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Iqwig: Die Pillenprüfer

Viele Medikamente sind Kopien von anderen - für die Pharmaindustrie ein einträgliches Geschäft. Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (Iqwig) soll diese Scheininnovationen, die das Budget der Krankenkassen belasten, aussieben - gegen den erbitterten Widerstand der Pharmalobby.

Von Jens Lubbadeh

Für seine zahlreichen Kritiker passt es vielleicht wie die Faust aufs Auge, dass es auf der "schäl Sick" gelegen ist - der "scheelen", schlechten Seite, wie der Kölner alle Stadteile auf der rechten Rheinseite nennt. Für seine Befürworter jedoch könnte die Lage im ehemaligen Arbeiter- und Problem-Stadtteil Köln-Kalk symbolischer nicht sein: Hart arbeitend, unprätentiös und unabhängig soll das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen, kurz Iqwig, sein. Aufräumen soll es im deutschen Gesundheitssystem. Und dafür muss sich das Iqwig mit einer der einflussreichsten Lobbys Deutschlands anlegen: der Pharmaindustrie.

Das Iqwig hat eine Mission, die ihm 70 Millionen Menschen erteilt haben

Ihren Basisauftrag zu erfüllen - jedem Versicherten eine angemessene Basisgesundheitsversorgung zu gewährleisten - ist für die gesetzlichen Krankenkassen zunehmend schwerer geworden im Dschungel der Präparate.

"In Deutschland haben wir doppelt so viele Medikamente wie einige Länder rund um uns herum, ohne dass die Patienten dort schlechter versorgt sind", sagt Peter Sawicki, Leiter des Iqwig. Man will das Notwendige und nicht das Überflüssige, das, was dem Patienten wirklich nutzt und das zu einem angemessenen Preis. Und nicht zu dem, den die Pharmakonzerne in der Regel selbst für ihre Präparate festlegen - und den die Krankenkassen zahlen müssen.

An der Haltestelle Trimbornstraße in Köln erwartet einen die kulturelle Vielfalt des wieder auf die Beine gekommenen Köln-Kalk. Genauso wenig wie man das Gesundheitsministerium in Berlin-Kreuzberg erwartet, vermutet man eines der wichtigsten Bollwerke der 2004er Gesundheitsreform neben einer arabischen Bäckerei, Massimos mittlerweile geschlossener Pizzeria und der "Jolly-Bar". Weit weg von den Wahrzeichen Kölns, dem Dom und der Hohenzollernbrücke, die nur noch als Schemen sichtbar sind.

Abgelegen an einer Kreuzung in Köln-Kalk, errichtet von dem Geld von 70 Millionen gesetzlich Krankenversicherten für die Interessen von 70 Millionen Krankenversicherten, wirkt das Gebäude in der Dillenburger Str. 27 wie eine kleine Trutzburg. Man fragt sich, ob man hier, neben der verlotterten Werkhalle des ehemaligen Motorenbetriebs Klöckner-Humboldt-Deutz, tatsächlich richtig ist. Doch die schlichte Inschrift an der Glastür räumt den letzten Zweifel aus: Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen. Eingang 2. Stock. Herein in die Trutzburg.

In den langen, mit grauem Teppichboden ausgelegten Gängen, residiert seit zwei Jahren Institutsleiter Peter Sawicki über mittlerweile rund 60 Mitarbeiter, die auf viert Stockwerke verteilt sind. PTS nennen sie ihn, aber nicht, weil er etwas Besonderes ist. Viele sprechen sich mit ihren Initialen an - eine Marotte der ganzen Mannschaft.

Das Iqwig hatte im Jahr 2004 einen schweren Start - die Schublade war schnell gefunden, in die es hineingepackt wurde - zu tief saß wohl noch die Enttäuschung über die Reform-Flickschusterei. Als reines Sparinstitut wurde das Institut abgekanzelt, einzig und allein dazu da, die explodierenden Kosten im Gesundheitswesen zu senken. Und das - so die Kassandrarufe der Lobbyisten - womöglich noch auf Kosten der Gesundheit der Versicherten.

Das Iqwig ist kein Sparinstitut und keine Finanzbehörde

Doch das Iqwig ist keine Finanzbehörde, in der Excel- Tabellen rauf- und runtergescrollt werden. Hier sind Wissenschaftler am Werk, Mediziner, die das zu tun, was alle Wissenschaftler tun: Theorien bestätigen oder widerlegen. Ihre Arbeit füllt eine klaffende Lücke im deutschen Gesundheitssystem. Denn bislang gab es keine unabhängige Instanz, keinen TÜV, keine Stiftung Warentest, die Medikamente auf ihren Nutzen hin überprüft.

Die erste große Schlacht um die Insulinanaloga gewann das Iqwig

Die Fragestellungen der Iqwig-Aufträge klingen sperrig-wissenschaftlich, haben jedoch gravierende Konsequenzen: "Clopidogrel versus Acetylsalicylsäure in der Sekundärprophylaxe vaskulärer Erkrankungen". Oder: "Nutzenbewertung kurzwirksamer Insulinanaloga bei Patienten mit Typ2 Diabetes mellitus". Übersetzt heißt Letzteres: Bringen die teureren kurz wirksamen abgewandelten Insuline Diabetikern wirklich so viel mehr Zusatznutzen als das herkömmliche Humaninsulin, das billiger ist?

Diese Frage ist - wissenschaftlich gesehen - mit einem einfachen Ja oder Nein zu beantworten. Vorausgesetzt, es gibt genügend saubere Studien, die entweder einen Zusatznutzen belegen können oder nicht. Ein wissenschaftliches Experiment. Nach reiflicher Analyse der Studien kam das Iqwig zu einer einfachen Antwort auf diese Frage: Nein, kurz wirksame Insulinanaloga besitzen keinen Zusatznutzen. Dieses nüchterne Ergebnis barg jedoch so enormen marktwirtschaftlichen Sprengstoff, dass danach eine erbitterte Schlacht entbrannte.

Die Pharmakonzerne fuhren schweres Geschütz auf. Vor allem gegen die Person Peter Sawicki. Sie bangten um ihre Millionenumsätze mit dem teuren Insulin. Aber die Iqwig-Trutzburg blieb standhaft und letztlich auch der Gemeinsame Bundesausschuss, das zweite Bollwerk der Gesundheitsreform: Die Insulinanaloga wurden aus dem Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen gestrichen.

Unschön war, dass sich zwischen den Fronten Millionen verunsicherte Diabetiker wiederfanden, voll ausgesetzt dem Kreuzfeuer der teuren Pharma-PR-Kampagnen. Ängste wurden geschürt, man wollte mobilisieren gegen die Entscheidung - und teilweise gelang das auch: Der Deutsche Diabetiker Bund, unter anderem auch von den betroffenen Pharmakonzernen finanziell gefördert, rief zu einer bundesweiten Unterschriftenaktion gegen die Entscheidung auf.

Sawickis Motto: Evidenz statt Eminenz

Ein Iqwig-Leiter muss einstecken können. Viel einstecken. Und so erwartet man in Peter Sawicki instinktiv einen taffen Kerl, der sich vom unablässig klingelnden Telefon und den Vorwürfen verbitterter und verunsicherter Diabetiker nicht aus der Ruhe bringen lässt.

Tatsächlich aber ist sein Händedruck weich, seine Stimme ruhig und seine Art zurückhaltend. Doch schon nach wenigen Minuten Gespräch funkelt in seinen müden Augen die Unbeirrbarkeit und Standfestigkeit, die in unzähligen Meetings und Diskussionsrunden gestählt worden sein muss. Nichtsdestotrotz umgeben seine Augen viele Lachfältchen.

Für das Iqwig, das in seinem Namen eigentlich noch ein Ä führen sollte - für Ärger, liegt es nahe, jemanden zum Leiter zu ernennen, der selbigen gewohnt sein muss. Sawicki ist so einer. Im stark hierarchisch organisierten Medizinbetrieb legte er sich schon früh mit den Oberen an. "Rebell" wurde er schon mehrfach genannt. Er gründete und leitete von 2001 bis 2004 das Institut für evidenzbasierte Medizin in Köln und war jahrelang Mitherausgeber des pharmakritischen Arznei-Telegramms. Die Ernennung Sawickis zum Iqwig- Chef scheint somit die konsequente Verwirklichung seines Leitspruchs "Evidenz statt Eminenz" zu sein.

Gerade hat sich der Ärger ein wenig gelegt, und die Karawane der Insulin-Lobbyisten ist wieder weiter gezogen vom nicht weit entfernten Siegburg, wo der Gemeinsamen Bundesausschuss seinen Sitz hat, bis nach Berlin, zum Bundesgesundheitsministerium. Die letzte Hoffnung der Pharmaindustrie ruht nun auf Ulla Schmidt, die die Insulin-Entscheidung des Gemeinsamen Bundesausschusses noch kippen könnte. Doch es ist unwahrscheinlich, dass die Bundesgesundheitsministerin einknicken wird - allein schon, weil sie es aus Kostengründen nicht kann.

Sawicki steht bereits eine neue Auseinandersetzung ins Haus. Diesmal mit den Ärzten: Die renommierte Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie (DGHO) hat schon einige Breitseiten nach Köln abgefeuert. "Fehleinschätzungen", falsche Aussagen und schlechten Stil hat die DGHO Sawicki und seinen Leuten vorgeworfen.

In ihrem Vorbericht zur Bewertung der Behandlung bei bestimmten Leukämie-Arten kommen Kölner zu dem Schluss, dass für die Knochenmarksübertragung von einem mit dem Patienten nicht verwandten Spender gegenüber der konventionellen Chemotherapie kein Zusatznutzen nachweisbar ist. Es fehle an verlässlichen Studien.

Die Auseinandersetzung ist nun eine andere. Keine persönliche Schmutzkampagne der Pharmaindustrie wie bei der Insulin-Debatte, sondern die Lieblingsvorwürfe der Wissenschaft: Inkompetenz und handwerkliche Mängel. Wenn auch nicht angenehmer, dürfte diese Art der Auseinandersetzung dem Vollblut-Mediziner Sawicki mehr liegen.

Viele große Aufträge warten noch

Wesentlich ruhigere Zeiten werden für PTS so schnell nicht anbrechen, ein längerer Urlaub ist erst einmal auch nicht drin. Der Gemeinsame Bundesausschuss hat dem Iqwig nämlich schon Arbeit für die nächsten Jahre aufgetragen: Es soll sich alle großen Volksleiden - vom Asthma bis zur Zuckerkrankheit - vorknöpfen und die gängigen Präparate und Behandlungen bei diesen Krankheiten auf Qualität und Wirtschaftlichkeit checken.

"Es hört nie auf", sagt Sawicki und schüttelt müde den Kopf. Doch die Lachfältchen um seine Augen zucken schon wieder.

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