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Pharmalobby: Gib dem Affen Zucker

Das unabhängige Institut IQWiG beurteilt für die Krankenkassen, ob neue Medikamente wirklich einen Zusatznutzen haben. Jetzt geht es um ein Insulin-Mittel - genug, um ins Visier der Pharma-Industrie zu gelangen.

Von Markus Grill

Für die Pharmaindustrie ist Deutschland noch ein idealer Platz, um Geld zu verdienen. Denn es kommt bei neuen Arzneimitteln nicht drauf an, ob sie besser sind als bisherige, entscheidend ist nur, dass sie zugelassen werden, dann kann jeder Arzt sie verordnen und die Krankenkassen müssen sie erstatten. 2004 wurde im Rahmen der Gesundheitsreform beschlossen, dass sich das ändern soll: Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) wurde gegründet, um unabhängig von der Pharmaindustrie den Nutzen von Arzneimitteln zu bewerten.

Lieblingsfeind der Pharmaindustrie

Der Chef des Instituts, Professor Peter Sawicki hat schon öfter die Bemerkung fallen lassen, dass für ihn "zwei Drittel bis drei Viertel der Medizinzulassungen in Deutschland" verzichtbar seien. Damit hat er beste Chancen, zum Lieblingsfeind der Pharmaindustrie zu werden, zumal er nur evidenzbasierte Medizin gelten lässt. Das heißt: ein Medikament muss in randomisierten und kontrollierten klinischen Studien seinen Vorteil beweisen. Und wenn es dass nicht tut, lässt Professor Sawicki sich auch nicht davon beeindrucken, wenn Patientenorganisationen dennoch irgendwelche Vorteile behaupten.

Am 18. Juli steht die Entscheidung an, ob Analoginsuline, die in Deutschland 400.000 Diabetiker nehmen und für die das IQWiG keinen Zusatznutzen entdeckt hat, weiter von den Krankenkassen bezahlt werden. Oberflächlich gesehen geht es dabei um eine Entscheidung über Insulinmedikamente. Tatsächlich geht es aber auch um die Zukunft des deutschen Gesundheitssystems, das heißt, um die Frage, ob die Pharmaindustrie mit Pseudoinnovationen weiter viel Geld aus dem Gesundheitssystem zieht wie bisher.

"Experten" auf Medien-Tour

Im Vorfeld dieser Entscheidung findet eine regelrechte Kampagne gegen das IQWiG statt. Dabei geht es auch darum, Medien zu manipulieren. Am 6. April meldete sich zum Beispiel ein angeblicher Informant in der Redaktion des stern. Er stellte sich als Adel Massaad vor und bot "belastende Unterlagen" über Sawicki und das IQWiG an. Einige Wochen später bot Massaad dem stern auch Gespräche mit dem Chef des Pharmakonzerns Novo Nordisk, Markus Leyck Dieken, und mit Manfred Wölfert, dem Vorsitzenden des Deutschen Diabetiker Bundes an.

Novo Nordisk ist nach Angaben von Leyck Dieken "die Company, die sicherlich dem Diabetes am allermeisten verhaftet ist." Im Interview bezeichnete der Pharmachef dann Professor Sawicki und dessen wissenschaftliche Kollegen als "bekannte Extremisten der Szene". Den Gemeinsamem Bundesausschuss nannte der eine "Thermoskannen-Taschenrechner-Runde", der "die deutsche Apotheke leer räumen wird bis die Auslage aussieht wie in Bulgarien 1978."

Vom Betroffenen zum Fachmann

Der angebliche Medizinjournalist Adel Massaad schaffte es nach stern-Recherchen schon mehrfach in die Medien: 2002 trat er in der SWR-Talkshow "Nachtcafe" als Betroffener auf und erklärte, wie gut es sei, sich Botox spritzen zu lassen. 2004 war er in Focus TV zum Thema Schönheits-OPs zu sehen.

Im August vergangenen Jahres warnte Massaad angesichts der Vogelgrippe davor, dass die Bundesländer zu wenig Impfstoff Tamiflu gekauft hätten. Und im Februar diesen Jahres trat er im Kampf für die Analoginsuline auf und verschickte eine Pressemitteilung folgenden Inhalts: "Ein bislang interner Beschlussentwurf sieht vor, dass Millionen Diabetikern die Möglichkeit einer Behandlung mit modernen Insulinanaloga versagt werden soll. Die Vorenthaltung von anerkannter Medizin für Leidende ist eine Frechheit."

Plötzliche Geldvermehrung

In wessen Auftrag der angebliche Medizinjournalist Massaad das alles machte, war bisher schwer durchschaubar. Nach detaillierten Informationen, die dem stern vorliegen, soll er aber allein von Januar bis März diesen Jahres von Pharmafirmen und PR-Agenturen mehr als 1,2 Millionen Euro erhalten haben. Massaad selbst will dazu keine Stellung nehmen. Er beruft sich auf Geschäftsgeheimnisse und wollte dem stern die Veröffentlichung verbieten.