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stern-Stimme: Chinas Macht und der Kotau des Kapitalismus

Ein Hongkong-Tweet eines US-Basketballmanagers hat eine Welle der Empörung in China ausgelöst. Der Fall demonstriert wie in einem Brennglas, dass der Markt mit seinen Konsumenten zur Waffe geworden ist.

NBA-Poster

In China wird nach dem Tweet ein großes NBA-Poster entfernt.

Picture Alliance

Wer immer die Tragweite der Macht und Machtressourcen von China verstehen wollte, bekam diese Woche ein eindrucksvolles Beispiel geliefert: Es waren sechs Wörter und ein Bild, die der Manager der Basketballmannschaft Houston Rockets, Daryl Morey, auf Twitter gepostet hatte: "Fight for freedom, stand with Hongkong". Morey löschte den Tweet sofort ("did not intend to cause any offence"), und obwohl Twitter in China gesperrt ist, löste er eine Lawine der Empörung in dem Land aus, die ihresgleichen sucht.

Der chinesische Basketballverband kündigte die Zusammenarbeit auf, aufgrund von Moreys "unangemessenen Bemerkungen“. Der staatliche Fernsehsender CCTV und der Tech-Konzern Tencent stellten die Übertragungen von Spielen der Rockets ein. Tencent hatte 2015 für die Übertragungsrechte noch 500 Millionen Dollar bezahlt. Die Shanghai Pudong Development Bank, der größte Sponsor der Rockets in China, beendet die Partnerschaft, ebenso die Sportmarke Li-Ning.

Für die Profi-Basketballliga NBA ist das ein Schlag, schließlich ist China ein Milliardenmarkt, der größte neben den USA – angeblich machen die Umsätze rund 10 Milliarden Dollar pro Jahr und damit 20 Prozent der Gesamtumsätze aus. Entsprechend tief bis zur Selbstverleugnung war der Kotau. 

Der beschämende Rückzug und "Big $$"

Die NBA distanzierte sich, in Erklärungen in Englisch und Chinesisch. Auf English nannte sie Moreys Tweet "regrettable", weil chinesische Fans beleidigt worden seien ("offended") , aber fügte hinzu: "the values of the league support individuals’ educating themselves and sharing views on matters important to them." Auf Chinesisch verbeugte man sich noch tiefer, schrieb, man sei "außerordentlich enttäuscht von den unangebrachten Bemerkungen", die "zweifellos die Gefühle der chinesischen Fans verletzt" hätten. James Harden, der Superstar der Rockets, entschuldigte sich und sagte: "Wir lieben China."

Warum ist das Ganze wichtig, auch wenn Sie sich nicht für Basketball interessieren? Der Fall offenbart die Kapitulation des Kapitalismus vor der Macht des neuen Staatskapitalismus. Oder wie der republikanische Senator Ted Cruz schrieb auf Twitter, der "beschämende Rückzug“ auf der Suche nach "big $$“. Aber es ist noch mehr: Der Markt ist eine Waffe geworden; man schickt keine Armeen mehr, sondern droht mit dem Entzug der Heerscharen der Konsumenten.

Chinas Reaktion liefert einen Vorgeschmack für jedes Unternehmen, das glaubt sich künftig mit der Staatsführung anlegen oder sie gar kritisieren zu wollen. Das gab es bereits früher, Daimler etwa hatte mal eine Anzeige mit einem Dalai-Lama-Zitat verwendet, der Zickzackkurs von Google in China ist berüchtigt. Aber dieser Fall hat eine neue Intensität, was auch zeigt, wie hochnervös die chinesische Führung wegen Hongkong ist. Sogar Apple musste sich diese Woche beugen: nach dem Update ist in Hongkong und Macao das Emoji mit der taiwanischen Flagge verschwunden, außerdem wurde eine App aus dem App-Store genommen, die Polizeibewegungen in Hongkong verfolgt. Die App des Online-Magazins Quartz, die kritisch über Hongkong berichtet haben, wurde ebenfalls entfernt. 

Unternehmen sind Geisel und Spielball

Derzeit dominieren das öffentliche Bild noch die Repressionen der USA gegen Chinas Konzerne wie Huawei – erst diese Woche haben die Amerikaner weitere 28 chinesische Unternehmen und Organisationen auf ihre schwarze Liste gesetzt – als Grund wurde die "brutale Unterdrückung ethnischer Minderheiten“ genannt. Das führte dazu, dass einige dieser Firmen – darunter die hoffnungsvollsten Start-ups im Bereich künstlicher Intelligenz und Gesichtserkennung wie SenseTime, Megvii und Yitu – Sorgen um ihre geplanten Börsengänge haben.

Huawei war und ist ein Fall, der ebenso beunruhigt, weil man hier streckenweise den Eindruck hat, dass der Konzern Geisel und Spielball in diesem epochalen Kräftemessen geworden ist. Nun erleben wir, wie wechselseitig harsch und kompromisslos die Macht des eigenen Marktes demonstriert – oder mit der Zerstörung desselben gedroht wird.