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Arcandor-Insolvenz: Ladenschluss bei Karstadt

Jetzt herrscht Klarheit: 128 Jahre nach Gründung des Stammhauses in Wismar ist der Karstadt-Mutterkonzern Arcandor insolvent. An vielen Orten herrscht Angst und Entsetzen. Aber nicht alle Mitarbeiter geben auf. Szenen aus den letzten Stunden eines Traditionskonzerns.

Von Nina Klöckner und Kirsten Bialdiga

An einem solchen Tag wirkt alles wie Hohn. Die Protestplakate vom Vortag, die noch an den Fensterscheiben der Essener Hauptverwaltung kleben: "Ohne Staatsbürgschaft stirbt Karstadt" oder "Das Warenhaus lebt". Durchhalteparolen wie "Nur gemeinsam können wir es schaffen". Und drinnen die Stellenbörse, die schwarzen Bretter hängen noch voll mit Jobangeboten: Mitarbeiter für Liquiditätsplanung und -controlling, Revisoren, Mitarbeiter Warenwirtschaft.

Als Vorstandschef Karl-Gerhard Eick um 17 Uhr vor den Glasdrehtüren vor die Presse tritt, wirkt er ruhig, beherrscht. "Grüß Gott", sagt er und seine Augen suchen den düsteren Himmel über der Arcandor-Zentrale ab, als müsse er sicher gehen, dass nicht auch noch von dort Ungemach droht. Dann spult er Dankesworte ab, die er sich in den vergangenen Stunden zurechtgelegt hat. Dank an die Mitarbeiter, die gekämpft haben, an die Kunden mit ihren 1,3 Millionen Solidaritätsunterschriften, an den Aufsichtsratschef, ja sogar an die Politik.

Nur einmal blitzt auf, was er erlebt hat: "Ich kann mit Fug und Recht behaupten, dass die letzten drei Monate die intensivste Zeit meines Berufslebens waren", sagt er und fügt leise hinzu: "Und ich habe immer schon viel gearbeitet." Er erklärt noch einmal, was alle seit dem Mittag wissen: Die Insolvenz sei unvermeidbar gewesen.

"In jedem Ende steckt ein Anfang"

Er bedaure sehr, dass er nicht alle Beteiligten von seinem Rettungskonzept überzeugen konnte. "Aber in jedem Ende steckt ein Anfang." Es klingt eher beschwörend, als überzeugt. Dann tritt Eick in die zweite Reihe zurück und überlässt denjenigen das Feld, die künftig im Konzern das Sagen haben: den Insolvenzverwaltern.

Zu diesem Zeitpunkt wirkt die Konzernzentrale schon ausgestorben wie eine Schule am späten Nachmittag. Keine Proteste, keine Kundgebungen. Von den 1500 Mitarbeitern ist kaum noch einer zu sehen.

Eine junge Frau versucht sich an den der Medienmeute vorbeizumogeln. Auf die Frage, ob sie bei Karstadt arbeite, gibt sie nur eine kurze Antwort: "Nicht mehr."

Essen,

Dienstag, am späten Vormittag

. Arcandor stellt beim Amtsgericht den Insolvenzantrag, auch für die Tochterfirmen Karstadt, Quelle und Primondo. Wochenlang hat der Konzern um die Rettung gerungen, hat um Staatshilfen geworben, hat mit Banken, Eigentümern und Vermietern verhandelt.

Das größte Insolvenzverfahren in der Geschichte der Bundesrepublik

Es war einer der dramatischsten Überlebenskämpfe der jüngeren deutschen Wirtschaftsgeschichte, emotional, intensiv, anstrengend, geführt nicht in Fabriken, sondern in den Innenstädten des Landes.

Nun ist er aus, vorbei. Es beginnt das größte Insolvenzverfahren in der Geschichte der Bundesrepublik: 43.000 Mitarbeiter sind direkt betroffen und erhalten ihr Gehalt bis August vom Staat. Wie genau es mit den 91 Warenhäusern und den 28 Sportfilialen weitergehen wird, entscheiden die Insolvenzverwalter. Klar ist: Nicht alle Häuser werden das Verfahren überstehen.

Gegen 12.20 Uhr tritt Eick vor die Angestellten. Gerade erst haben sie aus dem Internet erfahren, dass Arcandor Insolvenz angemeldet hat. Und doch begrüßen sie ihren Chef mit Applaus. "Das wäre bei seinem Vorgänger undenkbar gewesen", sagt eine Mitarbeiterin. Nach Eicks Erklärungen verlassen die meisten mit gesenkten Köpfen das Haus. "Das ist durchgegangen wie eine Explosion", sagt die Betriebsrätin Gabriele Schuster. "Die Stimmung ist grausam, die Mitarbeiter weinen."

Wismar,

Montagmittag.

Hier hat alles einmal angefangen, die erste Karstadt-Filiale. Nun könnte es bald enden. Eine Zeit zwischen Hoffen und Bangen, vor allem für die Mitarbeiter und ihre Familien. Noch gibt es Hoffnung. Draußen vor der Tür der Karstadt-Filiale am Rudolph-Karstadt-Platz 1 stehen Verkäuferinnen, halten eine Mahnwache.

Nicht nur irgendein Kaufhaus

Die Kerzen sehen im Nieselregen sehr traurig aus. Fünfzig Angestellte arbeiten hier, fast nur Frauen, viele sind in ihrer Familie die Hauptverdiener. Sie haben schon ihr Urlaubs- und Weihnachtsgeld geopfert, damit es weitergeht. Doch das interessiert niemanden mehr. "Es zehrt an den Menschen", sagt Ralf Lehmkuhl, der Geschäftsführer. "Aber die Kunden und der mögliche Kredit geben uns weiter Hoffnung."

Hier in Wismar würde den Menschen etwas fehlen, wenn es Karstadt nicht mehr gäbe. Es ist das einzige Kaufhaus der Stadt. Und es war einfach immer da. Lehmkuhl sitzt in seinem Büro, auch er hofft. Dass die Regierung in Berlin doch noch Millionen freigibt. Aus den Lautsprechern tröpfelt Säuselmusik, an der Wand hängt eine gerahmte Karstadt-Aktie für 1000 Reichsmark.

Geschäfte laufen trotzdem gut

Lehmkuhl ist erst 30 Jahre alt, hat das hausinterne Trainee-Programm durchlaufen, seit Mitte März ist er Geschäftsführer im Stammhaus. So fängt die klassische Karstadt-Karriere an. Doch statt sich hier für höhere Aufgaben zu empfehlen, ist der Chef seit vier Wochen damit beschäftigt, seine Mitarbeiter zu beruhigen. Manchmal fragt sich der junge Mann, "woher die Damen all die Kraft nehmen". Denn das hat Lehmkuhl in seinen wenigen Wochen in Wismar gelernt: Karstadt ist für Wismar nicht nur irgendein Warenhaus.

Ganz hinten im Erdgeschoss kann das jeder Kunde bestaunen. In dem kleinen Kontor erinnert alles an Rudolph Karstadt, den Firmengründer. Der alte Schrank, seine Schreibmaschine und Zitate des ehemaligen Chefs von 1931: "Wir haben es im Anfang nicht leicht gehabt. Die ganze kleine Hafenstadt schüttelte über das neumodische System der Karstadts die Köpfe. Ich gestehe, dass ich heute stolz bin, meinen mecklenburgischen Dickschädel aufgesetzt zu haben." Dieser Ort ist ein Muss für jeden Stadtführer - und bislang die Lebensversicherung der kleinen Filiale.

Das Stammhaus schließen? Das hat sich noch kein Eigentümer getraut. Doch wenn der Name Karstadt verschwindet, könnte es eng werden, auch für Wismar. "Die Geschäfte laufen gut", sagt Lehmkuhl tapfer, "wir werden das Jahr positiv abschließen." Viel mehr kann er hier nicht machen. Die Entscheidungen treffen andere. Weit weg. In Essen. Oder Berlin.

Berlin,

Montagabend, kurz nach 18 Uhr

. Wieder sickern Neuigkeiten aus dem Bundesfinanzministerium durch: Die Regierung ist hart geblieben, hat auch den Antrag auf einen staatlichen Notkredit in Höhe von 437 Millionen Euro abgelehnt. Die zweite Absage an diesem Tag, nach den ausgeschlagenen Staatshilfen aus dem Deutschlandfonds. Doch Arcandor erhält eine letzte kurze Frist, "um einen neuen, substanziell verbesserten Antrag" auf Rettungsbeihilfen zu stellen, heißt es. Es bleiben noch wenige Stunden.

"Es ist zwei Minuten vor Zwölf"

Unterstützung gab es überall und von vielen Seiten, nun melden sich in einem flehenden Chor die Oberbürgermeister der betroffenen Städte zu Wort - samt Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee. In einer Konferenzrunde in Berlin appellieren sie, den Verlust von mehr als 50.000 Arbeitsplätzen abzuwenden, und "vorrangig an die Eigentümer, Banken und Vermieter, aber auch an den Bund, unverzüglich alle denkbaren Möglichkeiten zu nutzen, um alle Kaufhäuser zu retten."

Es sind die alten Parolen: Keine Verödung der Innenstädte! Tiefensee will den Städten mit Mitteln aus der Stadtteilförderung unter die Arme greifen. "Es ist zwei Minuten vor Zwölf", warnt er. "Aber ich denke, wir können eine Menge tun, um alle Kaufhausstandorte zu erhalten." Den ganzen Abend, die Nacht, die frühen Morgenstunden verhandelt die Konzernführung mit den Eigentümern, den Banken und den Vermietern. Es wird nicht reichen.

Hamburg, Dienstag, kurz vor 13 Uhr. In der Mönckebergstraße fallen die Hüllen. Eine Karstadt-Mitarbeiterin streift sich zwei Samtschuhe über, klettert ins Schaufenster und reißt das braune Packpapier von den Scheiben, das den Kunden seit Tagen den Blick auf die Ware verwehrt hat. Die Verhüllung war eine Protestaktion: "Gehen hier die Lichter aus?", lautete der Slogan.

Seht her, wir leben noch

Sie wollten zeigen, was fehlt, wenn es Karstadt nicht mehr gibt. Nun kommen drei Plastikbeine mit edlen Strümpfen zum Vorschein. Die Geschäfte laufen weiter, trotz Insolvenzantrag. Die Frau saugt noch ein paar Fetzen weg, dann blickt sie nach draußen, auf die größte Einkaufsstraße der Stadt. Seht her, wir leben noch!

Am Glaseingang, ein paar Meter weiter, bricht auch Friedrich Overdieck seine Aktion ab. Tagelang hat der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende des Hauses an dem weißen Bistrotisch gestanden, über sich einen Sonnenschirm mit hellblauen Fransen, vor sich eine Liste mit Unterschriften.

Er hat mit seinen Kollegen gekämpft, jetzt ist der Kampf verloren - und trotzdem ist es für Overdieck das Zeichen zum Aufbruch. "Der Druck der letzten Wochen war für uns alle hier schier unerträglich", sagt er. Jetzt sei endlich etwas passiert. "Natürlich wurde die Insolvenz nicht mit Begeisterung aufgenommen. Aber hier", sagt er und stampft leicht mit dem Fuß auf den Boden, "hier wird es immer Handel geben."

Sinkende Flaggschiffe

Das Karstadt-Haus in der Mönckebergstraße zählt zu den großen Filialen des Konzerns, eröffnet 1912 und gerade für 37 Mio. Euro modernisiert. Selbstbewusst streift Overdieck durch die Parfümabteilung im Erdgeschoss, eine Hand immer am Telefon. Er achtet darauf, dass die Stimmung unter den Kollegen nicht kippt. Nicht jetzt. Nicht so wie am Wochenende, als sie draußen demonstrierten und am Ende alle betrübt waren: Kunden und Mitarbeiter. Jetzt muss es weitergehen. "Dieses Haus ist ein Flaggschiff", sagt Overdieck. Und deshalb werde es überleben.

Oben, in der sechsten Etage, hetzt Werner von Appen den Gang entlang. Das Neonlicht lässt ihn blass aussehen. Gerade hat der Geschäftsführer eine Telefonkonferenz beendet, jetzt wird er seine Führungskräfte über den Stand der Dinge informieren. "Wir haben bis zuletzt gehofft, dass wir den Staatskredit bekommen", sagt er. "Dass die Stimmung jetzt nicht besonders gut ist, ist ja klar." An diesem Tag bekommt der Chef stündlich neue Ansagen aus der Zentrale in Essen. Keiner weiß, wie es weitergehen soll. Und ob. Nur Betriebsrat Overdieck glaubt daran. "Wenn er sich da mal nicht täuscht", sagt von Appen leise und verschwindet hinter einer Eisentür.

FTD