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DocMorris vor dem Aus: Gestärkte Abwehrkräfte

Die Liberalisierung des deutschen Apothekenmarkts steht vor dem Aus. Für Celesio wäre dies ein Desaster: Seit Jahren hat der Pharmagroßhändler mit seiner Tochter DocMorris hinter den Kulissen den Angriff auf den Markt geplant.

Von Lukas Heiny und Stefanie Kreiss

Was musste Fritz Oesterle in den vergangenen Monaten nicht alles über sich ergehen lassen: Als "Totengräber" haben ihn seine Gegner beschimpft, haben sogar Voodoopuppen gebastelt, um ihn mit Hexerei zu bändigen - und sie haben sich geweigert, Geschäfte mit ihm zu machen. Fritz Oesterle ist Chef des Stuttgarter Pharmagroßhändlers Celesio, seine Gegner sind die deutschen Apotheker.

Mehr Umsatz als mancher Dax-Konzern

Angriffslustig wie kein zweiter hatte Oesterle immer wieder erklärt, er wolle eine Apothekenkette aufbauen, die den Markt durchschütteln würde. Den Einzelapothekern wurde angst und bange. Nichts schien Oesterle aufhalten zu können, diesen Mann, dessen Unternehmen mehr Umsatz macht als mancher Dax-Konzern. Der über seine Großhandelstochter Gehe bestens in der Branche verdrahtet ist. Der mit mehr als 2.300 Apotheken einer der führenden Kettenbetreiber Europas ist.

Und der das Unternehmen DocMorris gekauft hat, um damit das Land zu überrollen, sobald die Gerichte den Markt liberalisieren. Im kommenden Jahr sollte es so weit sein. Die ganze Strategie des Konzerns war darauf ausgerichtet, bald zuzuschlagen. Doch am Dienstag sind all die Pläne und Strategien ins Wanken geraten.

Das Verfahren vor dem Europäischen Gerichtshof (EuGH) um die Zukunft des Milliardenmarkts hat eine überraschende Wendung genommen. Die Europa-Richter sollen die Frage klären, ob auch Kapitalgesellschaften wie Celesio Apotheken betreiben dürfen oder ob das wie bislang nur studierten Pharmazeuten erlaubt ist. Ein Urteil fällen sie erst in drei bis sechs Monaten.

Celesio vor dem Aus

Am Dienstag stellte der Generalanwalt Yves Bot seinen Schlussantrag, dem die Richter meistens folgen. Und Bot befand zur Überraschung der meisten Experten: Nein, das Verbot sei gerechtfertigt, es sichere die Versorgung des jeweiligen Landes.

Für Celesio-Chef Oesterle ist das ein Desaster. In der Konzernzentrale löste die Beurteilung am Dienstag Fassungslosigkeit aus. Auch Marktbeobachter sind erstaunt: "Das ist ein katastrophales Resultat für Celesio", sagt Martin Brunninger, Healthcare-Experte der Londoner Investmentbank Bryan Garnier. An den Börsen brach die Celesio-Aktie am Dienstag um bis zu 15 Prozent ein.

Celesio ist nicht das einzige Unternehmen, das auf große Gewinne im drittgrößten Arzneimittelmarkt der Welt spekuliert hat. 36 Milliarden Euro gibt es hier zu verteilen. Das reizt auch Supermarktketten wie Rewe oder Plus, Drogeriediscounter wie DM oder Schlecker und ausländische Konzerne wie den US-Giganten Medco. Alle hoffen auf einen "Goldrausch", wie ein beteiligter Manager zugibt. "Jeder hat Angst, das große Geschäft zu verpassen."

Das Nein des Generalanwalts vorm EuGH trifft diese Neueinsteiger allerdings nicht im Kerngeschäft. "Im Zweifel ziehen die sich zurück und hinterlassen ein bisschen verbrannte Erde", sagt ein Manager. Für Fritz Oesterle dagegen ist die Wende vorm EuGH dramatisch. Das Nein trifft sowohl eines der Kerngeschäfte wie auch einen Hoffnungsmarkt.

Und es zerschlägt lange gehegte Wachstumsträume. Sehr viel war schon vorbereitet: Die Marke DocMorris hat er übernommen, seit 20 Monaten ein Franchisesystem aufgebaut mit rund 150 Pharmazien in Deutschland und eigener Apotheke in Saarbrücken. Alles nur Vorboten. Nach der Freigabe wollte Oesterle mit dem Aufbau der Kette DocMorris beginnen, 50 Apotheken sollten es im ersten Jahr sein.

Der Weg war bereitet

Längst haben sich die Schwaben über ihre Immobilientochter Inten wichtige Standorte gesichert. "Wir sind die Einzigen im Markt, die damit offen und transparent unterwegs sind", sagt Inten-Geschäftsführer Björn Oellrich. Rund 100 Apotheken hat Inten bereits unter Kontrolle. Gezielt mietet die Gesellschaft Läden in attraktiver Lage, in belebten Fußgängerzonen, in Einkaufszentren oder in den Ladenzeilen von Ärztehäusern - und vermietet sie derzeit an Apotheker weiter.

Inten hätte eine zentrale Rolle für den Aufbau einer schlagkräftigen Kette spielen können. Ralf Däinghaus, Chef von DocMorris, war schon voller Vorfreude: "Die Inten sichert Standorte, das bringt uns in eine ganz interessante Ausgangslage." In einer zentralen Datenbank gebe es "eine Karte, auf der die Punkte markiert sind, die uns interessieren". Alles nun vorbei. Die Stuttgarter wiegeln ab: Man sei nicht einzig Wegbereiter einer Kette, sagt Inten-Chef Oellrich. Auch so funktioniere das Geschäftsmodell. Ein schwacher Trost.

Arzneihandel läuft an Großhändlern vorbei

Celesio braucht das Apothekengeschäft dringend. Das bisherige Kerngeschäft, der Großhandel, verspricht immer weniger Umsatz. Im dritten Quartal erwirtschaftete Celesio in der Sparte gerade mal eine Marge von 2,5 Prozent, in der Apothekensparte dagegen holten sie satte 9,3 Prozent raus.

Außerdem bricht den Großhändlern ein Teil ihrer Erlöse weg. "Zunehmend läuft der Arzneimittelhandel an den Großhändlern vorbei", sagt Michael Thiess, Vorstand des spezialisierten Finanzinvestors Sanemus. "Immer stärker beliefern die Pharmahersteller die Apotheken direkt."

Franchise-Modell war Notnagel

Deswegen planen wohl auch andere Pharmagroßhändler den Einstieg in den Apothekenmarkt. Immer wieder fallen zwei Namen: Alliance Boots aus Großbritannien und der deutsche Branchenführer Phoenix, Teil des finanziell angeschlagenen Merckle-Imperiums, der wie Celesio Tausende unabhängige Apotheken in Marketingverbünden um sich schart. "Im Ernstfall könnten die schnell scharf geschaltet und in eine Kette umgewandelt werden", prophezeit ein Wettbewerber. Diese Wachstumspläne kann Oesterle aller Voraussicht nach erst mal begraben.

Am Tag des Schocks versucht er erst mal abzuwiegeln: Man wolle das endgültige EuGH-Urteil 2009 abwarten. Erst dann werde "endgültig Klarheit über die weitere Entwicklung des deutschen Apothekenmarkts herrschen", sagt Oesterle. Und ein Sprecher fügt hinzu: "Wir sind auf alle möglichen Entscheidungen vorbereitet. Wir haben eine sehr gute Markenkooperation und würden diese dann weiter ausbauen." Oesterles Optionen im deutschen Apothekengeschäft sind allerdings begrenzt. Zwar ist es gelungen, in wenigen Monaten rund 150 Apotheker für das Franchisekonzept von DocMorris zu gewinnen.

Apotheker atmen auf

Doch das Drohszenario einer Marktfreigabe schwindet - und damit die Notwendigkeit für viele Apotheker, unter dem Dach von DocMorris weiter zu agieren. Investoren zweifeln daher an dieser Option. Das Franchisemodell "war immer nur ein Notnagel für Celesio", sagt Investmentbanker Brunninger.

Ein endgültiges Nein würde Celesio viel Geld kosten - und die Kritik an Oesterles Strategie verschärfen. 500 Millionen Euro habe Celesio bislang für die Vorbereitung der Liberalisierung ausgegeben, schätzt Brunninger. Er bezeichnet den Kauf von DocMorris als überteuert. Das Drama beschränkt sich nicht nur auf den deutschen Markt. Ein EuGH-Urteil hätte sicher auch Signalwirkung für andere Märkte - und würde Celesios Expansion im Ausland erschweren. Es wäre für Fritz Oesterle eine Niederlage auf der ganze Linie.

"Wer nicht überrollt werden will, muss handeln"

Bisher freut sich vor allem eine Seite über die Wendung in Luxemburg. "Die Apotheker begrüßen die Einschätzung des Generalanwalts", freut sich die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände.

Doch der Jubel ist verfrüht. Sicher, das Horrorszenario, dass mit einer Marktfreigabe bis zu 6.000 Apotheker in den Ruin getrieben werden, ist wohl abgewendet. "Doch die unabhängige Einzelapotheke ist ein romantischer Mythos, der nichts mit der Realität zu tun hat", sagt Thiess vom Finanzinvestor Sanemus, der selbst eine Apothekenkooperation zu einer Kette formen möchte. Längst sind schlagkräftige Verbünde entstanden, die den Markt unter sich aufteilen, drei Viertel aller Apotheken sind in Verbünden und Franchisesystemen organisiert.

"Wer nicht überrollt werden will, muss handeln", sagt Thomas Worch, Geschäftsführer von Parmapharm, eine der stärksten Kooperationen. Parmapharm gehört 554 Apothekern und dient ihnen als Einkaufs- und Marketingplattform - und als Vehikel für lukrative Direktverträge mit Arzneimittelherstellern und Krankenkassen. Seit dieser Woche liefert ein eigener Medikamentenhersteller sogar Pillen, die unter eigener Marke verkauft werden - mit sehr hohen Margen. Und an Oesterle komplett vorbei.

FTD
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