nicht mehr", sagt Wille. "Viele Menschen geben heute für ein Glas Mineralwasser mehr aus als für ein Glas Milch."

Fachkundige Blicke: Lady Gaga steht immer im Mittelpunkt. Die Kuh ist vergleichsweise alt. Aber noch immer in Topform
Fachkundige Blicke: Lady Gaga steht immer im Mittelpunkt. Die Kuh ist vergleichsweise alt. Aber noch immer in Topform
© Patrick Ohligschläger

Gute Kühe zu züchten und zu verkaufen ist da lukrativer. Eine von Willes Superkühen, Maxima, schenkte ihrem Besitzer viele schöne Kälbchen. Eins ging für 20.000 Euro weg, ein anderes für 16.000 Schweizer Franken. Eine normale Milchkuh kostet zwischen 1500 und 1800 Euro.

Auf Willes Hof hängen Fotos früherer Siegerkühe. Von Hella zum Beispiel, die in den Achtzigern 8000 Liter Milch im Jahr gab. Lady Gaga schafft heute mehr als das Doppelte. Moderne Holsteiner sind Hochleistungsmaschinen, die Futter in Milch verwandeln. Sie sehen vollkommen anders aus als die Tiere aus dem Bauernhof-Idyll früherer Jahre.

Die dicke Hella wäre heute ein Witz

Wille zeigt auf die alten Fotos: "Hella sieht dick aus, regelrecht mopsig." Damals galt das als schön. Heute wäre Hella eine Lachnummer. Heute ist eine perfekte Milchkuh schlank. Sie soll kein unnötiges Fett ansetzen. Züchter bevorzugen die sogenannten scharfen Typen. Die Tiere, die Wille seinen Kunden unter seinem Zuchtnamen "Future Genetic" präsentiert, sehen aus wie Kästen auf vier Beinen, die Rückenlinie wie mit dem Lineal gezogen.

Dabei muss eine Kuh vor allem eines: funktionieren. Die Züchter legen Wert auf ein "funktionales Exterieur" – was bedeutet, dass der ganze Körperbau für ein möglichst langes Leben als gesundes Nutztier geeignet sein muss. "Dieses Exterieur ist inzwischen wichtiger als die reine Milchleistung", sagt Hermann H. Swalve, Professor für Tierzucht an der Universität Halle-Wittenberg. Seit Jahren begleitet der Wissenschaftler Zuchtschauen. Er hat verfolgt, wie die Tiere in ihrem Äußeren immer extremer wurden.

Cow-Fitter Pat Lundy, eigens eingeflogen aus den USA, rasiert Lady Gagas Euter
Cow-Fitter Pat Lundy, eigens eingeflogen aus den USA, rasiert Lady Gagas Euter
© Patrick Ohligschläger

"Auf den Schauen sieht man heute nur die perfekt gepflegten Porsches, Ferraris und Lamborghinis der Zucht, also die absolute Spitzenklasse", sagt Swalve. "Für mich ist entscheidend, wie es der breiten Masse der Kühe in Deutschland geht. Und da gilt: Auch die ganz normalen Landwirte wollen gesunde Tiere, denn gesunde Tiere sind ihr Kapital." In Deutschlands Ställen müssen also ziemlich viel gut gepflegte VW Golf stehen. Kein Vergleich zu einem Porsche namens Lady Gaga.

Ein dicker Bauch einer ansonsten schlanken Kuh signalisiert: Ich kann fressen, fressen, fressen

Wille setzt sich ins Auto. Er muss nach Bremen zum Flughafen, einen besonderen Gast abholen: Pat Lundy betritt die Ankunftshalle. Ein jungenhafter Hüne mit muskulösen Oberarmen, der viel Kaugummi kaut. Lundy, 27, arbeitet seit acht Jahren als Cow-Fitter. Als Stylist für Kühe. Bis zu 45 Wochen im Jahr fliegt der Mann aus dem Staat New York durch Nordamerika und Europa – überall dorthin, wo seine Künste gebraucht werden. Reiseroute diesmal: New York State–Montreal–München–Bremen–Essen–Oldenburg.

Noch drei Tage. Henrik Wille lädt Lady Gaga in den Viehtransporter. Ein Star wie sie braucht, um Topleistungen zu bringen, eine gewisse Eingewöhnungszeit. Schwülwarmes Wetter ist angesagt, dabei fühlt sich Gaga bei minus zwei Grad am wohlsten. "Ich hoffe nicht, dass uns die Wärme die letzten Zentimeter Bauchfülle kostet", sagt Wille. Bauchfülle ist ein wichtiges Kriterium. Ein dicker Bauch einer ansonsten schlanken Kuh signalisiert: Ich kann fressen, fressen, fressen. Wille hat mit Lady Gaga jeden zweiten Tag den Gang am Halfter geübt. Im Idealfall wird Gaga mit hoch erhobenem Haupt durch den Ring schreiten, am Halfter gehalten von nur zwei Fingern. Es soll leicht aussehen, das 950-Kilo-Monstrum zu bewegen.

Nein, kein Schnappschuss aus einer Autowerkstatt: Eine schöne Kuh fordert geballten Materialeinsatz
Nein, kein Schnappschuss aus einer Autowerkstatt: Eine schöne Kuh fordert geballten Materialeinsatz
© Patrick Ohligschläger

Wille nimmt mit sieben Kühen an der Schau teil. Lady Gaga ist für die Zucht keinesfalls die Beste. Aber dafür ist sie schön. Und schmückt ihn als Züchter. Was sagt eigentlich Ihre Frau zu dieser Liebe, Herr Wille? "Falsche Frage!"

Jedem seiner Schautiere stellt Wille einen Helfer zur Seite. Tag und Nacht kümmern sie sich um das Wohlergehen der Kühe. Und verhindern, dass die ihr aus Stroh gemachtes Bett beschmutzen. Lady Gaga frisst am Tag 60 Kilo Futter und säuft 120 Liter Wasser. Und noch immer ist es den Züchtern nicht gelungen, den Tieren das Kacken abzugewöhnen. Aber Kuhkacke wird auf makellos geschorenem Fell eher als unschön empfunden. Also springen die Helfer, im Branchenjargon unbarmherzig "Shit Picker" genannt, Tag und Nacht mit Eimer und Küchenrolle herbei, sobald eine Kuh den Schwanz hebt. Merke: Das Absondern von Kot und Urin vor dem Preisrichter im Richtring wird nicht mit Punktabzug bestraft.

"Das Euter ist der vielleicht wichtigste Teil der Kuh"

Noch zwei Tage. Oldenburg. Der Deutsche Holstein Verband hat die Weser-Ems-Hallen gebucht. In der großen Halle wird sonst Bundesliga-Basketball gespielt, nun soll der mit 50 Kubikmeter gefärbtem Sägemehl ausgepolsterte Innenraum Laufsteg für 190 Kühe werden. 300.000 Euro kostet die Veranstaltung den Verband. 2500 Zuschauer werden kommen, fast ausschließlich Fachleute, die zwölf Euro Eintritt zahlen. Rund um den Richtring präsentieren Aussteller ihre Produkte – von der Hygiene-Station ("Immer ein sauberer Nuckel!") bis zu "Kuh Vital" und "Euter akut", Präparaten für die "natürliche Tiergesundheit".

Während die Stände der Nutztierindustrie mit Kugelschreibern und Knabberzeug bestückt werden, bereiten die Züchter in einer benachbarten Halle die Tiere vor. Merke: Die Arbeitskleidung besteht bei Mann und Frau aus einer Latzhose und einem meist karierten Hemd. Die eigenen Nieren sind unbedingt vor Zugluft zu schützen. Kuhpflege ist Knochenarbeit.

Sicher ist sicher: Euter-Check per Ultraschall. Nur Milch drin. Alles in Ordnung
Sicher ist sicher: Euter-Check per Ultraschall. Nur Milch drin. Alles in Ordnung
© Patrick Ohligschläger

Cow-Fitter Pat Lundy schreitet zur Tat. Kurz nach seiner Ankunft auf Willes Hof hatte er Lady Gaga bereits das Fell geschoren. Jetzt geht es der Lady ans Allerheiligste – ans Euter. Lundy setzt die Schermaschine an. "Das Euter ist der vielleicht wichtigste Teil der Kuh", chewinggumt Pat im Slang eines amerikanischen Ostküstenbauern. Und damit bei der Show nicht nur der Preisrichter, sondern auch der letzte fehlsichtige Altbauer in Reihe 14 sehen kann, was für ein prachtvolles Tier Lady Gaga ist, müssen die Euterhaare weg.

Merke: Eine sehr drüsige, sehr beaderte Eutertextur ist ein herausragendes Qualitätsmerkmal.

Gagas Euter: sehr drüsig, sehr adrig

Wer auf die Idee kam, den Kühen den Milchreaktor zu rasieren, weiß niemand mehr. Wahrscheinlich kam der Trend wieder aus Amerika. Es ist wie beim Menschen und seinen Schamhaaren. Früher waren die normal, im Porno-Zeitalter gelten sie als Teufelswerk. "Vor 25 Jahren rasierte kein Mensch einer Kuh das Euter", erinnert sich Henrik Wille. "Das Tier wurde einmal gewaschen, das war's." Pat Lundy stellt die Schermaschine ab. Dann reibt er Lady Gagas bestes Stück mit Babyöl ein. Das Euter sieht nun aus wie ein riesiger glänzender rosaroter Luftballon. Sehr drüsig. Sehr adrig. Maximale Punktzahl, hoffentlich.

Lady Gaga hebt den Schwanz. Ein Shit Picker stürzt herbei, Eimer voll, Eins-a-Euteroptik gerettet. Der Shit Picker zückt die Küchenrolle, wischt der Kuh den Hintern ab. Sie brauchen viele Küchenrollen in diesen Tagen. Lady Gaga glotzt und kaut.

Merke: Der Einsatz einer Fremdhaar-Schwanzquaste ist grundsätzlich statthaft
Merke: Der Einsatz einer Fremdhaar-Schwanzquaste ist grundsätzlich statthaft
© Patrick Ohligschläger

Der Tag der Entscheidung. Die Züchter haben ihre Latzhosen gegen eine Art Schützenfest-Uniform eingetauscht: weiße Hose, dunkler Gürtel, weißes Hemd. Henrik Wille war selbst auch beim Fitter, wie seine akkurat sitzende Frisur beweist. Er raucht eine Zigarette nach der nächsten. Der Züchter ist nervös. "Heute könnte der Papst neben mir stehen, es wäre mir egal", sagt er, "ich bin nur für die Kühe da." Er blickt auf einen Monitor, der das Geschehen im Richtring überträgt. "Starke Konkurrenz. Auch die anderen haben echte Waffen im Stall!" Lady Gaga hebt den Schwanz. Schon wieder. Ansonsten wirkt sie, als ginge sie das ganze Spektakel nichts an. Nicht die riesigen Ventilatoren, die die Luft in der Halle umwälzen, nicht die Fans, die sich tatsächlich neben die Kuh stellen, Selfies machen und sich "Wahnsinn!" zuraunen.

In Deutschland hat Lady Gaga wenig zu befürchten. Nicht mal als reifere Lady

Gaga ist eigentlich Französin, und sie hieß ursprünglich anders. Die Markierung 3 13 auf ihrem riesigen Hinterteil zeugt noch heute von dem Stall, in dem sie aufwuchs. Irgendwann wurde die Kuh in die Schweiz verkauft. Dann übernahm sie ein Züchter aus Bremerhaven. Er hatte die Idee, das Tier nach einem exzentrischen Popstar zu benennen, der unter anderem durch ein Kleid aus rohem Fleisch berühmt wurde. Aber so richtig glücklich wurde er mit Gaga nicht. Henrik Wille kaufte ihm die Kuh vor fünf Jahren für schlappe 3750 Euro ab und entschlüsselte ihre Geheimnisse: "Sie muss weich in einer Einzelbox liegen und hart laufen. Das mag sie." Unter Willes Händen blühte Gaga auf, ihr Wert vervielfachte sich. Heute wird sie als "EX-97" eingestuft, wobei "EX" für "exzellent" steht, der höchste Qualitätsstandard. Irgendwo in Kanada soll es eine Kuh geben, die "EX-98" ist. Egal, in Deutschland hat Lady Gaga wenig zu befürchten. Nicht mal als reifere Lady.

13.30 Uhr. Zwei Stunden bis zum Aufritt. Seit mehr als zwölf Stunden ist Lady Gaga nicht gemolken worden. Ihre Zitzenöffnungen sind mit einem Klebstoff verschlossen. Damit sie nicht tropft. Das ist auf Schauen erlaubt. Mehrere Tierärzte kontrollieren die Kühe. Das Euter wird durch Abtasten untersucht. Ist es zu fest, zu voll, zu hart, muss Milch abgelassen werden.

Das Tier als Berufung: Helfer Franz Ziem im Kampf gegen die Kuhverschmutzung
Das Tier als Berufung: Helfer Franz Ziem im Kampf gegen die Kuhverschmutzung
© Patrick Ohligschläger

14.54 Uhr. Jetzt muss jeder Handgriff sitzen. Pat Lundy wischt das Euter mit Spiritus ab, trägt eine neue Schicht Babyöl auf. Lady Gaga hebt den Schwanz, der Shit Picker macht einen Hechtsprung. Lundy gibt Gagas Fell den letzten Schliff. Die schräg stehenden Rippenbögen, ein Qualitätsmerkmal, werden durch eine zusätzliche Rasur betont. Wie Kajalstift. Und nun kommt Haarspray, immer wieder Haarspray. Auch die penibel geföhnte Oberlinie der Kuh sitzt makellos. Merke: Es darf nur hochgeföhnt werden, was wirklich zur Kuh gehört. Fremdhaareinsatz ist untersagt. Außer beim Schwanz. Co-Cow-Fitter Jonas Melbaum kämmt und toupiert die gebleichte Schwanzquaste. Lady Gaga hat zum Glück noch ihre eigene. Manch an dere Tiere tragen eine Art Perücke. Merke: Sofern eine Kuh ihre Quaste durch Unfall und anderes Unbill verloren hat, ist der Einsatz einer Kunstquaste statthaft.

Vor dem Finale: Die Cow-Fitter Jonas Melbaum und Pat Lundy scheren Lady Gagas Fell
Vor dem Finale: Die Cow-Fitter Jonas Melbaum und Pat Lundy scheren Lady Gagas Fell
© Patrick Ohligschläger

Showtime. Lady Gaga riecht nicht mehr nach Kuh, sondern nach Pflegeprodukten. Euter und Fell glänzen, kurzer Wasserstrahl auf die Schnauze, fertig. Gemächlichen Schrittes gehen Wille und Gaga zum Richtring. Der Tierarzt wirft einen letzten Blick auf das Paar. "Die Kuh zeigt Ohrenspiel, ist aufmerksam. Das Euter ist voll, aber noch elastisch. Die Kuh ist ein Profi. Und der Züchter auch." Vor allem ist Henrik Wille: konzentriert. Ring frei für Lady Gaga. Aus den Lautsprecher ertönt Ed Sheeran: I’m in love with your body. Langsam schreiten sechs Holsteiner an Preisrichter Cord Hormann vorbei. Ermittelt wird zunächst die Siegerkuh der älteren Klassen – das sind Kühe, die schon fünf oder mehr Kälber zur Welt gebracht haben.

Die Jugend gegen Sophia Loren

Der Preisrichter hat sein Urteil gefällt. Er wird der besten Kuh zum Zeichen ihres Triumphs einen Klaps aufs Hinterteil geben. Aber zunächst: dramatische Musik, Lichteffekte. Um die Spannung zu steigern, schlendert der Preisrichter auch um Kühe herum, die er nicht auszeichnen wird. Das Publikum verfällt in rhythmisches Klatschen. Der Preisrichter hebt die Hand. Dann sprintet er in Richtung Gaga. Klaps! Bundessiegerin! In seiner Urteilsbegründung wird Cord Hormann von einem "herausragenden Skelett mit fester Oberlinie" und von einem "extrem gut aufgehängten Euter" sprechen. Das ist der Klassensieg. Aber noch steht der Höhepunkt bevor: die Wahl zum Grand Champion. Hier stellen sich die Siegerkühe von jung bis alt nochmals dem Urteil. "Eine 25-jährige Frau gut aussehen zu lassen ist nicht so schwierig", sagt Henrik Wille, "aber Lady Gaga geht ja schon eher in Richtung Sophia Loren."

Was also kann das junge Gemüse gegen die Schönheit eines gelebten Kuhlebens ausrichten? Noch mehr Drama, noch mehr Musik. Machen wir es kurz. 16.33 Uhr, Sophia Loren gewinnt. Der Preisrichter muss in seiner Ansprache nicht nochmals die herausragenden Körpermerkmale betonen: "Es ist alles gesagt."

Sieger Henrik Wille mit Sieger-Söhnen Hinnerk und Hennes – und Sieger-Kuh Gaga
Sieger Henrik Wille mit Sieger-Söhnen Hinnerk und Hennes – und Sieger-Kuh Gaga
© Patrick Ohligschläger

Die Nationalhymne ertönt. Allgemeine Ergriffenheit. Willes Söhne Hinnerk und Hennes halten den Pokal, Gratulanten strömen herbei, klopfen Schultern. Und all die Anspannung fällt von Henrik Wille ab. Sein Hemd ist durchgeschwitzt, seine weiße Jeans dreckig, die Wangen glühen. Und Wille weint. Lady Gaga steht neben ihm und glotzt. Und kackt schon wieder. Das babyölglänzende Euter bekommt grünbraune Flecken. Scheißegal jetzt.

Wie es Lady Gaga wohl geht? Die Kuh schweigt und kaut. "Solange sie kaut, geht es ihr gut", sagt Henrik Wille. Ein Helfer führt sie fort. Zum Melken. Endlich.

Diese Kuh heißt "Lady Gaga"

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