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Ebay/DHL-Tsunami-Aktion: Anzeigen, Schwund und Scherben

Es wurde im wahrsten Sinne viel Porzellan zerschlagen bei der Ebay/DHL-Aktion für die Tsunami-Opfer. Spenden wurden zerdeppert, verramscht oder kamen erst gar nicht an. Nun ermittelt die Polizei gegen eines der Unternehmen.

Von Oliver Häußler

Bei 25,59 Euro fiel der virtuelle Hammer. "Herrliches Porzellan Hand Made in Russia", lautete die Beschreibung, darauf hatte sich Doris Saisch besonders gefreut. Als sie das Paket öffnete, blickte sie auf Scherben: der Inhalt war zerbrochen, der Ärger groß. So wie Doris Saisch ging es in letzter Zeit tausenden erfolgreichen Bietern des Internet-Auktionshauses Ebay. So wie Doris Saisch boten sie nicht nur auf Porzellan oder Goldketten, sie boten auch wegen des damit verbundenen guten Zwecks.

Anfang Januar, wenige Tage nach der Flutkatastrophe in Südasien, hatte sich Ebay mit der Deutschen Post zusammen getan. Knapp zwei Wochen lang konnten Spender Pakete bei der Post abgeben, die dann versteigert wurden. Weder die Post verlangte Porto für die Auslieferung, noch berechnete Ebay eine Gebühr. Der Erlös sollte den Tsunami-Opfern zugute kommen. Mehr als 200.000 Pakete wurden gespendet - und die Ebay-Community steigerte, was das Zeug hielt. Ob man die Artikel brauchte oder nicht, war für viele zweitrangig. Es ging, wie gesagt, um den guten Zweck.

Doris Saisch hatte insgesamt 39 Pakete ersteigert. Wie das russische Porzellan kamen viele Pakete als Bruch an, einige Pakete gar nicht und bei anderen fehlte die Hälfte. "Nur ein Einziges war richtig gut verpackt", sagt sie. Monatelanges Warten auf die Lieferung, falsche, kaputte und gestohlene Ware - die Entrüstung über die gut gemeinte Aktion von Ebay und DHL wurde bei etlichen Ebay-Mitgliedern von Tag zu Tag größer.

Wochenlang beschwerten sich die Geschädigten bei Ebay, DHL und dem beauftragten Auktionsmanager "Sell-Service". Bis auf Standardmails war von den Unternehmen selten etwas zu hören. Mitte April hat Doris Saisch zusammen mit anderen Geschädigten wegen Betrugs Anzeige gegen die DHL erstattet. Nun ermittelt die Polizei.

Angefangen hatte alles, als Ebay und DHL den Auktionsmanager "Sell-Service" aus Bielefeld mit der Umsetzung der Versteigerung beauftragten. Die mehr als 200.000 Pakete überfordern aber die Kapazität des kleinen Unternehmens. "Normalerweise beschäftigen wir 15 Mitarbeiter", sagt Christof Sanders, Geschäftsführer von "Sell-Service". Für die Spendenaktion mussten kurzfristig 400 Aushilfen angeworben werden.

Zunächst wurden die gespendeten Pakete zentral im Braunschweiger DHL-Lager gesammelt, von Hilfskräften ausgepackt, der Inhalt fotografiert. Anschließend wurden Bilder und Pakete zu "Sell" nach Bielefeld geschickt. Allerdings waren ein großer Teil der Spenden falsch beschriftet. Folge: Im "Sell"-Lager rätselten die Aushilfen, um welche Artikel es sich handeln könnte. So wurden Puppenwägen als Kinderwägen angeboten, Goldketten als Modeschmuck, ein Stapel Pullover als Putzlappen, Briefmarkenalben als Fachbücher und edles Porzellan als Küchengeschirr. Nicht zuletzt wurden die Waren schlampig verpackt nach Bielefeld weitergeschickt und tausende Artikel kamen als Bruch an.

Noch heute warten tausende Ebayer auf Ihr Paket oder den richtigen Artikel. Das liege unter anderem an der "mangelnden Beschreibung", wie "Sell"-Chef Christof Sanders sagt. Viele Kunden haben resigniert, einige den Rechtsanwalt eingeschaltet. "Etliche Pakete können wohl keinem Käufer zugeordnet werden", sagt Doris Saisch. Bei Nachfragen verschickt "Sell" eine Standard-Mail mit dem Hinweis, dass die Ware im Lager zu Bruch gegangen sei.

Vielleicht nicht zu Bruch, dafür aber spurlos verschwunden sind besonders teure Kleinartikel wie Handys, Uhren, Schmuck und Münzen. Der Ebay-Club "Spendenauktion Wir-wollen-helfen" hat die Schwund-Fälle akribisch dokumentiert. In einem Ebay-Forum wird eine der Aushilfen zitiert, dass im DHL-Lager während der Spendenaktion "kostenlos eingekauft" wurde. Beweise gibt es jedoch keine.

Ein anderes Ebay-Mitglied berichtet im Diskussionsforum, dass er für ein paar Euro eine Jacke ersteigert hatte. Diese Jacke wurde in einem Maxi-Paket geliefert. In dem Paket befand sich neben der gekauften Jacke noch ein Anzug und 20 Paar nagelneue Designerschuhe mit Preisschildern von bis zu 200 Euro pro Paar. Spendenpakete werden teilweise einfach zusammengeschüttet und kommen so überhaupt nicht in die Auktion. Das Geld fehlt den Flutopfern. Und der Spender ärgert sich.

Sind Spendenpakete bei einer regulären Post-Versteigerung gelandet?

Mehr als 200.000 Pakete wurden nach offiziellen Angaben gespendet "Es gab aber nur etwas mehr als 162.000 Auktionen", so Spendenclubmitglied Martina Gebert. Davon fanden über 20.000 keinen Käufer. Die Münchnerin hat fast alle Auktionen in ihrer Datenbank gespeichert. Der Verbleib von 58.000 Paketen ist weiter ungeklärt.

Saisch vermutet, dass bei einer regulären Post-Versteigerung im April in Bamberg auch Spendenpakete unter den Hammer gekommen sind. Bei der Bamberger Versteigerung wurden mehr als 40.000 "unanbringbare" Pakete verkauft. Viele Spendenclubmitglieder vermuten, dass auch etliche Spendenpakete dabei sein könnten. Falls dies aber der Fall wäre, hätte sich die Deutsche Post auf Kosten der Tsunami-Opfer bereichert. Beweisen kann Saisch das jedoch nicht.

Andere Artikel sollen aber auch deutlich unter Wert verkauft worden sein, weil die Versteigerung unprofessionell organisiert worden sei. Ein Ebay-Mitglied etwa hatte 50 Pakete gespendet, darunter ein Posten mit Designerware im Wert von 500 Euro. Auf dem Foto der Auktion sieht die Edelkleidung nach Altkleidersammlung aus. Für 5,50 Euro ersteigerte der Spender seine eigene Spende zurück. Ein Käufer ersteigerte einen Sammlerkrug im Wert von etwa 500 Euro für 3,83 Euro. Ein Schnäppchen zwar, aber nach der Erfahrung des Mannes, hätte das Stück mehr als 100 Euro für die Flutopfer bringen können.

"Teure Spenden wurden einfach verramscht", sagt Ivonne Harenburg, Gründerin des von "Spendenauktion Wir-wollen-helfen". "Sell"-Chef Sanders begründet die Probleme mit der großen Zahl der Pakete und der kurzen Vorlaufzeit. "Am 4. Januar hatten wir von der Aktion erfahren und am 5. Januar kamen die ersten Pakete", so Sanders.

Schwierigkeiten gab es auch bei beim Porto. Für jede erfolgreiche Auktion sollte der Käufer eine Versandkostenpauschale in Höhe von sieben Euro bezahlen. Auf Nachfrage von Kundin Heide Seiffert antwortete das "Sell-Service"-Team am 9. Januar: "Der gesamte Auktionserlös inklusive der Versandkosten werden gespendet." Noch bis Mitte Januar verschickte "Sell" nach jeder Auktion eine Zahlungsaufforderung mit dem Hinweis, dass das Porto gespendet wird. Eine Ebay-Mitarbeiterin versicherte noch am 24. Januar in einem Ebay-Diskussionsforum: "Das Porto kommen zu Hundertprozent zum Spendenerlös hinzu."

"Es gab da wohl kurze Zeit etwas Verwirrung", sagt Claus Korfmann, Pressesprecher der DHL. "Aber das haben wir korrigiert." Das Fazit der Korrektur: Mehr als eine Million Euro Portokosten kam nun doch nicht den Flutopfern zugute, sondern fließt in die Kasse der DHL. "Glatter Betrug", findet Heide Seiffert. "Hilfsbereite Käufer wurden knallhart belogen."

"Wir werden jede Reklamation erstatten"

Immerhin bemüht sich "Sell" um Schadensbegrenzung. "Wir werden jede Reklamation erstatten. Bis der letzte Fall geklärt ist", sagt Christof Sanders. Gemäß den Geschäftsbedingungen der Firma könne jeder Kauf innerhalb von vier Wochen "ohne Angaben vor Gründen" wieder rückgängig gemacht werden. Nicht alle Ebayer wollen jedoch ihre defekte, zu Bruch gegangene oder nie erhaltene Ware reklamieren. Das Geld würde sonst den Flutopfern fehlen, so die allgemeine Befürchtung. "Bislang hält sich "Sell-Service" hält sein Versprechen. Die Rückerstattung läuft, wenn auch zögerlich. Auch drei Monate nach dem Ende der Aktion sind noch Mitarbeiter mit der Abwicklung beschäftigt.

Am 21. Februar haben Ebay und die DHL etwa 2,2 Millionen an die Tsunami-Opfer gespendet. Mehr als eine Million Euro hat die DHL an Porto eingenommen. Wenn man das Honorar an "Sell-Services", die Kosten für die 400 Zeitarbeiter und die Rückerstattung für die Reklamation zusammenrechnet, kommt man schätzungsweise auf etwa eine Million Euro, die Ebay und DHL zusätzlich aufwenden mussten, um die 2,2 Millionen Euro Spenden zu generieren. Genaue Angaben zu den Kosten wollen weder Ebay noch die DHL machen.

Trotz aller Pannen und nicht eingehaltener Versprechen zeigen sich DHL und Ebay mit ihrer Spendenaktion hoch zufrieden. "Es ist nicht alles optimal gelaufen, aber im Grunde eine tolle Aktion", sagt Leonie Bechthold, zuständig für Charity-Aktionen bei Ebay. Über die Zahl der Reklamationen schweigt die Öffentlichkeitsarbeiterin von Ebay. Ebenso wie ihr Kollege Claus Korfmacher: "Wir haben versucht, das Bestmöglichste in der Kürze der Zeit zu machen und sind von den vielen positiven Reaktionen sehr erfreut." Die Ebay-Mitglieder Doris Saisch, Heide Seiffert und Ivonne Harenburg fanden die Idee der Spendenaktion an sich lobenswert. Nur etwas mehr Selbstkritik bei der von Pannen behafteten Aktion hätten sie sich gewünscht.