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Eoil: Pflanzenöl statt Diesel

Ökosprit vom Acker: Dietbert Rudolph und Dirk Wenzel von der Firma "Eoil" rüsten Lkws mit Pflanzenölmotoren aus - und eroberten so innerhalb kürzester Zeit den Markt.

Von Roman Heflik

Wenn vor zehn Jahren nachts das Telefon klingelte, wusste Dietbert Rudolph schon, was los war. Er schwang sich in seinen Wagen, im Kofferraum das Abschleppseil, und fuhr los. Meist standen seine Jungs mit ihrem Auto auf irgendeinem Standstreifen. Der Wagen rauchte, aus dem Auspuff drang der ranzige Geruch von Pommesfett. Die Rudolphs sahen sich an und seufzten müde: Irgendwie lief das mit dem Pflanzenöl als Dieselersatz noch nicht so rund. Dietbert Rudolph ist heute 71 Jahre alt und frisch gebackener Jungunternehmer. Zusammen mit seinem 36-jährigen Geschäftspartner Dirk Wenzel erhält er in diesem Jahr den Deutschen Gründerpreis in der Kategorie Startup. Rudolph und Wenzel leiten zusammen die Firma Eoil Automotive & Technologies GmbH, den Markt- und Technologieführer im Bereich der Pflanzenölmotoren. Seit zwei Jahren entwickelt und vertreibt Eoil Aufrüstsätze, mit denen Dieselmotoren von Nutzfahrzeugen auf Pflanzenöl umgestellt werden können - und das ganz ohne Pannen. Inzwischen sind fast 5000 Lastwagen mit dem Eoil-Set ausgerüstet. Weitere 5000 sollen allein in diesem Jahr dazukommen. Das Startup aus Alfeld bei Hildesheim wächst rasant: Der Umsatz wird sich dieses Jahr voraussichtlich auf 30 Millionen Euro belaufen - das wäre, verglichen mit 2005, ein Anstieg um das Achtfache. Der Jahresgewinn läge dann bei 8,5 Millionen Euro. Tendenz: steigend.

Ökosprit hatte Startschwierigkeiten

Den technischen Grundstein zu diesem Erfolg legte Rudolph vor knapp neun Jahren. Die Testfahrten seiner Söhne hatten bewiesen, dass der Ökosprit vom Acker so seine Macken hatte: Weil das Rapsöl nicht so sauber wie Diesel verbrannte, verschmutzten Ablagerungen schnell den Motor und ließen das Motoröl verklumpen. Außerdem musste man den Pflanzensprit bei Kälte zunächst anwärmen, bevor der Motor zündete und dann trotzdem erst sehr träge auf Touren kam. Die Startschwierigkeiten ließen sich bis dahin nur mit einer Zwei-Tank-Lösung umgehen: Man startete mit normalem Diesel aus einem Zusatzbehälter. Erst wenn Motor und Treibstoff warm genug waren, durfte der Fahrer die Kraftstoffzufuhr umschalten. Das alles war unpraktisch und teuer.

Billig und CO2-neutral

Trotz all dieser Probleme glaubte Rudolph, promovierter Physiker und Forscher an der Uni Göttingen, an das Potenzial dieses Kraftstoffs: Er ist aus einem überall anzubauenden Rohstoff zu gewinnen, in jedem Dieselmotor verbrennbar, wegen der einfachen Herstellung und der fehlenden Besteuerung zugleich billiger als Diesel, dazu weitgehend CO2-neutral und komplett ungefährlich für die Umwelt. Der Wissenschaftler, der sich eigentlich mit Röntgenmikroskopie befasste, tüftelte monatelang an einer Lösung. Heraus kam ein metallischer Zylinder von der Größe einer Kaffeedose, in dem der zuvor gefilterte Kraftstoff mittels Ultraschall aufbereitet wird. Das so behandelte Pflanzenöl lässt sich nicht mehr so leicht komprimieren und verbrennt besser in den Zylindern. Dadurch entfallen die Startschwierigkeiten; ein zweiter Dieseltank und das lästige Umschalten werden überflüssig. Über die Motorluft wird zusätzlich ein Additiv in den Zylinder gesprüht, um Verschmutzungen zu verhindern.

Ein geniales System, das um ein Haar ein ewiger Prototyp unter der Motorhaube von Rudolphs Privatwagen geblieben wäre - wenn da nicht Dirk Wenzel gewesen wäre. Als Prokurist einer Alfelder Spedition hatte Wenzel sich Ende 2002 vorgenommen, die Kraftstoffkosten zu senken. "Wir wollten das preiswertere Pflanzenöl ausprobieren", erinnert sich Wenzel, "wussten aber nicht, wie. Dann habe ich von jemandem aus dem nahen Örtchen Wenzen gehört, der eine Erfindung für Pflanzenölantriebe gemacht hatte."

Junger Geschäftsmann trifft auf rüstigen Forscher

So traf Wenzel, der jung-dynamische Geschäftsmann mit dem korrekt sitzenden grauen Anzug, auf Rudolph, den rüstigen Forscher mit dem silbergrauen Zopf. Bei allen Unterschieden merkten die beiden schnell, dass sie sich gut ergänzten. "Da hat die kaufmännische Komponente die technischen Möglichkeiten vervollständigt", sagt Rudolph. Schnell stand der Deal: Der Erfinder sollte auf Kosten des Fuhrunternehmens weiterforschen und einen funktionstüchtigen Pflanzenölantrieb entwickeln. Doch Wenzel dachte einen Schritt weiter: "Ich habe gleich die Chance gesehen, hier eine Technologie zu entwickeln, die auch für den Markt geeignet war."

Um Fördermittel für ihre Forschung beantragen zu können, gründete das Duo die Firma "Eoil", wobei das "E" für die Elektronik stand, die das Öl erst nutzbar machte. Weil die ersten Versuche vielversprechend verliefen, weiteten die beiden Geschäftsführer das Experiment auf 30 Speditionslaster und zwei Jahre aus. "Der Umstieg von Privatautos auf Lkw war ein enormer Schritt, der uns extrem viele Erkenntnisse brachte", erinnert sich Rudolph. "Der eine oder andere Truck ist allerdings dabei auch mal liegen geblieben." So platzte einem der Lastwagen mitten auf der A2 die Kraftstoffleitung. Auf dem ausgelaufenen Öl schlitterten mehrere Autos in den Graben. Tücken, die man seither in den Griff bekommen hat. "Wir haben heute den Anspruch, zum ersten Mal eine technisch einwandfreie Lösung auf den Markt zu bringen", sagt Rudolph voller Stolz. Ein Motor mit "Eoil"-Ausrüstung kann ohne Leistungsunterschied sowohl mit Diesel als auch mit Pflanzenöl fahren.

Vom Wachstum überrollt

Der Kunde, fand Wenzel, müsse aber auch mit dem Service zufrieden sein. "Der Fahrzeughalter erwartet, dass sein Nutzfahrzeug nach dem Einbau unserer Anlage genauso zuverlässig ist wie zuvor." Weil jedoch das Startup unmöglich selbst alle Rüstsätze einbauen und warten konnte, wandten sich die Gründer an einzelne Fachwerkstätten, die an der neuen Technologie interessiert waren. Die Mechaniker der Werkstätten wurden dann im Einbau und der Reparatur des Systems geschult. 2005 schließlich wagten Wenzel und Rudolph den Schritt an den Markt. Bereits im ersten Jahr verkauften sie 800 Sets, meist für landwirtschaftliche Fahrzeuge wie Traktoren und Mähdrescher. Doch bald erkannten die Unternehmer, dass der eigentliche Markt bei den Lastkraftwagen lag. "Wegen ihres großen Spritverbrauchs amortisiert sich das System dort am schnellsten: Schon nach sechs bis acht Monaten hat der Spediteur in der Regel die Kosten von 6000 bis 8000 Euro wieder raus", sagt Wenzel. Durch diesen Strategiewechsel gelang Wenzel und Rudolph ein Jahr später der große Schritt: Sie gewannen die deutschen Nutzfahrzeugsparten von Volvo und Daimler-Chrysler als Partner. Auf einen Schlag wuchs die Zahl der "Eoil"-Vertriebsstellen von 117 auf 304, die Zahl der verkauften Systeme verfünffachte sich beinahe. "Von diesem Wachstum sind wir richtig überrollt worden", sagt Wenzel.

Und Dietbert Rudolph ist auch für die Zukunft optimistisch: "Das große Potenzial von Pflanzenöl ist noch nicht erkannt", sagt er, "zumal viele biologische Ölquellen, etwa Algen, noch gar nicht genutzt werden."

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