Finanzmärkte Was schert uns die US-Immobilienkrise?


Es mutet an wie ein Dominospiel: In den USA platzt die Blase am Immobilienmarkt, Banken geraten in Existenznot, erst in Amerika, dann auch in Deutschland. Hierzulande springt die Regierung ein, aber die Unsicherheit wächst. Aber was haben US-Immobilien mit deutschen Banken zu tun? Eine Erklärung.

Die Sache war ernst. So ernst, dass Finanzminister Peer Steinbrück extra seinen Urlaub unterbrochen haben soll, um der IKB Deutsche Industriebank aus ihrem Schlamassel zu helfen. Das mit den Ferien will die Bundesregierung zwar so nicht bestätigen, aber weil Steinbrück auch amtierender Verwaltungsratsvorsitzender der Düsseldorfer Mittelstandsbank ist, sei er in die Vorfälle zumindest eingeweiht gewesen, hieß es.

Furcht, dass "alles ins Rutschen gerät"

Wie auch immer. Fest steht: Auch die Bundesregierung hat wegen der drohenden Pleite des Kreditinstituts Handlungsbedarf gesehen. Laut "Süddeutscher Zeitung" habe sie die Gefahr einer Bankenkrise in Deutschland im Auge gehabt. Die Schieflage des Düsseldorfer Instituts hätte sowohl auf weitere Kreditinstitute als auch auf die Finanzmärkte überschwappen können.

Was war passiert? Die IKB wäre fast eines der Opfer der US-Immobilienkrise geworden, die derzeit fast täglich weitere Firmen bedroht, zuletzt die US-Hypothekenbank American Home Mortgage. Zuvor hatte die Düsseldorfer Bank jahrelang von den glänzend laufenden Geschäften mit US-Hypotheken profitiert, die sich nun aber als Bumerang entpuppen.

Das Problem erklärt sich folgendermaßen: Seit dem Börsenzusammenbruch 2000 wurden die Zinsen ständig niedriger - und damit auch das Geld, entsprechend Hypotheken. Mit dem anschließenden Konjunkturaufschwung wuchs so die Bereitschaft,Kredite und Hypotheken an Menschen zu geben, die sie sich eigentlich nicht leisten konnten. Zudem machte sie niemand ernsthafte Gedanken über eventuelle Rückzahlungsausfälle. Die Aufschwungsstimmung war einfach zu gut. Diese so genannten "faulen Kredite" rächen sich nun.

Seit 2004 steigen die Zinsen wieder an

Denn seit Mitte 2004 stiegen die Zinsen in den USA wieder an. Die US-Notenbank FED hat sie kontinuierlich auf aktuell 5,25 Prozent angehoben. Viele der meist zahlungsschwachen Kreditnehmer hatten mit einer derart hohen Belastung nicht gerechnet, was nun zu rasanten Ausfällen bei den Immobilienkrediten führt. Volkswirte glauben, dass 2007 und 2008 rund 460 Milliarden Dollar der Forderungen ausfallen werden. Rechnet man die Gewinne dagegen, die sich aus Zwangsversteigerungen ergeben, bleiben die Banken und Anleger immer noch auf mehr als 100 Milliarden Dollar Verlusten sitzen.

Die IKB profitierte von der Entwicklung am Hypothekenmarkt. Sie kaufte Anleihen von Kreditinstituten und sicherte so ihre eigenen Risiken ab, die im Kern durch die Finanzierung mittelständischer deutscher Unternehmen entstanden. Bis jetzt. Nun soll aufgrund der US-Krise ein Verlust von 3,5 Milliarden Euro gedroht haben. In einer Rettungsaktion ist die gesamte deutsche Bankenbranche in die Bresche gesprungen, um das drohende Aus zu verhindern, mit Hilfe einer Bürgschaft, die zu einem Großteil die staatliche KfW-Bank übernommen hat. Was zeigt, wie ernst die Befürchtungen der Bundesregierung waren.

Krise schwappt über die Branche hinweg

Wie nervös die Märkte sind, zeigt auch der Fall des zehntgrößten US-Immobilienfinanzierer American Home Mortgage. Nach der Ankündigung, er werde seine Zahlungsverpflichtungen nicht einhalten können, stürzte die Aktie um 90 Prozent ab. Grund für den Schock: American Home vergab seine Kredite nicht an die zahlungsschwachen Kunden, den so genannten Sub-Primes, sondern an solche mit höherer Bonität. Die Bank wird einfach vom Abwärtssog der Branche mitgerissen.

Die Krise erfasst die Finanzbranche mittlerweile weltweit. So ist etwa die australische Bank Macquaire ebenso betroffen wie mehrere Hedgefonds, die ihre riskanten Geschäfte dank billiger Kredite finanzieren und sie mit Investitionen in Immobilien abgesichert haben.

Auch die Finanzierung von Unternehmen wird durch die Folgen der Immobilienkrise erschwert. Denn die Banken müssen nun ihre Zinsen und Gebühren anheben, um die drohenden Verluste zumindest halbwegs abfedern zu können. So aber wird das Geld teuerer und damit haben es Investoren wie Hedgefonds oder Privat-Equity-Firmen schwerer, an Kredite für geplante Beteiligungen zu kommen. Oder sie müssen Investitionen gleich ganz streichen, weil sie die Zinsen für die Milliarden-Summen nicht aufbringen können.

Auch die Aktienmärkte werden in Mitleidenschaft gezogen, auch in Europa. In den vergangenen Wochen zogen die Anleger sich zurück. So verlor der Stoxx50-Index für die 50 größten börsennotierten europäischen Unternehmen am Tag, als American Home seine Quasi-Pleite angekündigt hatte, fast drei Prozent. Die Anleger so NordLB-Analyst Tobias Basse, scheuten gerade das Risiko und "Risikoaversion ist das schlimmste, was dem Aktienmarkt passieren kann".

Politik und Banken versuchen zu beruhigen

Ungeachtet der Schwierigkeiten versuchen Politiker und Bänker, die Märkten zu beschwichtigen. So sagte US-Finanzminister Henry Paulson jetzt bei einem Besuch in China, dass zwar bei einer Reihe von Institutionen Verluste anfallen würden, doch die "grundlegende wirtschaftliche Entwicklung sehr gesund ist". Auch der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), Jean-Claude Trichet, mahnt zur Gelassenheit. Auf einer Pressekonferenz in Frankfurt am Main, sagte er, es sei eine "stärkere Wahrnehmung der Risiken" an einigen Märkten zu beobachten - was aber ein Prozess der Normalisierung sei.

Was die Auswirkungen auf den deutschen Markt betrifft, gibt zumindest die US-Investmentbank Merrill Lynch Entwarung: Er sei von der Kreditkrise allenfalls indirekt betroffen. "Kreditausfälle gibt es am amerikanischen Immobilienmarkt", sagte Flavio Valeri, Leiter des deutschen Investmentbankings, der "Süddeutschen Zeitung". Dieses Phänomen sei allerdings stark regional begrenzt. "Wir sehen keine direkte Verbindung zu deutschen Unternehmen."

Niels Kruse mit DPA/AP/Reuters AP Reuters

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