HOME

Apple: Die Angst um Steve Jobs

Nach dem Rückzug des Konzernchefs steht Apple vor bangen Zeiten. Wie schlimm steht es wirklich um seine Gesundheit? Kommt er wirklich zurück? Bei allem Talent im Konzern - ohne den Übervater ist der Absturz kaum zu vermeiden.

Von Helene Laube und Arndt Ohler

Vor gar nicht langer Zeit, da klang das noch etwas kerniger, wenn Steve Jobs sich mal zu den Gerüchten um seine Gesundheit äußerte. "Ich halte Sie für einen Eimer Schleim", blaffte er im vergangenen Sommer einem Kolumnisten entgegen, bevor er ihm sagte, dass er zwar erkrankt sei - aber nicht schwer. Jetzt, als am Freitag wieder die Frage aufkam, verkniff er sich jede Schimpferei. "Warum lasst ihr Jungs mich nicht in Ruhe?", sagte er einem Journalisten der Agentur Bloomberg. "Warum ist das so wichtig?"

Ja, ist sie so eine monatelange Aufregung wert? Seine Krankheit? Sein Verzicht auf öffentliche Auftritte? Und jetzt die neuste Ankündigung? Er habe erkennen müssen, schrieb er da seinen Mitarbeitern in der vergangenen Woche, dass seine gesundheitlichen Probleme "komplexer sind, als ich ursprünglich angenommen habe". Aus dem, was Apple anfangs einen Bazillus nannte, ist längst eine Hormonstörung geworden, die verhindert, dass Jobs' Körper Proteine verarbeitet. Nun zieht sich der Apple-Gründer bis Ende Juni aus dem Tagesgeschäft zurück. In strategische Entscheidungen werde er aber nach wie vor eingebunden.

Es ist schon eine erstaunliche Frage, die Jobs da dem Bloomberg-Journalisten stellt. Natürlich ist es wichtig. Alles: Seine Krankheit, sein Versteckspiel und sein vorläufiger Rückzug. Apple ist Jobs, und Jobs ist Apple. Da kann der Konzern zehnmal die Verdienste anderer Mitarbeiter herausstellen, von Jonathan Ive, dem Designer, bis zu Timothy Cook, dem operativen Chef. "Steve ersetzen?", sagt Cook denn auch selbst. "Kommen Sie, nein. Er ist unersetzlich." Zu sehr ist Jobs Genie, zu sehr Autokrat. Noch wenige Monate bevor das iPhone auf den Markt kam, hat er das Design für die Außenhülle des Handys abgelehnt. "Ich kam an einem Montagmorgen rein und sagte: Ich liebe das Ding einfach nicht. Ich kann mich einfach nicht dazu zwingen, mich in das Ding zu verlieben‘", erzählte er vor einigen Monaten. Es sei die Hölle gewesen, dem Team zu sagen, dass die Arbeit eines ganzen Jahres umsonst gewesen sei.

"Jobs ist das Herz von Apple"

Die Hölle, ja, aber so ist er eben. Ein notorischer Mikromanager, ein Perfektionist mit kompromisslosem Führungsstil. Er kümmert sich um alles: Bestimmt die Schraubenzahl am Notebook oder die Krümmung der Bildschirmecken. Und gleichzeitig kümmert er sich um nichts. Die gängige Meinung? Die Marktforschung? Ist ihm egal. Er weiß selbst, was die Leute wollen - oder wollen werden. Mit seiner Herrschsucht hat er Apple zu einem der erfolgreichsten Unternehmen der Branche gemacht. Und eine Einheit aus Marke und Chef geschaffen, wie sie selten ist bei einem Konzern. Das heißt nicht, dass Jobs keine guten Leute neben sich erträgt. Apple hat viele starke Manager und kreative Köpfe, Leistungsträger wie Timothy Cook oder Jonathan Ive. Der operative Chef Cook hat für die Produktion und den Vertrieb eine Struktur erfunden, um die die gesamte Branche Apple beneidet. Und der Designer Ive hat Schönheiten geschaffen, zu denen der Konkurrenz vielleicht das Können, auf jeden Fall aber der Mut fehlt. "Der Aufsichtsrat hätte einige gute Wahlmöglichkeiten", sagte Jobs vor einem knappen Jahr über seine Nachfolge.

Und doch gilt: "Jobs ist das Herz von Apple und der Mann, der die Visionen hat." Da ist sich Tim Bajarin ganz sicher, Apple-Kenner und Analyst von Creative Strategies. Jobs hat nicht nur sein Unternehmen geprägt, er hat Branchen revolutioniert: die Computerwelt mit dem Macintosh, das Musikgeschäft mit iPod und iTunes, den Handysektor mit dem iPhone. "Steve Jobs ist eine Legende und eine Ikone", sagt Bajarin. Um Jobs kreist alles. "Letztendlich ist eine bestimmte Gravitationskraft nötig, die alles zusammenbringt", beantwortete Jobs selbst einmal die Frage nach seiner Bedeutung. "Sonst hat man vielleicht tolle Einzelteile an Technologie, die alle durchs All schweben, aber in der Summe stellen sie wenig dar." Tim Bajarin glaubt, dass es unmöglich ist, ein solches Gravitationszentrum zu ersetzen. "Steve Jobs ist in diesem Sinn unersetzlich", sagt der Analyst.

Allem zugrunde liegt Jobs' Gespür für das, was der Markt, die Massen wollen. Und sein Sinn für Design, mit dem er seine Stardesigner immer wieder antreibt. Darauf kann Apple nicht verzichten. Und somit ist es keine Überraschung, dass sich Jobs in den nächsten Monaten nicht komplett zurückzieht, dass er bei der Strategie weiter mitreden wird. Da will er sich auch von seiner Krankheit nicht bremsen lassen, um die immer neue Gerüchte hochkochen. Bloomberg berichtet von Überlegungen zu einer Lebertransplantation. Die Quelle sind Personen, so Bloomberg vage, die Jobs' Gesundheitszustand "beobachten". Im Jahr 2004 war Jobs wegen eines Krebstumors an der Bauchspeicheldrüse operiert worden. Seit Juni 2008, als erstmals auffiel, wie dünn Jobs geworden ist, gab es Spekulationen, der Krebs sei zurück. Apple hat nichts getan, um diesen entgegenzutreten. Der Konzern informierte nur zögerlich und sehr allgemein. Das erboste viele Investoren und Branchenexperten. Jobs sei entscheidend für den Unternehmenserfolg, deshalb müsse Apple lückenlos über seine Krankheit unterrichten.

Gibt es eine Zukunft für Apple ohne Jobs?

Die Spekulationen haben den Kurs der Apple-Aktie in den vergangenen Monaten stark belastet, die Mail von vergangener Woche führte nur zu einer milden Reaktion, einem Einbruch von vier Prozent. Die Gerüchte der vergangenen Monate haben die Aktie schon so weit nach unten geprügelt, dass der nächste Einbruch wohl erst kommt, wenn Jobs nicht mehr als Vorstandschef zurückkehren sollte Aber selbst bei Verlust des Postens wäre er noch nicht draußen. "Solange Steve lebt, wird er zu Apple gehören und seine Visionen einbringen - so einer geht nicht in Rente", sagt Bajarin. Und im allerschlimmsten Fall? Wenn er stirbt. Dann könne Apple in den nächsten Jahren noch von Jobs' Ideen zehren, sagt Bajarin: "Steve ist nicht einer, der in Zwei-Jahres-Visionen denkt. Er hat wahrscheinlich längst Pläne ausgeheckt, wie Apple in drei, sechs oder zehn Jahren aussehen wird."

Verwirklichen könnte diese sein Team, die Leute, die in den vergangenen Jahren gelernt haben, Jobs' Gedanken umzusetzen und ein wenig sogar wie er zu denken. Auf mittlere Sicht dürfte es bei den Produkten keine großen Probleme geben. Was die Apple-Fans als Nächstes kaufen und wovon der Konzern gut leben kann, steht längst fest und ist in der Pipeline, sagen Analysten. Dazu gehören Gerüchten zufolge ein kleineres iPhone und neue Mac-Rechner. "So kann der Konzern überleben, auch wenn Jobs nicht mehr als Showman und Chefverkäufer da sein sollte", sagt Bajarin.

Das war auch in der Vergangenheit so. "Wenn man die Geschichte von Apple betrachtet, sieht man, dass der Konzern mehrere Jahre lang dahingleiten und sich immer noch bestens schlagen kann", sagt der frühere Apple-Mitarbeiter Paul Mercer der "New York Times". Aber es sei sehr riskant, und ohne Jobs sei die Zukunft langfristig unhaltbar, glaubt Mercer. Beweise, dass Apple ohne Jobs vom Kurs abkommt, gibt es genug. Nachdem er 1985 gefeuert worden war, ging es ein paar Jahre gut, dann kam der Absturz. Kein Manager konnte ihn stoppen. So ähnlich, fürchten Experten, sähe es diesmal aus. Der Aufsichtsrat ist nun in der Pflicht, sich zumindest für den Fall der Fälle umzuschauen. Im Konzern und außerhalb. Die Szene sieht dies sarkastisch. "Warum sollten sie sich außerhalb Apples umschauen, wenn es eh keinen gibt, der ihn ersetzen kann?", sagt Charles Wolf, Analyst von Needham & Company.

FTD
Themen in diesem Artikel