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Biokraftstoffe: Sprit vom Acker

Angesichts der stetig steigenden Spritpreise werden auch die Autofahrer abenteuerlustig, was den Inhalt ihres Tanks angeht: Ob reines Pflanzenöl, Biodiesel oder Bioethanol - immer mehr fahren mit der Kraft von Raps, Getreide oder Holz.

Biokraftstoffe sind nach Ansicht von Experten angesichts der Turbulenzen auf dem Rohölmarkt und hohen Spritpreisen eine Alternative mit Zukunft. Sie sind unbegrenzt verfügbar, Abhängigkeiten wie beim Erdöl gibt es nicht. Ob reines Pflanzenöl, Biodiesel oder Bioethanol - Traktoren, Agrarmaschinen, Lastwagen oder Autos fahren in Deutschland bereits mit "Sprit vom Acker". 2005 entfielen nach Angaben der Branche rund 3,6 Prozent des gesamten Kraftstoffverbrauchs auf Biokraftstoffe.

Rüben in den Tank

Zwei Drittel der Biodiesel-Produktionsanlagen und die drei großen deutschen Bioethanol-Anlagen stehen in Ostdeutschland. Neben besseren Fördermöglichkeiten spielen auch die landwirtschaftlichen Strukturen in den neuen Ländern eine Rolle. Basis für derzeit hergestellte Biokraftstoffe sind Raps und Sonnenblumen, Getreide, Zuckerrüben und Holz.

Weniger beunruhigt als die meisten Autofahrer ist der sächsische Landwirt Lothar Eckardt derzeit beim Blick zum Preisanschlag an den Zapfsäulen: Den Sprit für die Fahrzeuge seiner Agrargenossenschaft "Bergland" in Clausnitz im Kreis Freiberg bezieht er von eigenen Feldern. In seiner Rapsölpressanlage werden pro Jahr etwa 1200 Tonnen der schwarzen Samenkörner gepresst und filtriert. Am Ende tröpfelt stetig Öl in die Tanks: 200.000 Liter pro Jahr. Der finanzielle Aufwand liegt bei etwa 50 Cent pro Liter. Alle Maschinen, die mehr als 8000 Liter Sprit im Jahr verbrauchen, wurden umgerüstet. Auch die Reste werden verwertet - der Rapspresskuchen ist Viehfutter.

Motoren müssen umgerüstet werden

Die Verarbeitung von Rapssaat in einer Ölpresse ist technisch einfach. "Zusätzlich nötig ist jedoch eine Umrüstung der Motoren. Auf Grund der dafür anfallenden Kosten ist der Kraftstoff Pflanzenöl bislang weit weniger vertreten als Biodiesel", sagt Andreas Schütte, Geschäftsführer der Fachagentur für nachwachsende Rohstoffe in Gülzow (Mecklenburg-Vorpommern). Bundesweit gebe es erst etwa 250 Pflanzenöltankstellen.

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Einen ganz anderen Markt bedient Biodiesel. Auch er hat eine "bäuerliche" Herkunft, entsteht jedoch aus der Veresterung von Rapsöl. Angeboten wird er bundesweit an knapp 2000 Tankstellen. Einige Hersteller haben entsprechend ausgerüstete Fahrzeuge im Programm. Zudem wird bei der Produktion von herkömmlichem Diesel bis zu fünf Prozent an Biokomponenten beigemischt. Dafür gilt der französischen Mineralölkonzern TOTAL als einer der europaweit führenden Anbieter.

Biodiesel boomt

"In unserer Raffinerie werden bei der Produktion von Kraftstoffen für den deutschen Markt bereits seit zwei Jahren Biokomponenten eingesetzt. 2005 waren es rund 200.000 Tonnen", sagt der Sprecher der TOTAL Raffinerie Mitteldeutschland GmbH (Spergau/Leuna), Olaf Wagner. Es seien dafür mehrere Millionen Euro investiert worden. "In der Raffinerie selbst stellen wir aber keine Biokraftstoffe her."

Nach 265.000 Tonnen im Jahr 2000 rechnet die Union zur Förderung von Öl- und Proteinpflanzen mit einer Produktionskapazität für Biodiesel von 2,3 bis 2,6 Millionen Tonnen bis Ende 2006. In den vergangenen Jahren wurden in Deutschland etwa 400 bis 500 Millionen Euro in den Aufbau der Biodieselproduktion gesteckt. 25 Anlagen gibt es laut Verband der Deutschen Biokraftstoff-Industrie (VDB) bereits.

Hauptanbau in Sachsen-Anhalt

"Heute werden etwa 70 Prozent der in Deutschland hergestellten Biokraftstoffe in Sachsen-Anhalt produziert", sagt Wirtschaftsminister Reiner Haseloff (CDU). Zu den Großprojekten gehört der Bau von Deutschlands erster Komplettanlage in Piesteritz bei Wittenberg, die künftig im Jahr rund 200.000 Tonnen Biodiesel - von der Saatannahme bis zur Dieselgewinnung - liefern soll. Reiner Biodiesel wird seit August mit neun Cent pro Liter besteuert. Von 2008 bis 2011 steigt der Satz um je sechs Cent. Reines Pflanzenöl bleibt bis Ende 2007 steuerfrei. Für beide Biokraftstoffe gilt erst ab 2012 der volle Mineralölsteuersatz, der bei 45 Cent liegen wird. Derzeit beträgt der Steuersatz für Benzin und Diesel 47 Cent pro Liter. Noch rechnen sich nach Expertenangaben Biokraftstoffe. Doch der Verband der Deutschen Biokraftstoff-Industrie befürchtet, dass durch die Biospritsteuer das Interesse sinken könnte.

Petra Buch und Gudrun Janicke/DPA / DPA