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Dubai vor der Pleite: Ende des Wüstenwunders

Es war einmal ein Herrscher, der machte sein Emirat zum schönsten weit und breit. Leider mithilfe von Schulden. Und so endet das Märchen recht profan: Dubai steht vor der Pleite - zum Schrecken der Weltmärkte.

Wer zum Sheraton Hotel in der Prestigestraße Sheikh Zayed Road fährt, den Lift betritt und die Taste mit der Aufschrift "P" drückt, kommt auf eine Dachterrasse, die alles zeigt, was Dubai bekannt gemacht hat: im Norden das alte Zentrum, im Süden die Palmeninsel und den Burj, mit 818 Metern der höchste Turm der Erde.

Aber es ist auch anderes zu sehen: ein Sandhaufen im Meer, er sollte eine weitere Palmeninseln werden. Und überall verstreut: Ruinen und Rohbauten. Das Gerippe des Al Attar Tower, an dem seit Monaten nur noch Sonne und Sand arbeiten. Ja, von oben sieht Dubai aus wie ein Sandkasten nach dem Spiel: Vieles ist kaputt oder wurde nie fertig. Ein trauriger Anblick.

Die Finanzwelt ist erschüttert

Es ist das Ende eines Märchens. Das Märchen des kleinen Emirats Dubai, das groß geworden war. Das sich auf einmal teure Träume erfüllen konnte. Das sich zu dem Handelsplatz Arabiens aufgeschwungen hatte. Dieses Emirat hat seinen Reichtum verloren. Oder wie es in der Finanzsprache heißt: Die Regierung bittet darum, die Schulden der Staatsholding Dubai World später zurückzahlen zu dürfen. Es geht um 3,5 von 59 Milliarden Dollar - früher hätte der Emir das mal eben so überwiesen. Aber diese Zeiten sind vorbei. Dubai steht vor der Pleite.

Und die Finanzwelt ist erschüttert. Weltweit gerieten die Märkte in Bewegung, der Dax ging runter, an den Märkten gab es kaum ein anderes Thema. Der Vermögensverwalter Schakil Sarwar von der Investmentbank SICO nannte die Nachricht "schockierend". Händler befürchten, Dubai werde "regelrecht zerbröckeln".

Nun rächt sich die Politik der Herrscherfamilie. Die al-Maktums haben gebaut, dass Fachleute die Köpfe schüttelten. "Das erinnerte mich an den Neuen Markt. Da musste auch ständig etwas Neues, noch Spektakuläreres angekündigt werden, um den Hype am Leben zu erhalten", sagt Eckart Woertz, Chefökonom des Thinktanks Gulf Research Center. Dieser Hype hatte Spekulanten angelockt, Finanzierungskonstrukte wie das Flipping kamen auf. Leute leisteten eine Anzahlung von fünf oder zehn Prozent und verkauften ihre Anteile weiter, oft vor Baubeginn.

Baustopp aller Orten

Nun ist die Blase geplatzt. 59 große Bauprojekte mit je mehr als 50 Millionen Dollar Investitionssumme sind unterbrochen oder abgesagt worden, darunter eine Inselgruppe in Form einer Weltkarte oder der Nakheel Tower, ein 38-Milliarden- Dollar- Turm, der den Burj überragen sollte. "Niemand investiert in Nakheel nur mehr einen Penny", sagt Samir Pradhan vom Gulf Research Center.

Selbst da, wo fertig gebaut wurde, sieht es nicht nach einer guten Zukunft aus: Das Hotel Atlantis, vor einem Jahr mit 20-Millionen- Dollar-Feuerwerk eröffnet, lockt mit Sondertarifen. Und die Inselpalme ist für Touristen eine Überraschung der besonderen Art: "Wie sieht das denn hier aus?", entfährt es einer Deutschen, die im Monorail über die Kunstinsel schwebt. Die Stelzenbahn ist leer, wie fast die gesamte Palme. Mittendrauf wollte Donald Trump ein Luxusresort bauen. Ausgesetzt.

Wenigstens am Burj Dubai wird noch gewerkelt, sogar in der Nacht. Am 4. Januar muss der Wolkenkratzer aufmachen. Sonst droht ein weiterer Gesichtsverlust. Mehrmals wurde die Eröffnung des Wunderbaus verschoben. "Diese Eröffnung hat nur ein Ziel: Sie soll dem Markt das Vertrauen in Dubai zurückgeben", sagt Pradhan.

Das Ende des großen Traums

Die Eröffnung wird vorerst die letzte große Party in Dubai sein. Gigabauten stehen nicht mehr an. Der Superflughafen verzögert sich auf unbestimmte Zeit. Der Kanal quer durch die Wüste ist abgesagt. Dubailand, der Vergnügungspark, der Las Vegas übertreffen sollte, bleibt ein Hirngespinst "In Dubai hat sich vieles geändert", sagt Pradhan. "Jetzt wird nur noch Geld in Projekte gesteckt, die Sinn machen." Und von denen gibt es nicht viele.

Zu viele Büros und Wohnungen wurden gebaut. Wenn es dämmert, gehen in manchen Hochhauskomplexen nur ein, zwei Lichter an. Bei den Büroflächen sind die Mieten in den vergangenen zwölf Monaten um bis zu 40 Prozent eingebrochen. In den Wohnblocks liegt der Leerstand bei 25 Prozent. Die Preise haben sich halbiert.

Es ist das Ende des großen Traums der Herrscherfamilie. Ihr Drang nach Großem hatte Dubai zu dem gemacht, was es bis vor Kurzem war: zum Vorzeigeemirat, zur Drehscheibe zwischen Europa, Asien und Afrika. Dieser Aufstieg begann in den 70er-Jahren, als die al-Maktums erkannten, dass das Öl nicht ewig reichen würde. Sie fassten einen kühnen Entschluss: Ihr Wüstenkaff sollte Wirtschafts-, Finanz- und Verkehrszentrum der arabischen Welt werden. Und so bauten sie einen scheinbar überdimensionierten Hafen, eröffneten mit Emirates eine internationale Fluglinie, setzten das himmelhohe Hotel Burj Al Arab ins Nirgendwo. Es wurden drei Erfolge - und Dubai zu einer Macht.

Ein gigantischer Schuldenberg

Das Wunder hatte allerdings zwei Haken: Erstens hat Dubai die Abhängigkeit vom Öl nur getauscht - gegen die Abhängigkeit vom Immobilienmarkt, der die Hälfte der Wirtschaft ausmacht. Es gibt keinen Plan B, der nun die Wirtschaft treiben könnte. Der zweite Fehler: Das Wunder war auf Pump finanziert. "Demystifying Dubai Inc." betitelte die Ratingagentur Moody's vor einem Jahr eine Studie. 80 Milliarden Dollar Schulden haben Dubai und die staatsnahen Firmen angehäuft. Nach Schätzungen müssen sie 2010 13 Milliarden Dollar tilgen, 2011 20 Milliarden Dollar und 2012 16 Milliarden Dollar. Und vielleicht ist alles noch schlimmer. Es gibt keine Transparenz über den Zustand des Staatshaushalts, keine offizielle Statistik, die das Attribut vernünftig oder glaubwürdig verdient.

Experten wurden deswegen von dem Absturz nicht überrascht. "1931 das State Empire Building, 1997 die Petronas Towers, jetzt der Burj Dubai. Wenn die höchsten Türme gebaut werden, ist das oft ein Anzeichen, dass ein Boom überzogen ist", sagt Golfexperte Woertz. Und weiter: "Das ist wie bei ‚Des Kaisers neue Kleider'. Irgendwann hat jeder Depp das Gefühl: Da muss man dabei sein. Und irgendwann geht es dann in die andere Richtung."

Was aber überraschte, ist das Ausmaß. Bei allen Problemen, eines hatten die Herrscher und Staatsfirmen bisher immer geschafft: ihre Verpflichtungen zu erfüllen. Noch Anfang November tönte Herrscher Mohammed al-Maktum in einer Rede, das Emirat könne seine Schulden locker bezahlen. Er wechselte von Arabisch ins Englische und erklärte: "Those who nag about Dubai and Abu Dhabi should shut up." Nun ist er es, der den Mund hält, abgesehen von der kleinmütigen Verlautbarung, dass man um Schuldenaufschub bis mindestens Mai 2010 bitte. Der offizielle Grund: die Restrukturierung der Staatsholding Dubai World.

Was machen die Staatsfonds?

Die Westen ist hochnervös. Sicher, Dubai ist nicht tot. Es wird weiter Drehkreuz sein mit seinem Hafen und seinem Finanzzentrum. Dubai-Experte Woertz fällt dazu ein Vergleich ein: "Wenn so eine Blase einmal platzt, das kommt nie mehr zurück. Das ist wie bei der New Economy. Wer damals seine Aktien nicht verkauft hat, der sitzt meistens noch heute auf niedrigen Kursen. Das bedeutet aber nicht das Ende des Internets - und auch nicht das von Dubai. Für beides gibt es einen Bedarf."

Und doch, in dieser aktuellen Krise droht Dubai die Region mitzureißen. Und viele Unternehmen in Europa und den USA sind von arabischen Investoren abhängig. Staatsfonds vom Golf sind mit Milliardenbeträgen bei Geldinstituten wie der Barclays Bank oder Konzernen wie Daimler und Volkswagen eingestiegen. Experten fürchten, dass die Araber das Geld abziehen, wenn die eigenen Volkswirtschaften in Not geraten.

Abu Dhabi muss einspringen

Die Nachbar-Emirate versuchen nun zu helfen. Abu Dhabi sprang mit einem Notkredit von 5 Milliarden Dollar ein, vor einigen Monaten hatte das Scheichtum schon einmal ausgeholfen. Eine Demütigung für Dubais Herrscherfamilie. Hochmütig hatten sie früher auf den Nachbarn herabgeschaut, der nicht ihre Visionen, ihren Mut zu haben schien. "Abu Dhabi ist der weiße Ritter, der aushelfen kann", sagt Experte Woertz. "Allerdings nicht in unbegrenzter Höhe. Bei aller Hilfe werden sie dabei auch eine gewisse Schadenfreude empfinden. Und Dubai wird sich künftig reinreden lassen müssen."

Das zeigt sich schon, wenn man derzeit durch Dubai fährt. Das Emirat huldigt den Mächtigen mit überlebensgroßen Porträts in den Straßen. Vor dem Finanzzentrum hängt nun ein Bild von Chalifa al-Nahjan, dem Emir von Abu Dhabi. Er lächelt. Mohammed Al-Maktums Porträt hingegen ist lange nicht mehr so gegenwärtig wie vor der Krise.

Und auch der Emir selbst macht sich rar. Mit leerem Blick und ausgezehrt sei er kürzlich durch eine Mall gewandelt, erzählen besorgte Bürger. Ihr Herrscher! Der Mann, der Dubai zum Mittelpunkt der arabischen Welt machen wollte. Und dem dies auch zum Teil gelungen ist.

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