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BAUERN: Neuseeland: Ein Leben ohne Agrarsubventionen

In Europa undenkbar, in Neuseeland eine Überraschung: Anfang der 80er drehte der Staat den Geldhahn zu - und Neuseelands Bauern wurden stärker denn je.

Die Frachtschiffe vor der Küste, aus denen es tausendfach blökte, sind längst Agrarhistorie geworden in Neuseeland. »Dahin hat man die zu viel produzierten Lämmer bringen müssen, weil nirgendwo Platz mehr war«, erzählt Tony St. Clair. »Sechs Millionen überschüssige Tiere gab es damals.« Der Geschäftsführer des neuseeländischen Bauernverbands meint den Anfang der 80er Jahre, als Landwirte am anderen Ende der Welt noch reichlich Subventionen einstrichen. Vor 18 Jahren dann drehte der Staat quasi über Nacht den Geldhahn zu. Was in Europa undenkbar wäre, überraschte im Ergebnis selbst in dem Inselstaat: »Aus dieser Erfahrung sind die neuseeländischen Bauern stärker denn je hervorgegangen«, stellt ihr Verband fest.

Fast 30 Subventionen wurden gestrichen

Es war die schiere Angst vor dem Staatsbankrott, der die Regierung in Wellington 1984 annähernd 30 verschiedene Subventionen und Exportstützen hatte streichen lassen. Fast 40 Prozent des Einkommens der Landwirte kam damals aus öffentlichen Mitteln. »Natürlich gab es damals viel Furcht unter den Bauern«, sagt St. Clair. Offizielle Schätzungen rechneten damit, dass zehn Prozent der rund 80.000 Agrarbetriebe Neuseelands dicht machen müssen - und das in einem Land, wo die Landwirtschaft schon Mitte der 80er Jahre mehr als 14 Prozent des Bruttoinlandsprodukts beisteuerte und jeden zehnten Arbeitsplatz stellte. »Aber es waren nur rund 800 Höfe, die schlossen.« Die Zahl der Landbevölkerung sei auch stabil geblieben.

Anfangszeit war hart

Besonders die Zeit direkt nach dem Wegfall der Subventionen war hart für die Landwirte, weiß St. Clair. Fallende Weltmarktpreise und steigende Kosten machten ihnen von 1987 an zusätzlich zu schaffen. Zugleich sackten die Bodenpreise ab. »Die Frauen der Landwirte haben angefangen, in den Städten zu arbeiten. Viele Bauern haben zudem den Tourismus als Einnahmequelle entdeckt. Man war sehr innovativ.«

Kosten reduziert

Vor allem aber hätten die Höfe schlicht Kosten reduziert und sich auf Produkte mit hoher Wertschöpfung konzentriert. Landwirte hätten nur noch Geld für Dinge ausgegeben, die absolut nötig waren, schreibt der Bauernverband in einer Bilanz. Zugleich seien effizientere Herstellungsmethoden eingeführt worden, um auf dem Weltmarkt bestehen zu können: 90 Prozent der Produkte gehen in den Export.

Profite etwas geringer

Natürlich seien die Profite nicht mehr so hoch wie zu Zeiten der Subventionen, heißt es in der Studie weiter. »Dennoch bietet die Landwirtschaft in Neuseeland immer noch ein Einkommen, das einen guten Lebensstandard ermöglicht.« Seit es keine Staatsmittel mehr gebe, wirtschafteten die Bauern besser. »Sie sind sich jetzt sehr viel mehr bewusst, dass sie Entscheidungen mit gesundem Geschäftssinn treffen müssen. Sie jagen keinen Subventionen mehr hinterher und produzieren nicht mehr um jeden Preis die maximale Menge.«

EU pumpt Milliarden in Agrarsektor

In Europa und anderswo freilich ist das Bild ein anderes: Rund 41 Milliarden Euro pumpt die EU pro Jahr in die Kassen der Landwirte; jeder Bauer erhielt im Jahr 2000 rund 14 000 US-Dollar, in den USA waren es gar 20 000. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) schätzt die Unterstützung für den Agrarsektor 2001 auf 230 bis über 300 Milliarden Dollar.

Modell nicht vergleichbar

Der Deutsche Bauernverband zweifelt unterdessen, ob das neuseeländische Modell für die EU taugen würde. »Das ist eine ganz andere Dimension«, sagt Verbandsprecher Michael Lohse. Als Folge eines Wegfalls von Subventionen und Marktregelungen etwa bei Milch würden EU-Landwirte mehr produzieren und damit den Weltmarktpreis drücken. Die Konsequenz wäre ein Höfesterben, weil sich in dem verschärften Wettbewerb nur der Stärkste durchsetze, argumentiert er. Ohnehin produzierten Neuseelands Bauern billiger, weil sie wegen des milden Klimas auf die teure Stallhaltung verzichten könnten.

Tony St. Clair vom neuseeländischen Bauernverband sieht das anders: »Ich glaube schon, dass es auch in Europa ginge.« Zumal ihm bei einem Deutschland-Besuch gerade jüngere Landwirte gesagt hätten, dass die Hilfen sich auf Dauer wohl nicht durchhalten ließen. »Aber wir sind nicht so kühn, anderen zu sagen, was sie tun sollen.«