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Der Schrecken der Pharmaindustrie: Pharmakritiker Sawicki unter Druck

Für den Mediziner und Arzeneimittelprüfer Peter T. Sawicki wird Luft dünn. Der Leiter des nach ihm benannten Prüfungsinstituts machte sich immer wieder gegen wirtschaftliche Interessen der Pharmaindustrie stark. Nun droht er über eine Dienstwagen-Affäre zu stolpern.

Nach fast fünf Stunden zäher Beratungen über die Vorwürfe vertagte das Aufsichtsgremium des Sawicki-Instituts am Mittwoch in Berlin die Entscheidung. Sawickis Vertrag läuft bis Ende August - es geht um die Zeit danach. Der sonst stets redegewandte Mediziner hörte sich nach den Befragungen ziemlich geschafft an. Das Tauziehen um den Mediziner ist der vorläufige Höhepunkt eines Streits zwischen industriefreundlichen und -kritischen Positionen - es geht um Beitragsgelder in Milliardenhöhe.

Der 52-Jährige mit den grau gewellten Haaren und feinen Gesichtszügen droht nun über sein Auslagengebaren zu stolpern. Unter anderem hat sich der unerschrockene Arzneimittelprüfer mit der wohl regelwidrigen Beschaffung zweier Dienstwagen angreifbar gemacht, wenn ihm ein solches Auto auch zusteht. Auch bei einzelnen Abrechnungen - unter anderem für Rasenmäher-Benzin - soll nicht alles mit rechten Dingen zugegangen sein. Ob er sich ohne diese Vorwürfe nach dem Regierungswechsel hätte halten können, ist freilich ungewiss.

Sawicki hat sich nach seinem Amtsantritt 2004 schnell zum Schrecken der einflussreichen Pharmaindustrie gemacht. Sein Kölner Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) prüft alle verfügbaren Studien zu Medikamenten - oft finden die Experten heraus, dass es für den angepriesenen Nutzen der oft teuren Mittel keine stichhaltigen Belege gibt. Stattdessen warnen sie immer wieder vor Nebenwirkungen. Auf dieser Basis können die Mittel aus dem Leistungskatalog der Kassen gestrichen werden. Hersteller klagen über Millionenverluste. Doch es gibt auch Kritik, das Institut sei nicht effizient und arbeite wissenschaftlich ungenau. Auch finden Kritiker Sawicki zu forsch für seine sensible Aufgabe.

Tatsächlich zeigte er sich stets unerschrocken in seiner Kritik an Gesetzeslücken. "Es gibt keine gesetzliche Vorgabe, dass Studien zu Medikamentenvergleichen gemacht werden müssen; es gibt keine Preisverhandlungen für Medikamente und es gibt keine Möglichkeit, den Preisen für neue Mittel Grenzen zu setzen", sagte er kürzlich.

Grund für Nervosität bei den Pharmariesen gibt es schon, wenn das Sawicki-Institut Berichte nur veröffentlicht. So stellte es im Juni fest, dass ein künstliches Insulin bei Diabetikern Krebs auslösen könnte. Die Aktie des Herstellers Sanofi-Aventis verlor binnen eines Tags bis zu 9,5 Prozent.

Aus der Unionsfraktion waren offen Forderungen nach personeller Erneuerung gekommen. Auch bei den Freidemokraten und den Kliniken ist der ehemalige Chefarzt nicht wohlgelitten - während Kassen, Ärzte und Verbraucherschützer sich für ihn einsetzten. Jetzt sind erst nochmal die Gremien der Stiftung am Zug, die das Institut tragen. Die Fühler nach Ersatz für Sawicki hat man schon ausgestreckt. Die Entscheidung liegt bei Gesundheitsministerium, Kliniken, Ärzten und Kassen - gemeinsam haben sie die Aufsicht über das Sawicki-Institut.

Basil Wegener/DPA / DPA
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