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Deutsches Gesundheitssystem: Teure Medikamente, gehetzte Ärzte

Deutsche Ärzte haben weniger Zeit für ihre Patienten als Mediziner in anderen europäischen Ländern - gleichzeitig sind Medikamente in Deutschland am teuersten. Dennoch schneidet unser Gesundheitssystem in einer aktuellen Studie gut ab. Damit das so bleibt, muss sich aber einiges tun.

In der Bundesrepublik sind Medikamente teuerer als in jedem anderen europäischen Land. Und: Deutsche Ärzte haben im Europavergleich am wenigsten Zeit für ihre Patienten. Dennoch hat Deutschland eines der besten Gesundheitssysteme der Welt. Das sind drei Ergebnisse einer am Dienstag vom deutschen Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen veröffentlichten internationalen Vergleichsstudie.

Deutschland sei vor 125 Jahren das erste Land gewesen, in dem eine allgemeine Krankenversicherung eingeführt wurde. Noch heute seien deren Vorteile offenkundig, heißt es in der Studie. Deutschland sollte nach Ansicht des Instituts mehr in die praxisrelevante klinische Forschung investieren und zugleich neuen Behandlungen gegenüber offen aber kritisch eingestellt sein, um sein Gesundheitssystem bezahlbar und leistungsfähig zu erhalten.

In der täglichen Praxis sei der genaue Nutzen vieler medizinischer Maßnahmen unklar. "Zwar haben die Deutschen einfachen Zugang zu neuen 'innovativen' Therapien - ob diese allerdings immer besser sind als die lang bewährten Maßnahmen, ist häufig unklar", sagte Institutschef Peter Sawicki.

Sprechstunden 30 Prozent kürzer

Nicht jede neue Technologie stelle notwendigerweise einen Fortschritt dar. Vor ihrem breiten Einsatz sollten daher innovative Behandlungen zunächst unter Praxisbedingungen ausreichend getestet werden, so der Experte. Darüber hinaus bräuchten Ärzte und Patienten bessere unabhängige Informationen über Unterschiede zwischen den verschiedenen Behandlungen. Und sie benötigten mehr Zeit, um gemeinsam zu erörtern, welche Behandlungen im konkreten Fall die beste sei, betonte Sawicki. Denn die ärztlichen Sprechstunden sind der Studie zufolge in Deutschland pro Patient um 30 Prozent kürzer als im europäischen Durchschnitt und damit die kürzesten in Europa. Dennoch hätten die deutschen Ärzte längere Arbeitzeiten.

Weitere Erkenntnisse der Studie: Die Deutschen verwenden mehr frei verkäufliche Arzneimittel als andere Europäer und zahlen für Medikamente die höchsten Preise in Europa. Preissenkungen würden deshalb eine wichtige Rolle spielen, wenn es darum gehe, in Deutschland auch in Zukunft eine qualitativ hochwertige Gesundheitsversorgung für alle zu gewährleisten, urteilte Sawicki. Der Experte verwies auch auf eine in diesem Jahr durchgeführte Studie, bei der die Versorgung chronisch kranker Patienten in acht führenden Industrieländern verglichen wurde. Danach hatten Niederländer und Deutsche den besten Zugang zu medizinischer Notfallversorgung. Außerdem waren die deutschen Patienten nach den britischen und niederländischen am drittbesten gegen private Zuzahlungen geschützt.

AP/AFP / AP

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