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"Titanic" Das Geschäft mit dem Mythos


In der Nacht zum 15. April 1912 haben mehr als 1500 Menschen in den eisigen Fluten des Atlantiks ihr Leben verloren. Der Untergang der "Titanic" gilt als Sinnbild für Katastrophen und menschliche Selbstüberschätzung. Und trotzdem boomt das Geschäft mit der "Titanic".
Von Axel F. Busse

Ebenso wie für katastrophalen Verlust steht der Name Titanic für immensen Profit. Der Mensch, der vermutlich am meisten von dem Ereignis profitiert hat, dürfte der kanadische Regisseur und Produzent James Cameron sein. Sein Leinwand-Epos "Titanic", das 1997 die historisch nicht verbürgte Geschichte einer Überlebenden zum Thema machte, spielte weltweit mehr als eine Milliarde Dollar ein. Allerdings stehen dieser Summe auch rund 200 Millionen Dollar Produktionskosten gegenüber, die "Titanic" zu einem der teuersten Filme der Kinogeschichte machten. Aber auch nach seinem Welterfolg hat James Cameron das Thema nicht losgelassen und er stellte im Jahre 2002 die Dokumentation "Ghosts of the Abyss" ("Geister des Abgrundes") vor. Hier beschreibt er, wie seine Crew das Wrack mittels Tauchrobotern erkundet.

Der Untergang des Luxusliners hat schon lange vor Cameron die Phantasie unzähliger Film- und Buchautoren beflügelt. Bereits vier Wochen nach der Katastrophe wurde der Kurzfilm "Saved from the Titanic" gezeigt, in dem die Schauspielerin Dorothy Gibson, eine Überlebende, die Hauptrolle spielte. Im Sommer 1912 folgte "In Nacht und Eis", eine deutsche Produktion. Rund ein Dutzend Titel kann man in Filmlexika finden. Darunter erscheint der bereits 1940 vom Reichspropagandaministerium zur Unterstützung der psychologischen Kriegsführung gegen England geplante Streifen besonders skurril. Er wurde 1942/43 gedreht und deutet die Katastrophe als Sieg verbrecherischer Geschäftsinteressen über seemännische Verantwortung.

Mit Büchern auf die "Titanic"

Die "Titanic"-Literatur füllt etliche Regalmeter. Einer der aufwändigsten Bände ist in der Collection Rolf Heyne erschienen: Auf rund 230 großformatigen Seiten werden das Schiff und seine Geschichte ausführlich dargestellt. Der Text stammt von Donald Lynch, der als Historiker der "Titanic Historical Society" auch Aussagen von Überlebenden auswerten konnte. Schiffsillustrator Ken Marshall hat mit seinen Bildern einen interessanten Kontrast zu den über einhundert Fotodokumenten geschaffen.

Fasziniert vom Phänomen "Titanic" war auch der Journalist Wolf Schneider. Nach eigenem Bekunden hatte die Ufa-Verfilmung des Stoffs schon 1943 sein Interesse geweckt. Es brauchte aber 43 Jahre, bis im Verlag Gruner & Jahr sein Buch "Mythos Titanic" erschien. Es ist als detailliertes Protokoll der letzten drei Stunden des Ozeanriesen konzipiert. Für Schneider markierte der Untergang auch ein sozio-kulturelles Phänomen: das Ende des uneingeschränkten Fortschrittsglaubens. Minutiös verbindet Schneider eine beeindruckende Faktenfülle mit eigenen Bewertungen und widmet sich im letzten Teil des Buches auch der Suche nach dem Wrack.

Auf knapp 250 Seiten dokumentiert der bei Ullstein erschienene Bildband "Das Geheimnis der Titanic". Die jahrelangen Vorbereitungen, die Positionsbestimmung des geborstenen Unglücksschiffs mittels Sonar und Tauchrobotern sowie die abenteuerlichen Bergungsfahrten, mit denen Teile der Ausrüstung wieder an die Oberfläche geholt wurden. Seit Ballard, der sich für die historischen Darstellungen ebenfalls des Illustrators Ken Marshall bediente, ist eines der zahlreichen Geheimnisse gelüftet: Der sagenumwobene Tresor des Luxusliners barg nicht den erwarteten millionenschweren Diamantenschatz.

Für die kulinarisch orientierten Leser gibt es "Das letzte Dinner auf der Titanic", eine nach den Original-Speisekarten sortierte Zusammenstellung von 50 Rezepten und Menüs. Je nach Aufwand, den der Hobbykoch betreiben will, bestehen Auswahlmöglichkeiten zwischen der siebengängigen Speisfolge der ersten Klasse oder einem Snack aus grünen Erbsen und Schiffskeksen in der dritten Klasse.

Originale lassen die Kasse klingeln

Ein neues Kapitel der "Titanic"-Geschichte schlug Robert D. Ballard auf, als am 14. Juli 1986 erstmals ein menschlicher Blick auf den in fast 4000 Meter Tiefe liegenden Rumpf fiel. Dem Amerikaner war gelungen, was seit dem Verschwinden des Schiffshecks in den eisigen Fluten des Atlantik viele ernsthafte Forscher und noch mehr Glücksritter vergeblich versucht hatten: das Wrack zu finden.

Nach Entdeckung des Wracks wurden zahlreiche Gegenstände von der "Titanic" geborgen. Und auch mit diesen Artefakten lässt sich Geld verdienen. Schon 1997, im Entstehungsjahr des Cameron-Films, zog eine Ausstellung tausende Besucher in die Hamburger Speicherstadt. Wer Geschirr und Besteck aus dem Speisesälen, Koffer und Brillen aus den Kabinen und Sektflaschen aus dem Magazin betrachtet hatte, konnte anschließend aus einem reichen Sortiment an "Titanic"-Fanartikeln wählen. Basecaps, Sweatshirts, Regenschirme und Feuerzeuge mit dem Logo "R.M.S. Titanic" erfreuten so manches Sammlerherz. In diesem Sommer ist die Ostseemetropole Kiel Schauplatz einer solchen Ausstellung. Zur traditionellen "Kieler Woche" wird am 16. Juni in der Ostseehalle eine Ausstellung mit rund 200 Artefakten eröffnet. Sogar ein Nachbau des vorderen Treppenhauses der 1. Klasse ist zu sehen.

Weniger dem Kommerz als dem Mythos dürften sich die zahlreichen Betreiber von Internetseiten verpflichtet fühlen, die emsig Informationen über das Schiff und sein Schicksal sammeln. Eine der umfangreichsten ist die www.titanic-gedenkseite.de. Die Fans sind zahlreich und weit verstreut. Das zeigt schon das Gästebuch, das allein im März mehr als 2000 Besucher zählte.


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