BEKLEIDUNG Schwerer Start für neuen HUGO-BOSS-Chef


Beim Metzinger Edelschneider gibt es heftige Querelen in Übersee: Jahrelang vermeldete der Modekonzern von dort offenbar geschönte Rekordzahlen.

Der neue HUGO-BOSS-Vorstandschef Bruno Sälzer hätte sich bestimmt einen angenehmeren Start in sein neues Amt vorstellen können. Jahrelang vermeldete der Modekonzern Rekordzahlen bei Umsatz und Ergebnis. Perfekt verkörperte Sälzers Vorgänger Werner Baldessarini das Image des Unternehmens - kreative Mode gepaart mit soliden Finanzen. Und gerade als Baldessarini abtritt, um den »Luxusfaktor Zeit« zu genießen, muss Sälzer sich mit der schwachen Konjunktur herumplagen und an allen Fronten den hart erarbeiten Ruf von HUGO BOSS verteidigen.

Die neue Damenmode ist zu teuer und passt den Kundinnen nicht, intern heißt es, die Kollektion sei zu »madamig« geraten. Für den Wechsel der gesamten Abteilung von Mailand nach Metzingen und einen neuen Anlauf ist nun Bruno Sälzer verantwortlich. In den USA machte HUGO BOSS indes mit Pannen in der Bilanz Schlagzeilen. Marty Staff, der als Party-Löwe berüchtigte Chef der Tochtergesellschaft, nahm bereits seinen Hut, das Problem galt als erledigt. Ungenannte Kunden des extravaganten 51-Jährigen schießen unterdessen nach und bezichtigen Staff über die Medien unlauterer Geschäftspraktiken.

Sälzer eilte am Anfang der Woche persönlich in die USA, um nach dem Rechten zu sehen und wichtige Kunden zu beruhigen. »Wir haben viele Fragen«, zitiert ein Branchendienst den Geschäftspartner beim legendären Kaufhaus Bloomingdale's. Als Baldessarinis Erblast kann Sälzer die Probleme in den USA wohl nicht betrachten: Als das für Vertrieb zuständige Vorstandsmitglied steht er seit Beginn von Staffs Amtszeit 1998 selbst für den Kurs der Tochter gerade.

Bisher mit großem Erfolg: Der Marktanteil in den USA verdoppelte sich und BOSS erschloss neue Zielgruppen. Gemessen am Verkauf ist die Heimat von Calvin Klein und Ralph Lauren der zweitwichtigste Markt für das deutsche Unternehmen. In New York und Los Angeles werden die Trends in der Modebranche gesetzt. Höhepunkt der BOSS-Offensive war die Eröffnung einer Filiale auf der Luxusmeile Fifth Avenue in Manhattan im Frühjahr 2001. Ganz so bunt wie unter dem Marketing- Künstler Staff soll es künftig aber nicht mehr zugehen. »Marty hätte es so nicht noch einmal gegeben«, sagt Sälzer. Außerdem komme es jetzt eher darauf an, die erreichte Position zu halten.

Die Geschäfte der US-Tochter werfen bisher keinen großen Gewinn ab: In den vergangenen beiden Jahren war das Ergebnis dort jeweils geringer als in den Niederlanden, wo BOSS nicht einmal ein Viertel des US-Umsatzes erzielt - und das vor Bekanntwerden der Fehler in der Bilanz. Für das schwierige Jahr 2001 kommen ohne Berücksichtigung der Umsätze innerhalb des Konzerns nun sogar Verluste heraus.

Aus Sicht von Branchenexperten machen die jüngsten Krisen bei der Damenmode und in den USA vor allem deutlich, dass das BOSS-Image eng mit den schwäbischen Wurzeln des Unternehmens verknüpft ist. In den Modemetropolen Mailand und New York schwand der Einfluss der Metzinger Zentrale - mit negativen Folgen für das Ergebnis der börsennotierten HUGO BOSS AG und möglicherweise auch für den Ruf der Marke. Sollte Sälzer vor allem im Damengeschäft die Probleme mittelfristig nicht wieder in den Griff bekommen, könnte sich auch der zuletzt eher zurückhaltend agierende Hauptaktionär des Unternehmens, die Gruppe um den italienischen Wollweber Marzotto, wieder stärker in die Strategie einmischen.

Alexander Missal


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