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Kritik aus den eigenen Reihen: Lokführer-Chef "autoritär, rücksichtslos und egoistisch"

Gegenwind aus dem eigenen Lager: Eine Gruppe ehemaliger GDL-Spitzenleute stellt sich gegen Gewerkschaftschef Weselsky. Im Interview attackiert GDL-Mann Dieter Kowalsky seinen früheren Mitstreiter.

GDL-Chef Claus Weselsky will es mit seinen Lokführern durchziehen: Der genaue Termin für den nächsten Ausstand steht zwar noch nicht fest, doch erwartet werden die heftigsten Bahn-Streiks aller Zeiten. Für dieses kompromisslose Vorgehen fehlt mittlerweile nicht nur der Bahn jedes Verständnis: Die Reisenden sind genervt, die Wirtschaft stöhnt - und auch in der GDL selbst gibt es offenen Protest gegen den radikalen Kurs ihres Anführers.

Eine Gruppe von Ex-GDL-Spitzenfunktionären um den ehemaligen Bundesvorsitzenden Manfred Schell und den langjährigen Vize Dieter Kowalsky hat sich zusammengeschlossen, um Weselskys Kurs offen zu bekämpfen. Sie fürchten, dass die Lokführergewerkschaft an der Machtprobe zerbrechen wird und fordern den Rücktritt Weselskys.

Herr Kowalsky, Sie haben 17 Jahre lang als stellvertretender GDL-Bundesvorsitzender auch Tarifverträge ausgehandelt. Wie bewerten Sie die neuerliche Eskalation?
Herr Weselsky hat sich in eine extreme Position begeben: Er spielt alles oder nichts. Über Punkte wie Gehalt und Arbeitszeit ist man sich ja längst einig. Aber Weselsky will unbedingt auch für Zugbegleiter und anderes Personal verhandeln, um seine Macht auszuweiten. Ich halte es für falsch, für dieses Ziel den Reisenden und der Wirtschaft mit solch massiven Streiks einen so großen Schaden zuzufügen.

Die Lokführer werden immer mehr zu Buhmännern der Nation.
Die öffentliche Meinung hat sich schon gegen die Lokführer, aber hauptsächlich gegen die GDL, gedreht. Die Leute können den Machtkampf nicht nachvollziehen. Und das macht die Sache für die Streikenden immer schwieriger. Die Streikposten werden beim nächsten Streik den geballten Ärger der Reisenden abbekommen.

Hat Weselsky denn noch Rückhalt in der GDL?
Das ist regional unterschiedlich, aber insgesamt ist die Streikbereitschaft nach wie vor hoch. Die Streikfront steht noch.

Wie würden Sie den Führungsstil von Herrn Weselsky beschreiben?
Weselsky ist autoritär, rücksichtslos und er befriedigt sein persönliches Ego. Ich habe mit ihm auch gemeinsam Tarifverträge ausgehandelt und weiß, dass er kein Dummer ist. Im Gegenteil: Er kennt sich sehr gut aus. Aber er vergisst, dass es bei Tarifverhandlungen immer um Kompromisse geht, um Diplomatie, um gegenseitiges Entgegenkommen. Das geht ihm völlig ab.

Wie kann man die verfahrene Situation lösen?
Die GDL muss begreifen, dass es in bestimmten Situationen notwendig ist, mit der Konkurrenzgewerkschaft EVG Abstimmungsprozesse in Tariffragen vorzunehmen, um für die Zugbegleiter etwas zu erreichen. Für die Mitarbeiter ist wichtig, dass sich ihre Arbeits- und Entgeltbedingungen verbessern. Wenn die EVG die Mehrheit der Zugbegleiter vertritt, dann hat sie auch die Tarifführerschaft, dann soll sie auch dort federführend in den Verhandlungen sein, so wie die GDL für die Lokführer. Für alles andere gibt es keine ausreichende Legitimität.

Glauben Sie, Weselsky wird von seiner Maximalfordeung abrücken?
Wenn ich einen Arbeitskampf beginne, muss ich eigentlich wissen, wie ich ihn beende. Aber Weselsky hat keine Rückzugsstrategie. Er kämpft, koste es was es wolle. Den Schaden haben die Reisenden, die Wirtschaft, die Bahn und auch die Mitarbeiter.

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Interview: Daniel Bakir
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