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Büchsen-Boykott: Tote Dose

Erbittert hat der Handel das Pfand auf Einwegverpackungen bekämpft. Die Verbraucher sind vernünftiger: Sie boykottieren die Dosen einfach.

Die Firma Schmalbach-Lubeca in Ratingen bei Düsseldorf wird, so hat es ihr Sprecher Peter Gahmann angekündigt, nächste Woche Kurzarbeit anmelden. Schmalbach-Lubeca stellt die Hälfte der in Deutschland verkauften Getränkedosen her, knapp vier Milliarden Stück im Jahr. Doch seit Einführung des Dosenpfandes zu Beginn dieses Jahres herrscht tote Dose. Aldi und Lidl haben, um den Personalaufwand bei der Rücknahme zu vermeiden, Getränkedosen komplett aus dem Angebot geworfen.

Häufiger Mehrwegflaschen

Die Dosentrinker selbst, überwiegend Menschen im Alter von 18 bis 44 Jahren, wollen künftig deutlich weniger aus Dosen und dafür häufiger aus Mehrwegflaschen trinken. Laut einer vom stern in Auftrag gegebenen Forsa-Umfrage wollen 26 Prozent der Bundesbürger weniger Getränke in Dosen kaufen als bisher.

Kein Untergang des Abendlandes

Das Ergebnis dieser Umfrage ist insofern erstaunlich, als die Dosenlobby, allen voran Einzelhandelsverbandschef Hubertus Pellengahr, für die Einführung des Pfandes den Untergang des Abendlandes vorhergesagt hatte. Doch als am 2. Januar die Läden öffneten, kochte weder die Volksseele über, noch ging das Abendland unter. Selbst Bier trinkende Bahnfahrer, die ihre in Köln mit Pfand gekaufte Bierdose in Hannover nicht hätten einlösen können, warfen sich nicht verzweifelt vor die Züge, sondern kauften einfach Mehrwegflaschen, die seit eh und je überall in Zahlung genommen werden.

Stress für Plus

Stress bekamen lediglich die Manager der Ladenkette Plus in Berlin durch die Androhung eines Ordnungswidrigkeiten-Verfahrens. Die Herren hatten in einem Anfall von Pfand-Phobie Flugblätter verteilen lassen, in denen die Kundschaft ermuntert wurde, beim Kauf von Getränkedosen die an der Kasse herausgereichten Pfandmünzen gleich wieder in Zahlung zu geben und die Dosen nach eigenem Belieben zu entsorgen - also das zu tun, was durch das Pfand verhindert werden soll.

80 Prozent werden recycelt

Zwar entsorgten deutsche Dosentrinker bisher auch ohne Pfand ihre leeren Dosen mit einer Recyclingquote von etwas mehr als 80 Prozent. Doch 80 Prozent sind nicht 100 Prozent. Angesichts von rund acht Milliarden Dosen, die hierzulande pro Jahr ausgetrunken werden, entsprechen 20 Prozent wild entsorgte Dosen schon einer Menge von 1,6 Milliarden Stück. Aneinander gereiht würden diese einfach weggeschmissenen Dosen gut fünfmal um die Erde reichen. Sie reichen aber nicht um die Erde, sondern konzentrieren sich auf Deutschland, schmücken die Umgebung von Parkbänken, rollen halb ausgetrunken durch U- und S-Bahnen, fliegen aus den Fenstern fahrender Autos und Züge, liegen in den Betten von Bächen und Flüssen. Sie sind, so würden Wissenschaftler es nennen, "ubiquitär" - überall vorkommend, eine Riesensauerei.

Bundesweite Rücknahme ab Oktober

Strafe, wem Strafe gebührt: Nachdem es ihnen jahrelang egal war, was mit ihren Einwegverpackungen passierte, müssen die Einzelhandelskrämer nun bis Oktober dafür sorgen, dass sie nicht selbst unter einem Dosenberg ersticken. Vom 1. Oktober an müssen sie alle Büchsen zurücknehmen, die bei ihnen angeschleppt werden, egal, in welchem deutschen Laden sie gekauft worden sind. Dafür muss der Händler Rücknahmeautomaten aufstellen. Kosten je Gerät: 10.000 Euro.

Angst vor ausländischem Dosenschrott

Die Automaten müssen nicht nur das richtige Pfand errechnen, sondern auch falsche Büchsen aussortieren. Der Handel fürchtet sich nämlich vor einer Betrugswelle. Da Deutschland von pfandfreien Ländern umzingelt ist, lautet die Schreckensvision, werden die lieben Nachbarn aus Polen, Tschechien, aber auch aus Frankreich, Belgien oder den Niederlanden versuchen, ihren Dosenschrott in Deutschland zu Geld zu machen. Deshalb werden alle Dosen künftig mit fälschungssicheren Kennzeichen versehen.

Jürgen Steinhoff