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Finanzkrise: Der Juwelier am Puls der Angst

Nahe der Frankfurter Börse betreibt Udo Binsack ein Juweliergeschäft. Wenn die Kurse steigen, verkauft er Rolexuhren aus Weißgold für 20.000 Euro. Ist die Stimmung im Keller, bricht sein Handel ein. Früher als andere wusste Binsack von der Krise - an seinem Geschäft lässt sich ablesen, wann Probleme im Anmarsch sind.

Udo Binsack hat einen direkten Draht zur Finanzindustrie. Als einziges Juweliergeschäft in Frankfurt verkauft er direkt an die Banken und Börse. Bei zwölf Institutionen wie der Deutschen Bank oder der Deutschen Börse AG bietet er Markenuhren, Schmuck und Gold direkt über das Betriebsintranet an. Binsack erlebte die Finanzkrise vor vielen anderen. An dieser Stelle kommt er selber zu Wort.

"Zunächst muss ich mein Geschäft erklären: 40 Prozent meines Umsatzes mache ich direkt mit zwölf großen Institutionen. Die übrigen 60 Prozent des Geschäftes kommen durch Stammkunden rein, darunter sind Architekten und Ärzte. Die sind auch verunsichert und kaufen nun weniger. Um knapp ein Fünftel ist das Geschäft hier zurückgegangen. Aber verglichen mit den Bankern und Börsianern ist das fast nichts.

Diese Menschen wissen meist ein bisschen mehr als die Anleger. Zu Zeiten der New Economy, bevor die Internetblase platze, habe ich eine ganze Menge Rolex-Uhren aus Weißgold verkauft. Das Stück für 20.000 Euro. Wenn die Börsianer etwas gewinnen, kommen sie direkt in den Laden und kaufen ein. Ich nenne sie die Sofort-Spontan-Käufer.

"Ab Mai war klar, dass etwas bevorstand"

Auf der anderen Seite können sie und die Banker auch früher absehen, wenn etwas im Ansturm ist. So lief unser Geschäft bis zum Mai diesen Jahres sehr gut. Das vergangene Jahr war sogar ein besonders gutes. Aber ab Mai war klar, dass etwas bevorstand. Bei den Bankern und Börsianern setzte ich 15 bis 20 Prozent weniger um, ab Juli gingen noch einmal 40 Prozent ab.

An der Börse, die ja in Fußweite von meinem Laden liegt, geht heute die nackte Angst um. Das merke ich ganz extrem. Bei mir kaufen Banker und Börsianer. Das Geschäft mit den Börsianern ist jetzt komplett tot. Null. Seit drei Wochen passiert gar nichts. Bei den Bankern ist das Geschäft um 80 Prozent zurückgegangen. Bei beiden herrscht eine totale Verunsicherung.

"Aber es kauft kaum jemand"

Wir öffnen den Laden, räumen die Ware ein und abends wieder aus. Aber es kauft kaum jemand.

Im September habe ich meinen Laden dann fünf Wochen lang zugemacht. Der eigentliche Grund war die Baustelle im Nachbarhaus. Aber wegen der Finanzkrise haben wir dann gleich längere Ferien gemacht: statt drei waren es nun fünf Wochen, die wir nach Sylt gefahren sind. Ich sage immer im Spaß: Den guten Wein trinkt man, wenn's schlecht läuft.

Den Unterschied zwischen Bankern und Börsianern merke ich am Einkauf

Banker und Börsianer sind ganz unterschiedliche Typen. Ich merke das an der Art, wie sie bei mir einkaufen. Bei den Bankern ist das Kaufverhalten viel absehbarer. Sie gehen überlegt, fast bedacht vor. Zurzeit kaufen sie wenig, aber dafür zu festen Anlässen: zum Geburtstag, zum Hochzeitstag oder zu Weihnachten.

Die Börsianer sind da spontaner. Das Geld sitzt bei ihnen lockerer. Sie sind im Schnitt jünger und kaufen eher eine sportliche Rolex mit Stahlband oder Schmuck aus Platin oder Weißgold. Ihnen fehlt manchmal die Bodenständigkeit. Wenn es richtig gut läuft, sind sie in einem regelrechten Kaufrausch. Und wenn es schlecht läuft, fallen sie in eine tiefe Depression. Seit einem halben Jahr habe ich keinen von ihnen mehr im Laden gesehen.

Aufgezeichnet von Gerald Drißner und Axel Hildebrand