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Disney kauft Marvel Spider-Maus und Mickey Man


Disney setzt auf die Hilfe von Superhelden: Mit dem Kauf von Marvel Comics will der Konzern den Umsatz ankurbeln und die Marke männlicher machen.
Von Karsten Lemm, San Francisco

Mickey Maus und Donald Duck bekommen neue Verwandte: Eine Schar von Superhelden gesellt sich demnächst zu ihnen ins Disneyland - darunter Spider-Man, die Fantastischen Vier, die X-Men und Hulk. Vier Milliarden Dollar, etwa 2,8 Milliarden Euro, lässt es sich der Unterhaltungskonzern Disney kosten, den Comic-Verlag Marvel zu schlucken. Es ist die zweitgrößte Übernahme in der Geschichte des traditionsreichen Hollywoodstudios. Teurer war nur der Pixar-Kauf vor drei Jahren - für die Computer-Trickfilmer blätterte Disney damals sogar über sieben Milliarden Dollar hin.

Comics lassen Kinoklassen klingeln

Sofern die Marvel-Aktionäre zustimmen, bekommt Disney mit dem Deal Zugriff auf über 5000 Comic-Helden. Neben weltbekannten wie Spider-Man sind allerdings auch viele darunter, die außerhalb der Comicwelt ein Schattendasein führen - Figuren wie Amphibion, Catiana oder Madame Web. Obendrein hat Marvel mit einer Reihe von anderen Filmstudios langjährige Verträge abgeschlossen, von denen Disney als neuer Eigentümer nur indirekt profitieren kann. So wird der nächste X-Men-Film weiterhin vom Rivalen Fox produziert, und die Rechte für den vierten Teil der Spider-Man-Serie liegen bei Sony. Paramount wacht über Iron Man.

Dennoch verspricht sich Disney-Chef Robert Iger von der Übernahme etwas, das ihm sonst niemand geben kann: einen Anflug von Sicherheit in einem Geschäft, das zunehmend einer Lotterie gleicht. Gleich reihenweise sind in den vergangenen Monaten etablierte Stars, die viele Millionen an Gage kassieren, mit ihren Filmen auf die Nase gefallen. John Travolta enttäuschte mit "Pelham 1-2-3" ebenso wie Adam Sandler ("Funny People"), Julia Roberts ("Duplicity") und Russell Crowe ("State of Play"). Gemeinsam kamen die vier Filme der großen Namen an der US-Kinokasse auf 195 Millionen Dollar Einspielergebnis - nicht mal halb so viel wie "Transformers: Revenge of the Fallen", mit fast 400 Millionen Dollar der bisherige Spitzenreiter des Jahres.

"Man braucht nicht unbedingt große Stars"

Comic-Helden dagegen haben sich in den vergangenen Jahren als relativ verlässliche Publikumsmagneten erwiesen, wenn ihre Abenteuer auf die Leinwand kommen: So spielten die drei Spider-Man-Teile zusammen mehr als 1,1 Milliarden Dollar ein, allein in den US-Kinos; die X-Men schafften es in vier Folgen auf knapp 790 Millionen Dollar; und Batman (eine Figur des Marvel-Rivalen DC Comics) kommt allein mit seinem jüngsten Film, "The Dark Knight", auf 533 Millionen Dollar - es ist die erfolgreichste Comic-Verfilmung aller Zeiten und in US-Kinos hinter "Titanic" die Nummer zwei ganz allgemein. Zwar seien auch Comic-Helden "nicht hundertprozentig immun" gegen die Unwägbarkeiten der Filmwelt, räumte Disney-Boss Iger am Montag in einer Telefonkonferenz mit Investoren ein. "Aber sie haben zumindest eine Basis geschaffen, die sicherer ist als vieles, was wir üblicherweise sehen." Zudem haben die Strichmännchen, wenn man sie fürs Kino zum Leben erweckt, den Vorteil, schon bekannt zu sein: "Die Figuren und ihre Geschichten sind im Grunde schon da, das macht es leichter, sie zu vermarkten", sagt Marc Graser, Redakteur beim Branchenblatt "Variety". Und wenn die Helden viele Fans haben, können die Studios es sich leisten, auch weniger bekannte Schauspieler anzuheuern. "Man braucht nicht unbedingt große Stars", erklärt Graser, "denn die Figur ist ja der Star."

Für Disney wird nun die Herausforderung darin bestehen, abseits der etablierten Serien, deren Leinwandrechte vorerst anderen Studios gehören, neue Helden aufzubauen. Das könnte schwierig sein, glaubt Brandon Gray, Betreiber des populären Hollywood-Blogs Box Office Mojo. "Die erfolgreichsten Filme basieren auf Figuren, die jeder kennt", sagt er: Superman, Batman, Spider-Man. "Jetzt muss Disney der Trick gelingen, neue Superhelden zu finden, die ebenfalls eine breite Masse ansprechen." Dass die langjährigen Lizenz-Vereinbarungen, die Marvel mit Sony, Fox und Paramount eingegangen ist, vorerst Disney-eigene Filmprojekte mit den größten Marvel-Stars verhindern, ist auch für Michael Morris, Finanz-Analyst bei der UBS-Bank in New York, "ein ernster Grund zur Sorge". Hoffnung allerdings gibt ihm der Iron Man: Verkörpert von Robert Downey jr., spielte der Superheld im vorigen Jahr in seinem ersten Kino-Abenteuer weltweit fast 600 Millionen Dollar ein - obwohl die Figur bis dato eher unbekannt war. "Aus Charakteren wie dem Iron Man hat Marvel bisher noch nicht das meiste herausgeholt", sagt Morris. "Nun wird es darauf ankommen, weitere solcher ungeschliffenen Diamanten zu finden."

Erste Treffen zwischen Pixar und Marvel

Immerhin darf Disney alle Figuren - auch die bekannten, die auf der Leinwand schon anderweitig vergeben sind - jenseits der Vorführsäle nach Lust und Laune vermarkten: als Spielzeug, auf T-Shirts, in Videospielen, in Büchern, in Fernsehshows und als Attraktion in Freizeitparks. "Vielleicht mag es anfangs etwas seltsam wirken, wenn man nach Disneyland kommt und von Spider-Man begrüßt wird", sagt Marc Graser, "aber Marvel hat eine Fülle an Material, aus dem Disney etwas machen kann." Vor allem sollen die Superhelden ihre Muskeln spielen lassen, um die Marke Disney, die dank Hannah Montana & Co. bisher besonders bei Mädchen beliebt ist, auch für Jungs attraktiver zu machen. An eine Kombination aus Pixar und Marvel-Material wird offenbar ebenfalls gedacht: Schon während der Übernahme-Verhandlungen traf sich Pixar-Boss und Toy-Story-Vater John Lasseter mit seinen Marvel-Kollegen, "und alle waren ganz begeistert", berichtet Disney-Vorstandschef Iger. "Da werden Funken sprühen."

Sein Unternehmen wird es brauchen können, denn die Wirtschaftskrise hat Disney schwer gebeutelt. In den ersten neun Monaten des laufenden Geschäftsjahrs ist der Umsatz um sieben Prozent gefallen: Statt 28,4 Milliarden Dollar, wie im Vorjahr, kamen nur noch 26,3 Milliarden Dollar (etwa 18 Milliarden Euro) in die Kasse. Der Gewinn brach sogar um 34 Prozent ein und liegt nur noch bei 2,4 statt 3,7 Milliarden Dollar. Grund: Die Vergnügungsparks bekommen zu spüren, dass Menschen für Ferien und Freizeit weniger Geld ausgeben können; Fernsehsender wie ABC und der Disney Channel leiden unter einer Werbeflaute; und DVDs - bis vor kurzem Hollywoods stärkster Umsatzmotor - verkaufen sich neuerdings so schleppend, dass Disney für die ersten neun Monate einen Gewinnrückgang im Filmgeschäft von 81 Prozent verbuchte. Mit Mühe nur blieb die Filmsparte im Plus. Kein schlechter Moment also, um Superhelden zur Hilfe zu rufen.


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