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Bauernproteste: Das Einmaleins des Milchstreiks

Die Milchbauern in Deutschland sind in den Ausstand getreten. Der Grund: Der Preis für ihre Milch ist ihnen nicht hoch genug. Aber was genau steckt hinter dem Streik? Gibt es bald keine Milch und keinen Käse mehr in den Supermarktregalen? stern.de beantwortet die wichtigsten Fragen rund um den Konflikt.

Von Johannes Pennekamp

In ganz Deutschland streiken die Milchbauern. Statt ihre Milch an die Molkereien zu liefern, schütten sie sie lieber in die Gülle. Grund ist der aus ihrer Sicht zu niedrige Preis für ihr Produkt. Der Handel und die milchverarbeitende Industrie sieht dagegen kaum Möglichkeiten, den Bauern mehr für ihre Milch zu zahlen.

Trotz des Lieferboykotts gibt es nach Angaben des Einzelhandels bei den Lebensmittelhändlern bislang offenbar noch keine Engpässe. Der Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM) erwartet dagegen, dass sich spätestens ab Freitag die Regale flächendeckend leeren werden.

Die Molkereien bekommen nach Angaben der Milchindustrie zwar wegen des Boykotts der Bauern weniger Milch als üblich, die Produktion laufe aber wie gewohnt weiter. Ein Rückgang um 70 Prozent, von dem der BDM berichtet hatte, könne "partout nicht stimmen", sagte der Sprecher des Milchindustrieverbands, Michael Brandl. Er rechne mit maximal 20 bis 30 Prozent an Liefereinbußen. Bundesweite Zahlen lägen aber noch nicht vor.

Was steht hinter dem ganzen Konflikt? Was ist eigentlich die Milchquote? Wird die Milch wirklich bald knapp beziehungsweise können wir sie nicht einfach importieren? stern.de beantwortet die wichtigsten Fragen zum Streit um das Eiweiß-Getränk.

Wann wird die Milch knapp?

Setzen die Bauern ihren Boykott fort, könnten schon bald einige Supermarktregale leer bleiben. Allerdings gibt es Unterschiede zwischen den verschiedenen Milchsorten: "Frischmilch wird in ein paar Tagen knapp, weil es keine Lagervorräte gibt", prognostiziert der Göttinger Agrarökonom Achim Spiller im Gespräch mit stern.de. Ähnlich sei die Situation bei der so genannten ESL-Milch, einer Mischung aus Frisch- und H-Milch, die bis zu vier Wochen haltbar ist. Kein Engpass sei dagegen bei der lagerfähigen H-Milch zu erwarten.

Von Milcherzeugern und Milchindustrie gibt es derzeit keine verlässlichen Einschätzungen zur Milchknappheit. Da leere Supermarktregale den Druck auf die Milchwirtschaft drastisch erhöhen würden, versuchen beide Parteien, in der Öffentlichkeit zu polarisieren: "Am Wochenende wird im Supermarkt die Milch knapp", sagte Hans Foldenauer, Sprecher des Bundesverbandes Deutscher Milchviehhalter (BDM).

Die Gegenseite will davon nichts wissen: "Erst wenn zehn Tage lang die Hälfte der Milchlieferungen ausfällt, bekommen wir ein Problem. Das sehe ich im Moment nicht", entgegnet der Geschäftsführer des Milchindustrie-Verbandes (MIV) Eckhard Heuser. Hubertus Pellengahr, Sprecher des Hauptverbandes des Deutschen Einzelhandels (HDE), wirft dem BMD "Panikmache" vor. "Von Engpässen ist überhaupt nichts zu spüren. Was am Wochenende in die Regale soll, steht bei uns längst im Lager", so Pellengahr.

Wann müssen wir mit Engpässen bei Milchprodukten wie Käse und Joghurt rechnen?

Auf Käse und Joghurt werden Verbraucher nach Einschätzung von Agrarökonom Spiller auch bei einem längeren Milchboykott nicht verzichten müssen. Diese länger haltbaren Milchprodukte können in großen Mengen gelagert werden und sind auch weiterhin verfügbar. Engpässe könnten langfristig höchstens dadurch entstehen, dass Molkereiunternehmen statt Käse Milch produzieren. Diese Auswirkungen sind aber nicht unmittelbar spürbar.

Warum können die Molkereien einen so geringen Preis zahlen?

Derzeit zahlen die Molkereien den Bauern je nach Region zwischen 27 und 35 Cent je Liter Frischmilch. Für viele Bauern zu wenig, um kostendeckend produzieren zu können. Agrarökonom Spiller sieht die Ursachen vor allem in der starken Position des Einzelhandels: "Die Molkereien haben gegenüber dem Einzelhandel keine Marktmacht", sagt Spiller. Weil viele Molkereien ihre Kapazitäten nicht vollkommen auslasten könnten, suchten sie händeringend nach Abnehmern.

Die Folge: Ein niedriger Preis. Der Preisdruck auf die Molkereien wird außerdem verschärft, weil der Einzelhandel 70 Prozent seiner Standardmilchprodukte unter so genannten Eigenmarken verkauft. Die Konzerne können diese Eigenmarken-Produkte von jedem beliebigen Molkereiunternehmen beziehen und nicht nur von bestimmten Zulieferern wie bei herkömmlichen Markenprodukten. Das erhöht den Wettbewerb unter den Molkereien gehörig.

Der Geschäftsführer des Milchindustrieverbands, Eckhard Heuser, der für die Molkerei-Unternehmen spricht, schiebt den schwarzen Peter deshalb dem Einzelhandel zu: "Wenn der Handel morgen den Milchpreis um zehn Cent erhöht, zögern wir keinen Moment, und geben das Geld an die Bauern weiter", sagte Heuser stern.de. Diese Bereitschaft bezeichnet Foldenauer vom Bundesverband Deutscher Milchviehhalter zwar als "positives Signal", trotzdem bleibe es bei der klaren Forderung nach einem Milchpreis von 43 Cent je Liter.

Den alleinigen Verweis auf den Einzelhandel nennt Heuser "vorgeschoben und vermessen". Einzelhandelssprecher Pellengahr will seine Branche unterdessen nicht zum Sündenbock machen lassen. "Die Ursache für den geringen Preis ist eine Überproduktion an Milch. Die Molkereien selbst haben uns diesen Preis angeboten", sagte Pellengahr.

Wird Biomilch eher knapp als "normale" Milch?

Ein Engpass bei der Biomilch käme überraschend. "Der Markt für Biomilch funktioniert anders", sagt Agrarökonom Spiller. Zum Beispiel seien die Beziehungen zwischen Bauern und Molkereien viel enger, die Preissituation nicht so brisant. "Eine größere Streikwelle unter den Biobauern würde mich daher wundern", meint Agrarexperte Spiller.

BDM-Sprecher Foldenauer will dagegen regional sehr viele Biobauern ausgemacht haben, die sich mit ihren streikenden Kollegen solidarisieren. Der BDM vertritt nicht nur 32.000 der 100.000 konventionellen deutschen Milchbauern, sondern auch sehr viele Ökobauern.

Kann es einen Ausgleich durch importierte Milch geben?

Frischmilch ist ein Produkt, das regional produziert und verkauft wird. Lieferausfälle mit Importen auszugleichen ist dem Agrarexperten Spiller zufolge logistisch nur schwer umsetzbar und für den Handel unrentabel. Liegen zwischen Kuhstall und Käufer mehr als 200 Kilometer, lohne sich ein Import nicht. Auf Milch aus dem Ausland wird also nur im Notfall zurückgegriffen. Zudem kommt es seit Donnerstag in mehreren deutschen Nachbarländern zu ersten Lieferboykotts. Milchindustrie-Vertreter Heuser machen die bisherigen Solidarisierungsaktionen jedoch wenig Sorgen: "Da fehlt es an Tatkraft. Die Bauern im Ausland sind nicht so weit radikalisiert wie hier in Deutschland."

Wie hoch ist der Anteil der streikenden Bauern?

In Süddeutschland streiken deutlich mehr Bauern als im Norden. Darüber, wie viele es insgesamt sind, kann nur spekuliert werden. Beide Seiten versuchen die Stimmung mit eigenen Zahlen zu ihren Gunsten zu beeinflussen. Der BDM, dessen Mitglieder rund 45 Prozent der heimischen Milch produzieren, spricht von 95 Prozent Streikbeteiligung und davon, dass die Liefermenge an die Molkereien um bis zu 60 Prozent zurückgegangen sei. Der Milchindustrie-Verband will dagegen deutlich geringe Rückgänge beobachten.

Mit welchen Produkten kann man Milch ersetzen?

Kurzfristig können Molkereien auf die Käseproduktion verzichten und die verbleibenden Lieferungen als H- oder Frischmilch ausliefern. Dazu sind bereits einige Betriebe in Süddeutschland übergegangen. Außerdem ist es möglich, Milchpulver, das sonst größtenteils exportiert wird, in H-Milch umzuwandeln. "Dazu besteht allerdings noch keine Notwendigkeit, da ja noch genügend H-Milch vorhanden ist", so Spiller.

Was ist die Milchquote? Und warum ist sie wichtig?

Anfang der 80er Jahre entstanden durch Preisstützungen und Subventionen hohe, garantierte Erzeugerpreise, die zu Milchseen und Butterbergen führten Das veranlasste die Europäische Union (EU) dazu, gegen die ausufernde Milchproduktion vorzugehen. Als Instrument zur Regulierung der Produktion führte die EU 1984 die Milchquote ein. Sie legt fest, wie viel Milch in einem Land und in jedem einzelnen Betrieb erzeugt werden darf. Überschreiten die Bauern ihr jährliches Kontingent, müssen sie eine Strafe zahlen, die so genannte Superabgabe. Eine Überproduktion wird dadurch unrentabel.

Was passiert, wenn die Milchquote aufgehoben wird?

Die Quotenreglung gerät zunehmend in die Kritik, weil sie als wettbewerbsfeindlich und wachstumshemmend angesehen wird. Die Quoten sind im Besitz der Bauern und werden an Börsen zu teilweise sehr hohen Preisen gehandelt. Will ein Bauer kurzfristig seine Produktion ausbauen, muss er zuerst teure Quoten kaufen.

2015 will die EU die Quotenreglung abschaffen. Schon jetzt werden die Quoten jährlich um ein Prozent erhöht, um sie schleichend unwirksam werden zu lassen. Kritiker befürchten, dass der Wegfall der Quoten den Wettbewerbsdruck auf die Bauern weiter erhöht und das Aus für viele Kleinbetriebe bedeuten würde. Der BDM fordert daher eine Beibehaltung der Quote.

Agrarökonom Spiller begrüßt dagegen die Abschaffung, weil sie einen längst überfälligen Strukturwandel beschleunige: "Die deutschen Betriebe sind mit durchschnittlich 30 Kühen viel zu klein und nicht wettbewerbsfähig. Schon jetzt geben jedes Jahr 5,8 Prozent der Milchbauern auf." Einzelne Betriebe, die keine Alternative zur Milchproduktion hätten, könnten nach einer Abschaffung direkt subventioniert werden. Das sei der umständlichen Quotenreglung vorzuziehen.

Wie hat sich der Milchpreis in den vergangenen Jahren entwickelt?

Der Milchpreis hatte 2001 ein kurzfristiges Hoch und lag im Jahresdurchschnitt bei 35 Cent je Liter. Bis 2006 ist er im Jahresdurchschnitt kontinuierlich auf 28 Cent abgesackt. Im vergangenen Sommer explodierte der Preis förmlich. Grund hierfür war ein Angebotsrückgang bei einem gleichzeitigen Nachfrageschub aus dem Ausland. Ende 2007 lag der Preis je Liter bei 40 Cent, bevor er in diesem Jahr deutlich einbrach. Heute kostet der Liter je nach Region zwischen 27 und 35 Cent.