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dm-Gründer Werner: Von Krise, Gier und Klopapier

Er ist Anthroposoph und hat mit dm eine der größten Drogerieketten in Deutschland aufgebaut. Im stern.de-Interview sagt Götz W. Werner, warum Bonuszahlungen an Manager in Wahrheit ein System der Bestrafung sind und wie er seine Angestellten motiviert.

Herr Werner, in Deutschland wird durch die Bonuszahlungen an gescheiterte Bankmanager wieder über Gier diskutiert. Trifft die Kritik die richtigen?

Die ganze gesellschaftliche Diskussion ist obskur, fast bizarr. Denn verantwortlich sind die Vorstände und Aufsichtsräte. Die haben die Wurst aus dem Fenster gehängt. So kam es zur Gier nach immer größeren Leistungen und besseren Ergebnissen. Man muss sich fragen: Wer war derjenige der reizt, und wer ist den Reizen gefolgt?

Wie funktioniert der Mechanismus?

Warum stellt ein Vorstand seinen Mitarbeitern Boni in Aussicht? Man meint, sie auf diese Weise zu animieren. Sie sollen über das Mögliche hinaus arbeiten. Ich würde hier aber nicht von Gier sprechen. Man muss die Leute fragen, die überzogene Bonifikationen in Aussicht gestellt haben. Die müsste man zur Verantwortung ziehen.

Wie läuft das bei dm?

Ich bin kein Befürworter von Bonuszahlungen. Bei dm gibt es nur fixe Einkommen - für alle. Es gab noch nie andere Leistungsanreize. Wir arbeiten doch arbeitsteilig. Wer will denn da eine Leistung nur für sich reklamieren?

Aber welche Reize setzen Sie Ihren Managern?

Wir setzen auf intrinsische Motivation! Intrinsisch im Sinne: Sie kommt aus dem Inneren der Person - ohne materielle Anreize wie Geld. Der Mensch, der für uns arbeitet, muss sich selbst motivieren: Für die Ziele, die ein Unternehmen hat - und jene, die er sich selbst setzt. Sobald es Leistungsanreize gibt, verhindere ich die intrinsische Motivation. Langfristig funktioniert das nicht.

Wie müsste es stattdessen funktionieren?

Wichtig ist, dass sich die Menschen die Zielfrage stellen. In vielen Unternehmen fragt man zuviel: "Wie läuft etwas?" Viel wichtiger ist das "Warum?". Das Ziel ist wichtig! In Wirklichkeit sind 95 Prozent dieser Bonussysteme übrigens Malussysteme.

Das müssen Sie erklären.

Die Banker gehen von dem Bonus aus und haben nur Angst, ihn zu verlieren: Zuckerbrot und Peitsche.

Welches Menschenbild steckt dahinter?

Der Mensch ist in diesem Fall ein Reiz-Reaktions-Wesen. Einer, der die Dinge nicht macht, weil er es selber will, sondern weil er dazu angeleitet wird. Das ist ein materialistisches Menschenbild. Motivation durch Geld macht die Menschen süchtig. Wenn das Geld dann wegbleibt, kommt nichts mehr.

Manche Investmentbanker haben 36 Stunden am Stück gearbeitet, Dutzende Tage hintereinander. Sie haben an den Bonus gedacht - und sich reingehängt.

Jede Höchstleistung hat ihre Folgen. In der Unternehmensführung kommt es darauf an, in einen Arbeitsrhythmus zu kommen. Um die wenigen Spitzen geht es nicht. Die Menschen müssen von sich aus motiviert sein. Nehmen Sie das ehrenamtliche Engagement: Wer die Ziele für sinnvoll hält, ist bereit, sich einzusetzen - und nicht auf die Uhr zu schauen.

Solche Mitarbeiter hätten ja alle gerne! Wie findet man den denn?

Indem man keine anderen Leistungsanreize setzt! (lacht). Das ist kein Scherz. In dem Moment, in dem ich - etwa mit Geldanreizen - motiviere, verliert die intrinsische Motivation ihre Unschuld. Das ist eine Korrumpierung!

Wie wirkt sich denn die aktuelle Finanzkrise auf das Geschäft der dm-Märkte aus?

In den vergangenen Monaten hatten wir signifikant bessere Ergebnisse. Den Umsatz steigern wir um 15 Prozent. Bezogen auf die bestehende Fläche wächst er mit sieben Prozent. Das Filialnetz werden wir weiter kontinuierlich erweitern. In diesem Jahr kommen netto 70 bis 80 Filialen dazu.

Wie erklären Sie sich das?

Wenn eine Frau auf den Wintermantel verzichtet, dann freut sie sich auf das Parfum. In der Krise braucht man kleine Glücksgefühle. Bevor sich unsere Kunden kein sanftes, aber preiswertes Toilettenpapier mehr leisten wollen, können Sie auf vieles anderes verzichten.

Interview: Axel Hildebrand