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Onlinehandel und Corona: Amazons schwieriger Spagat: Wie geht Social Distancing im Paketzentrum?

Vieles steht derzeit still, der Onlinehandel brummt. Kann Social Distancing in einem Paketzentrum voller Lagerarbeiter funktionieren? Amazon und Co. versuchen es mit speziellen Maßnahmen.

Amazon-Logistikzentrum

Arbeiter im Amazon-Logistikzentrum in Dortmund

Picture Alliance

Das Video ist nur zwei Sekunden lang, aber es verdeutlicht das Problem: Hunderte Mitarbeiter drängen nach Schichtende dicht an dicht durch einen Garderobenraum Richtung Ausgang. Die Szene soll am 23. März in einem Amazon-Logistikzentrum in Polen aufgenommen worden sein, das auch den deutschen Markt beliefert.

Ob das von der polnischen Arbeiterinitiative "Inicjatywa Pracownicza" via Twitter verbreitete Video authentisch ist und das angegebene Datum stimmt, lässt sich nicht zweifelsfrei klären. Doch es macht klar: Die Regeln für Social Distancing gegen die Verbreitung des Coronavirus in einem Paketzentrum mit Hunderten Mitarbeitern einzuhalten, ist eine besondere Herausforderung.

Während viele Ladengeschäfte derzeit ihre Türen schließen, um das Kontaktverbot zu achten, brummt der Onlinehandel munter weiter. Handelsexperten gehen davon aus, dass die Nachfrage im Versandhandel sogar noch ansteigen wird, je länger der derzeitige Zustand andauert. In den USA hat Amazon bereits angekündigt, 100.000 zusätzliche Kräfte einzustellen.

Amazon Deutschland stellt Hunderte Mitarbeiter ein

Auch in Deutschland fährt Amazon das Geschäft aktuell hoch statt runter. "Wir verzeichnen derzeit mehr Online-Einkäufe, daher sind einige Produkte wie Waren für den täglichen Bedarf und medizinische Verbrauchsgüter aktuell nicht vorrätig", sagt ein Amazon-Sprecher dem stern. Diese Produkte würden derzeit beim Wareneingang in den Logistikzentren priorisiert behandelt, sodass die Lager schneller wieder aufgefüllt werden.

Um die steigende Nachfrage zu bedienen, schaffe Amazon deutschlandweit aktuell 350 zusätzliche neue Vollzeit- und Teilzeitstellen in Logistikzentren und dem weiteren Logistiknetzwerk. Dazu kämen noch in diesem Jahr ohnehin geplante Investitionen und neue Arbeitsplätze in den Logistikzentren Oelde und Sülzetal.

Proteste in Italien, Spanien, Frankreich

Doch der Onlinekauf verlagert das Risiko der Ansteckung mit dem potenziell tödlichen Virus weg von Verkäufer und Käufer an der Ladentheke hin zum Lagerarbeiter im Paketzentrum. In Italien und Spanien wurden Medienberichten zufolge bereits Amazon-Mitarbeiter positiv auf das Virus getestet – doch die Betriebe blieben geöffnet. In Italien, Spanien und Frankreich formiert sich daher in der Belegschaft Widerstand, wie etwa das Portal Politico berichtet. "Das ist verrückt", empört sich dort Gianpaolo Meloni, Amazon-Mitarbeiter in Castel San Giovanni in Norditalien. "Ich kann nicht auf die Straße gehen, weil die Polizei mich anhält, wenn ich keinen guten Grund habe. Warum muss ich in ein Fulfliment Center gehen und umgeben von Tausenden Menschen arbeiten?" "Die Leute haben Angst", berichtet auch Agnieszka Mróz, Amazon-Packerin in Polen und Aktivistin bei Inicjatywa Pracowniczader.  "Die Firma verdient Geld auf Kosten unserer Gesundheit."

Wie sieht die Lage in Deutschland aus? Um die erhöhte Nachfrage zu bedienen und die Belegschaft in der aktuellen Ausnahmesituation bei Laune zu halten, plant Amazon in Deutschland und Österreich bis Ende April 2 Euro brutto auf den geltenden Stundenlohn von 11,10 Euro draufzupacken. Die Gewerkschaft Verdi kritisiert allerdings, dass die Motivationsspritze nur für tatsächlich geleistete Arbeitsstunden gezahlt wird: "Das führt dazu, dass sich Beschäftigte in dieser Corona-Krisenzeit krank zur Arbeit schleppen und damit eine Gesundheitsgefährdung für ihre Kolleginnen und Kollegen darstellen", sagt Verdi-Mann Orhan Akman. Die Gewerkschaft fordert statt dieser Risikoprämie mehr Rücksicht auf die Gesundheit der Beschäftigten.

Virologe Hendrik Streeck

Social Distancing im Amazon-Lager

Amazon betont auf Anfrage, an Standorten auf der ganzen Welt – auch in Deutschland – eine Reihe präventiver Gesundheitsmaßnahmen eingeführt zu haben. Neben Handwaschregeln und verstärkter Flächendesinfektion sind das vor allem Vorgaben, die die Kollegen bei der Arbeit soweit wie möglich auf Abstand halten sollen. Am Boden der Lagerhallen sind überall da, wo sich Schlangen bilden könnten, zusätzliche Abstandsmarkierungen angebracht worden. Die Stechuhr funktioniert kontaktlos, Tische und Stühle in den Pausenräumen wurden in größerem Abstand angeordnet. Während der Schichten gibt es keine Teammeetings mehr.

Um Szenen wie auf dem polnischen Video zu vermeiden, hat Amazon nach eigener Aussage zudem begonnen, Start- und Pausenzeiten der Schichten zu staffeln, damit Abstand gehalten werden kann. Selbst die eigentlich obligatorischen Ausgangskontrollen, mit denen Amazon seine eigenen Mitarbeiter vom Warendiebstahl abhalten will, wurden bis auf Weitere ausgesetzt, um Staus an den Ausgängen zu verhindern.

All diese Maßnahmen helfen allerdings wenig, wenn sich die Kollegen einer Schicht nach dem Verlassen des Firmengeländes in überfüllte Busse zwängen müssen. Die Nachrichtenseite Heidelberg24 veröffentlichte am Mittwoch ein Foto eines Amazon-Mitarbeiters, der im Logistikzentrum Frankenthal bei Ludwigshafen arbeitet: Es zeigt einen komplett überfüllten Bus nach Schichtende. "Zwei kleine Busse für 100 Personen", zitiert das Portal einen anonymen Mitarbeiter. Bei Amazon heißt es, man sei sich des Problems bewusst. Der Konzern arbeite an mehreren Standorten an einer Erhöhung der Buskapazitäten, sei jedoch auch auf die Mithilfe der jeweiligen ÖPNV-Betreiber angewiesen.

Das passiert bei Otto und Zalando

Nicht nur Amazon versucht, sich an die verschärfte Lage anzupassen. Auch der Otto-Konzern, die Nummer 2 im deutschen Versandhandel, berichtet von Maßnahmen für Social Distancing im Paketgeschäft. In den Versandzentren des Logistikpartners Hermes seien die Strukturen und Prozesse so angepasst worden, dass Mitarbeiter voneinander Abstand halten können. "Dazu wurde bei allen Arbeitsplätzen überprüft, ob ein Abstand von 1,50 Metern zwischen den Arbeitenden eingehalten werden kann und – wenn nicht – entsprechend umorganisiert." Doppelarbeitsplätze seien auf Einzelarbeit umgestellt worden, die Überlappung von Schichten und Pausen entzerrt. Kantinen lassen – sofern noch geöffnet – nur noch eine limitiert Zahl an Menschen gleichzeitig herein.

Am Logistikstandort des Spielzeughändlers Mytoys, der zu Otto gehört und 800 Mitarbeiter im hessischen Gernsheim beschäftigt, starten die Schichten nun versetzt, um Gruppenbildungen zu vermeiden. Die Otto-Tochter Baur Fulfillment Solutions lässt wischen Früh- und Spätschicht eine Stunde den Betrieb ruhen, damit sich die Kollegen nicht auf dem Gelände begegnen. Einen Bestellboom gibt es bei Otto derzeit nicht, das Geschäft sei etwa auf dem gleichen Niveau wie vor der Corona-Krise, sagt ein Konzernsprecher. Manche Waren würden weniger nachgefragt, dafür laufen andere besser - darunter Fitnesshanteln, Gesellschaftsspiele und Haarschneidemaschinen.

Versandhändler Zalando meldete bereits vor zwei Wochen den ersten Corona-Fall in seiner Berliner Belegschaft. Die betroffenen Arbeitsbereiche wurden daraufhin vorübergehend geschlossen, Teammitglieder in Quarantäne geschickt. "Wir sind darauf fokussiert, zum einen die Gesundheit unserer Mitarbeiter zu schützen, zum anderen die Fortführung unseres Geschäfts sicherzustellen", sagt eine Sprecherin zum stern. Immerhin: Mit einem erhöhten Bestellaufkommen muss die Zalando-Logistik dabei nicht kämpfen. Der nach Amazon und Otto drittgrößte Versandhändler in Deutschland verzeichnet derzeit deutlich weniger Bestellungen. Neue Klamotten und Schuhe sind in der Krise nicht sonderlich gefragt.

Quellen: Amazon / Otto / Zalando / Politico / Verdi / Heidelberg24

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