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Facebook-Börsengang "Anleger über den Tisch gezogen"


Hochgejubelt, dann tief gefallen: An der Börse gefällt Facebook gar nicht. Der Händler Dirk "Mr. Dax" Müller kritisiert die Umstände des Börsengangs und den Hype als "Sauerei".

Herr Müller, der lang erwartete Facebook-Börsengang ist nach nur wenigen Tagen zum Desaster geworden. Was ist da passiert?
Ich habe schon vorher vor dem Aktiengang gewarnt. Das Unternehmen ist fürchterlich gehypt, und die Papiere sind absolut überbewertet. Facebook macht eine Milliarde Dollar Gewinn, der Wert aller Aktien liegt bei rund 100 Milliarden Dollar. Das Verhältnis zwischen diesen Kennzahlen liegt bei 100, und das ist mehr als sportlich. Die Marktkapitalisierung eines kraftstrotzenden Unternehmens wie Google ist 15-mal höher als der Gewinn, normale Unternehmen bringen es auf das Sechs- bis Fünfzehnfache. Das Wachstumsversprechen, das Facebook mit einem derartigen Kurs eingeht, wird es möglicherweise niemals erfüllen können. Viele Investoren haben von Beginn an nicht an diese Bewertung geglaubt und wollten nur schnell mögliche Gewinne der ersten Stunden mitnehmen. Die haben sofort nach dem Börsengang verkauft, und der Kurs kam unter Druck.

Gibt es Schuldige an dem katastrophalen Börsenstart?
Im Grunde alle, die mit damit zu tun haben. Berater und Banken verdienen schließlich gutes Geld damit, Unternehmen an die Börse zu bringen. Es gehört aber zum guten Ton, dass die ausgebenden Banken bei der Festlegung des Ausgabepreises einen fairen Kurs für das Unternehmen wie für die neuen Aktionäre festlegt und in den ersten Tagen diesen fairen Kurs auch mal durch eigene Käufe stützen. Das ist bei Facebook nahezu ausgeblieben. Selbst die Altaktionäre, also Mark Zuckerberg, die anderen Gründer sowie die Geldgeber der ersten Stunde, haben kein Geld für ihre eigenen Papiere nachgeschossen, obwohl ihre eigenen Depots deutlich unter Druck gerieten. Das zeigt doch, was sie von ihren eigenen Aktien halten. Und nun ist auch noch zu hören, dass die Banken vor dem Börsengang vor einem kleinen Kreis von Anlegern die Schätzungen für Facebook nach unten genommen haben. Es grenzt schon an einen Skandal, was da passiert.

Braucht Facebook das Geld aus dem Börsengang überhaupt?
Nein. Und große Investitionen wie Erweiterungen, Aufkäufe oder Personalaufstockungen sind meines Wissens auch nicht geplant. Es ging bei diesem Börsengang offenbar nur darum, dass die Altaktionäre endlich Kasse machen wollten.

Die Eigner, Zuckerberg und Co., waren also schlicht aufs Geld aus?
Dass die Jungs auch mal Kasse machen wollen, kann man verstehen, aber die Art und Weise wie das ablief, kotzt mich an. Solche gierigen Börsengänge, bei denen Anleger über den Tisch gezogen werden, erweisen den Finanzmärkten einen Bärendienst. Wir haben ohnehin zu wenig IPOs. Und schlechte Beispiele wie Facebook schrecken künftige Investoren natürlich ab. Am Ende werden es die kleinen, mittelständischen Unternehmen ausbaden müssen, die das Geld der Märkte wirklich brauchen, aber es nicht bekommen, weil das große Misstrauen herrscht. Eine solche Sauerei wie jetzt bei Facebook, die die Gutgläubigkeit der Menschen ausnutzt und sie auswringt, nur um die schnelle Mark zu machen, hat es früher, vor Einführung des neuen Markts, in dieser Form nicht gegeben.

Wagen Sie eine Prognose, wo die Facebook-Aktie in einem Jahr stehen wird?
Tut mir leid, aber das ist unkalkulierbar. Gerade bei solchen Unternehmen.

Niels Kruse

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