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Abwasch der Woche Das kleine Einmaleins der Reisebegleitung


Und wieder steht Außenminister Westerwelle in der Kritik. Man solle sich zügeln, meint die FDP, schließlich gehe es um den Ruf der Demokratie. Oder? Zeit für den Abwasch.
Von Andreas Hoidn-Borchers

Kurzer Prolog im Himmel (oder ist's die Hölle?): Erinnert sich eigentlich noch jemand an Jürgen Möllemann, den genialen Quartals-Irren von der FDP, mal zum Biegen komisch, mal zum Brechen krank, der einst als Wirtschaftsminister und Vizekanzler (doch, doch, der war das auch mal; wie war das gleich noch mal mit der Geschichte, die sich nicht wiederhole, es sei denn ...?) zurücktreten musste, weil er auf Ministerpapier für das "aus meiner Sicht pfiffige Produkt" seines Schwippvetters Hubert Appelhoff aus Kall in der Eifel geworben hatte. Es handelte sich um einen Chip für Einkaufswagen, für 2,50 Mark. Mark!

Ja, das waren noch Zeiten. Rücktritt wegen Zwofuffzich. Und Hubert Appelhoff aus Kall in der Eifel. So billig und begünstigend kommt man heute nicht mehr davon, jedenfalls nicht aus dem Amt und gleich gar nicht in der FDP. Da muss man schon ein ... Aber wir greifen vor. Dabei wollten wir doch eigentlich nur sagen: Von Zeit von Zeit erinnern wir uns des alten Möllemanns gern. Wir hätten nur nicht gedacht, dass jemals wieder einer so fehltrittsicher sein würde wie er. Ach, Irrtum. Und damit Ende des Prologs. *

Und hinein ins aktuelle Geschehen (oder ist's die Hölle?): Manche Politiker sind wirklich extrem schwer zu verstehen, was nichts mit ihrer Aussprache zu tun hat oder einem Nuscheln von Habermas'schem Ausmaß (aber das ist ein Vergleich, der auf ein ganz falsches Feld führt). Nein, Guido Westerwelle zum Beispiel spricht klar, bisweilen überdeutlich und, nunja, prononciert. Eigentlich kann man ihn nicht missverstehen, obgleich er sich ständig missverstanden fühlt. Jedenfalls können wir vom Abwasch nur schwer verstehen bzw. begreifen, warum Westerwelle ständig darüber lamentiert, dass er mit dieser Kanzlerin die erstrebte "geistig-politische Wende" nicht hin und also das Land nicht verändert kriegt.

Hat er doch längst, und wie! Normalerweise war das bislang nämlich so, wenn ein Außenminister auf Reisen ging: Er flog weg, blieb weg und kam wieder. Unterwegs floskelte er ein paar diplomatische Leerformeln an seine Amtskollegen ran, schritt für die Bilder in der "Tagesschau" unfallfrei die Gangway runter und entwarf gelegentlich mal einen kühnen, aber wenig erfolgreichen Plan zur Rettung des Weltfriedens oder wenigstens des Friedens im Nahen Osten (Fischer). Und daheim gab er Ruhe und hechelte nicht pausenlos zwischen Pauke und Trompete (oder wie immer das Ding heißt, das diese schrille Töne produziert. Tröte?) hin und her. Nur alle Jubeljahre ließ man ordentlich und mal mehr (Fischer), mal weniger (Steinmeier) erfolgreich die Sau raus auf der Wahlkampframpe. Und alle hatten einen lieb, naja, fast alle jedenfalls. Ja, so war das.

Seit der außenpolitische ABC-Schütze (meint natürlich nur, dass er gerade Argentinien, Brasilien, Chile betourt und kennenlernt) Westerwelle mit kleinem Spendergepäck die große Welt mit seiner Anwesenheit beehrt, ist das doch etwas anders geworden. Als der Außenminister Anfang der Woche aufbrach, dachten viele in der Union: Gehe aus, mein Hartz, und suche Freud'. Schön, dass er weg ist, da ist endlich mal ein paar Augenblicke Ruhe im Regierungskarton.

Aber schon rappelt's wieder. Nicht weil Westerwelle sich irgendwie verbal bekleckert hätte, den Ja-nichts-falsch-sagen-Crashkurs des Auswärtigen Amtes hat er mit Auszeichnung bestanden, weiß Gott bzw. Mephistopheles: "Mein Pathos brächte dich gewiss zum Lachen/Hättst du dir nicht das Lachen abgewöhnt." Sondern weil er ein ziemlich großes Talent hat, sich mit den falschen Leuten zum falschen Zeitpunkt zu umgeben.

Anders formuliert: Das kleine Einmaleins der anständigen Reisebegleitung hat Westerwelle noch nicht so drauf. Weil er auf seine Trips gerne seinen Lebensgefährten Michael Mronz mitnimmt, der nebenbei, pardon: daheim natürlich, auch als Geschäftsmann tätig ist, außerdem auch den einen oder anderen der FDP spendabel oder anderweitig verbundenen Unternehmer, herrscht in Deutschland Aufruhr. Und in der Union denken sie jetzt, dass Westerwelle doch lieber nicht weggeflogen wäre - oder gar nicht erst zurückkommt aus Südamerika. Da passt der Faust mal wieder aufs Auge: "Und Stürme brausen um die Wette/Vom Meer aufs Land, vom Land aufs Meer/Und bilden wütend eine Kette/Der tiefsten Wirkung rings umher." *

Ja, da ist was los. "Minimale Anstandsregeln" verlangt nun FDP-Generalsekretär Lindner von, nein, Entwarnung, natürlich nicht von seinem Chef, sondern von dessen Kritikern. Und dass die aufpassen müssten, dass "die Demokratie insgesamt nicht Schaden nimmt" durch ihre Vorwürfe. Nun wissen wir ja, dass Generalsekretäre denken müssen, Sensibiliät käme von Sense und deshalb gerne mit der großen Machete im politischen Unterholz unterwegs sind, aaaaber: Könnte es nicht sein, Herr Lindner, dass Sie da irgendwie Ursache und Wirkung durcheinander gebracht haben? Nein, kann nicht sein? Na, dann nicht. War ja nur so eine Idee. Hätt' ja sein können. Obwohl ... nein, wohl doch nicht.

*

Nur nebenbei: In England kandidiert jetzt die Porno-Regisseurin Anna Arrowsmith (Künstlerinnenname: Anna Span) für das Unterhaus. Für die Liberaldemokraten. Sie sagt, sie wolle sich in der Politik nicht für ihre "frühere Branche" einsetzen, sondern für die Menschen in ihrem Wahlkreis. Ja, um Himmels Willen, was will sie dann bei den Liberalen?

*

Exkurs Ende und zurück zu Westerwelle, vor den sich jetzt sogar die Chefin geschmissen hat, wobei man nicht genau sagen kann, was das nun war: ein Vertrauensbeweis oder die Bitte um einen Vertrauensbeweis. Die Kanzlerin sei überzeugt, ließ Merkel ihre Sprecherin in reinstem Kremlisch verkünden, dass Westerwelle "in Übereinstimmung mit den Regeln vorgegangen ist und vorgehen wird und seine Entscheidung über die Zusammensetzung von Delegationen auch entsprechend vorgenommen hat". Und wir sind überzeugt, dass Guido da nach Landung noch ein bisschen Überzeugungsarbeit leisten muss, bis Mutti ihn wieder richtig lieb hat. Denn siehe, im Augenblick gelten für die Gunst, in der der Vizekanzler nicht nur beim breiten Publikum steht, eher die Worte Gabriels (nicht Siggi, der Erzengel!):

"Und schnell und unbegreiflich schnelle/ Dreht sich umher der Erde Pracht;/ Es wechselt Paradieseshelle/ Mit tiefer, schauervoller Nacht."

Ach, wenn das Jürgen Möllemann noch hätte erleben dürfen ...


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