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Zweifelhafte Werke aufgetaucht: Francis Bacon: Das irre Millionengeschäft mit seinem Nachlass

2016 ist das Jahr des Francis Bacon: Fünf große Ausstellungen weltweit feiern den Künstler, ein Werkverzeichnis trumpft mit rund 100 bislang unbekannten Gemälden auf. Dem Kunstmarkt wächst ein Millionengeschäft zu. Die Fäden ziehen die Nachlassverwalter des Künstlers.

Francis Bacon

Ein Mitarbeiter des Auktionshauses Sotheby's mit zwei Selbstporträts von Francis Bacon aus dem Jahr 1970

"Und jetzt kommen wir zu Los 8A, zu sehen auf der linken Seite, Ihnen zur Rechten, Damen und Herren, das großartige Triptychon 'Lucien Freud' von Francis Bacon aus 1969. Wunderbares Ding, hier haben wir es."

New York, 12. November 2013. Im Verkaufsraum des Auktionshauses Christie's im Rockefeller Center steuert die Abendauktion für Nachkriegs- und zeitgenössische Kunst auf ihren Höhepunkt zu. Das Bietgefecht ist eröffnet. Geld liegt in der Luft. Und Schweigen. Auktionator Jussi Pylkkanen presst ein Lachen hervor, ermuntert zum ersten Gebot: "Husch, wir beginnen jetzt!" Dann ein erlöstes "80 Millionen Dollar!", gefolgt von einem vor-wärts drängendem "85 Millionen Dollar!" Dann "90, ich habe 90."

Der Preis steigt in Fünf-Millionen-Schritten bis 120. Dann 121, 122, zwei Bieter am Telefon kämpfen jetzt um das Bild, im Saal herrscht angespannte Stille. Bei 126 Millionen Dollar beugt sich Pylkkanen über sein Pult, als wolle er die Millionen eigenhändig aus der Luft scheffeln und stellt fest: "Ein historischer Moment." 

Am Ende, mit dem handelsüblichen Aufschlag fürs Auktionshaus, lan-det das dreiteilige Gemälde für 142.405.000 Dollar bei Elaine Wynn, der Ex-Frau des Las Vegas Casino-Moguls Stephen Wynn. Hammerschlag, "Verkauft!", Weltrekord.

Der teuerste Künstler der Welt

Der Maler Francis Bacon, 1909 als Sohn eines englischen Pferdetrainers in Dublin geboren, ein Autodidakt ohne nennenswerte Schulbildung, galt bereits zu Lebzeiten als der teuerste zeitgenössische Künstler. Seine Bilder von Menschen, die sich in Fleischmassen aufzulösen scheinen, von schreienden Päpsten und sich windenden Körpern wirken bis heute rätselhaft und verstörend.

Seit seinem Tod 1992 ist ein unerbittlicher Kampf um das auf rund 100 Millionen britische Pfund geschätzte Erbe des Malers und die Deutungshoheit über sein Werk entbrannt. Und die wenigen großen Arbeiten, die überhaupt auf den Markt kommen, sind zu Trophäen von Hedgefond-Milliardären wie J. Tomilson Hill von Blackstone und russischen Oligarchen wie Roman Abramovic geworden. Wer auf konventionellem Wege nicht zu einem Bacon-Original kommt, greift zu rabiateren Methoden: Im März wurde bekannt, dass aus der Wohnung von Bacons letztem Lover in Madrid fünf Gemälde im Wert von über 30 Millionen Euro gestohlen wurden. 

Francis Bacons Ölgemälde "Triptych" aus dem Jahr 1967 in der Ausstellung "Unsichtbare Räume" in der Staatsgalerie Stuttgart

Francis Bacons Ölgemälde "Triptych" aus dem Jahr 1967 in der Ausstellung "Unsichtbare Räume" in der Staatsgalerie Stuttgart

Plötzlich überall neue Bacon-Werke

Dieses Jahr nun ist die Bacon-Mania mit Ausstellungen in Liverpool, Monaco, Stuttgart, Bilbao und Los Angeles sowie einem publizistischen Großprojekt auf einem neuen Höhepunkt angekommen: Um die 100 bislang unbekannte Gemälde will "The Estate of Francis Bacon", also die Nachlassverwaltung des Künstlers, entdeckt und verifiziert haben.

In einem fünfbändigen Opus Magnum im schwarzen Schuber, 15 Kilo schwer und 1000 Britische Pfund teuer, veröffentlichte der Nachlass im Juni dieses Jahres alle von ihm als authentisch eingestuften Arbeiten. Und gemäß gängiger Kunsthandelspraxis gilt ab sofort: Echt ist, was drin ist.

So mancher Besitzer eines Gemäldes, das bislang undokumentiert an der Wand hing und höchstens als "Bacon zugeschrieben" bezeichnet werden konnte, kann sich nun über eine in Zahlen kaum zu benennende Wertsteigerung freuen. Und die Auktionshäuser, gierig nach großen Namen und noch nie gehandelten, also marktfrischen Werken, stehen längst in den Startlöchern.

400.000 Pfund für ein Abfallprodukt

Derzeit lässt sich nahezu alles, was irgendwie mit Bacon in Verbindung zu bringen ist, verkaufen: Eine plumpe und wohl zurecht verworfene Studie Bacons, die ein englischer Künstler in zwei Teile geschnitten, umgedreht und mit Landschaften bemalt hatte, brachte im März 434.500 Pfund, 15 Mal so viel, wie das Auktionshaus erwartet hatte. Und zwei linke Handschuhe, die Bacon beim Malen getragen haben soll, sicherte sich ein Käufer für fast 7000 Pfund.

Bacon-Bilder erzielen auf Auktionen häufig Erlöse zwischen 10 und 30 Millionen Euro. Dabei schwanken die Preise ganz erheblich – je nach Größe, Bedeutung und öffentlicher Würdigung des Werkes. Und nach seiner Anmutung: Die düsteren Arbeiten bringen meistens weniger. Mit den rund 100 neu veröffentlichten Bildern wächst dem Kunstmarkt ein Potenzial von Hunderten Millionen Euro zu.

Daran profitieren werden eine Heerschar von Art Consultants, Galeristen, Auktionshäusern und nicht zuletzt jene, die den Kontakt herstellen zwischen Kaufinteressenten und verkaufsbereiten Eigentümern, die im Werkverzeichnis als anonyme Privatsammler gelistet sind: Das kann nur der Francis Bacon Estate.

Foto von Francis Bacon in seinem Studio im Jahr 1972

Foto von Francis Bacon in seinem Studio im Jahr 1972


Der Ruf des Malers steht auf dem Spiel

Die Kehrseite des großen Reibachs: Der Ruf des Malers steht auf dem Spiel. Denn die Autoren, Martin Harrison und seine Assistentin Rebecca Daniels, nehmen nach eigenen Angaben lückenlos alles in das Verzeichnis auf, was sich nach ihren Erkenntnissen der Hand Francis Bacons zuschreiben lässt: Auch jene Werke, die der Maler in allseits bekanntem Furor zerrissen, zerschnitten und auf den Müll geworfen hat. Und die auf wundersame Weise überlebt haben.

Mit den zusammen gefegten Wiederentdeckungen und Fehlversuchen sowie allem, was Bacon zu Lebzeiten noch anerkannte, erhöht sich das Werk des Malers von einst 221 im ersten Werkverzeichnis 1964 dokumentierten Arbeiten auf jetzt 584. 

Einer, der Bacon sehr gut kannte und als der maßgebliche Biograf des Künstlers gilt, hat ein lang gehütetes Werk Bacons im Februar zur Auktion gegeben. Weil er wusste, dass eine Flut neuer, zum Teil minderwertiger Werke auf den Markt drängen werden? Michael Peppiatt schüttelt den Kopf. "Das Bild war mein Pensionsfonds. Durch die große Wertsteigerung in den vergangenen Jahren konnte ich mir noch nicht einmal die Versicherung dafür leisten, also habe ich es immer an Museen und für Ausstellungen verliehen. So war es zumindest sicher."

Knapp fünf Millionen Pfund brachte das Geschenk des Freundes. Dieses Jahr wird Peppiatt 75 Jahre alt, und noch immer befreit er sich mit jedem Buch, jeder Ausstellung und eben diesem Verkauf aus dem Bann seines Mentors. Die Erinnerung tauscht er nun gegen ein Haus an der Cote d'Azur.

Ein Treffen mit dem Biografen

Peppiatt sitzt im ersten Stock des Café de Flore am Boulevard Saint-Germain, Paris. Er hat diesen Ort gewählt, weil er für die gute alte Zeit steht – als Paris der Sehnsuchtsort der Künstler und Intellektuellen aus aller Welt war. Als Gemälde noch existenzielle Debatten provozierten. Und als der junge Londoner Kunsthistoriker Peppiatt hier 1966 sein Glück suchte und fand.

Wie sehr seine eigene Geschichte mit dem Leben und Werk Bacons verbunden ist, und wie viel er dem Maler verdankt, hat der renommierte Autor zuletzt in der 2015 in London erschienenen Doppelbiografie "Francis Bacon in your blood" erzählt: "Verrückt, böse und eine gefährliche Bekanntschaft, und das war er, wurde Francis Bacon zu einer Vaterfigur für mich und zum wichtigsten Einfluss auf mein Leben."

Peppiatt war 21 und Student in Cambridge, als er 1963 sein erstes Magazin gründete und dafür ein Interview mit dem damals 53-jährigen Francis Bacon führen wollte. Er traf den notorischen Trinker, Spieler und Liebhaber junger Kleingangster in einer Kaschemme in London und begann ein Gespräch, das erst mit dem Tod Bacons enden sollte.

Unglaublicher Ruhm und persönliche Dramen

Bacon stand am Anfang seiner erfolgreichsten und besten Dekade: 1958 hatte er bei der führenden Londoner Galerie Marlborough unterschrieben, 1962 verankerte ihn die Tate Gallery mit einer Retrospektive in der Kunstgeschichte, 1963 folgte das Guggenheim Museum in New York, 1964 erschien sein bis dato gültiges Werkverzeichnis. Der Triumph ging einher mit Bacons persönlichem Drama: Kurz vor der Eröffnung der Tate-Schau 1962 trank sich Bacons Geliebter Peter Lacy zu Tode. Und 1971, am Vorabend der gefeierten Ausstellung im Pariser Grand Palais, brachte sich Bacons Geliebter George Dyer um.

Dass es mit seiner Karriere so schnell und konsequent nach oben ging, verdankte Bacon dem genialen Kunsthändler Frank Lloyd, einem Wiener Juden, der nach London emigriert war und mit Marlborough die wohl einflussreichste Galerie der Nachkriegszeit gegründet hatte. Lloyd arbeitete so effizient wie eine Investmentbank. Künstler erhielten Vorschüsse, monatliche Festbeträge und all ihre finanziellen Angelegenheiten wurden von der Galerie gemanagt. Und sie produzierten Tauschwerte, die Lloyd zu vervielfachen verstand.

Bacon genoss das Geld, aber er zählte es nicht. Nachmittags brach er auf, einen Schweif an Freunden hinter sich her ziehend, die er zu feinstem Essen, Champagner und Bordeaux einlud, um dann weiter zu treiben, in die Bars von Soho, "The French House", den legendären "Colony Room", den "Coronation Club". Und Peppiatt, fasziniert von dieser ihm fremden Welt, folgte ihm.

"Wenn du mit Bacon unterwegs bist, musst du Schritt halten können", sagt Peppiatt. "Ganz egal, wie viel du am Abend zuvor mit ihm getrunken hast, es steht nicht zur Debatte, am nächsten Tag weniger zu trinken. Francis schien zu glauben, die einzige Lösung sei andauernder, unerbittlicher Exzess."

Abends saufen, morgens malen

Doch genau so konsequent, wie sich Bacon den nächtlichen Gelagen widmete, stand er am nächsten Morgen in seinem Atelier und arbeitete an seinen Leinwänden. Spät hatte er die Malerei für sich entdeckt, erst mit 35 Jahren begann er ernsthaft, an seiner Karriere zu arbeiten. Sein Vorgehen war in jeder Hinsicht unakademisch: Ohne klassische Ausbildung gab er sich eruptivem Schaffen hin und produzierte auf einem unbeständigen Niveau. Prinzip Trial and Error. "Der haarfeine Unterschied, den er zwischen Fehlschlag und Erfolg macht, entspringt einer tiefen Überzeugung und wird gnadenlos umgesetzt", schrieb John Rothenstein 1962, der als damaliger Direktor der Londoner Tate Gallery die erste große Retrospektive des Malers ausrichtete und 1964 das Werkverzeichnis mit herausgab.

Die Malerei bliebt das einzig Beständige in seinem Leben. Seit der Vater ihn in den Kleidern der Mutter erwischt und zur Disziplinie-rung mit einem Onkel nach Berlin geschickt hatte, zog Bacon durch Europa und Nordafrika, suchte Halt bei Gefährten, verlor zwei Geliebte und versenkte seinen Schmerz in der Kunst. Er sei in der Offenbarung des Nichts abgetaucht, sagt Peppiatt. Das habe ihm Freiheit verschafft. Aber es habe ihn auch jeder Hoffnung beraubt.

Bacons Gemälde dokumentieren diesen epischen Kampf zwischen Wahrheitssuche und Zerstörung: "Du musst Erscheinung zu einem Bild deformieren", beschreibt er seine Arbeitsweise. "Ich versuche einfach nur, etwas zur Wahrheit zu verbiegen."

Auf der Suche nach dem Absoluten war Bacon nicht zimperlich – weder im Leben noch in der Kunst. Sein Frühwerk aus den zwanziger und dreißiger Jahren löschte er nahezu vollständig aus. Allein bis 1949 soll er bereits mehr als 700 Bilder vernichtet haben. Doch nicht jede Leinwand ist Bacons Selbsthass und seinen Zweifeln zum Opfer gefallen. "In seinem Atelier gab es einen Stapel ausgemusterter Bilder", berichtet Peppiatt. Und er erzählt, dass immer wieder irgendwo verworfene Arbeiten auftauchten, in zurückgelassenen Studios, bei alten Weggefährten oder Leuten, die Zugang zum Atelier hatten.

Nun, mit Veröffentlichung des neuen Werkverzeichnisses, sind vermutlich etliche dieser vom Urheber als ungültig betrachteten Arbeiten wieder zu echten Bacons umgeschrieben worden. "Wir müssen uns diesen Katalog sehr genau anschauen", sagt Peppiatt dazu. Eine Zusammenarbeit mit dem Nachlass hat Peppiatt abgelehnt.

Kunsthistoriker generieren Millionenwerte

Die rasante Entwicklung des Kunstmarkts seit der Jahrtausendwende hat Kunsthistorikern zu einer zuweilen an Magie grenzenden Macht verholfen: "Wenn Kunst für Millionen Dollar verkauft wird, öffnet Vertrauen in die Zuschreibung des Werkes die Tür zu einem Vermögen", schreibt der Wirtschaftsprofessor und Kunstmarkt-Experte Don Thompson in seinem Buch "The Supermodel and the Brillo Box." Die Boards und Komitees werden zu Schlüssel-Institutionen. In dieser Szene "geht Geld von Hand zu Hand", erzählt ein Londoner Kurator. "Sie können die Welt Bacons neu erfinden und dabei hunderte von Millionen generieren."

Doch wer oder was genau ist der Bacon Estate? Anfragen des stern zur Organisationsform und Funktion weist der Estate zurück. Auch auf der Website des Estate gibt es keine Hinweise. Nur in der Rubrik der "Freunde" findet sich zwischen all den illustren Künstlern, Schriftstellern, Modellen und Partnern des Künstlers das Foto eines jungen Mannes, der in keiner Biographie des Künstlers eine Rolle spielt: Brian Clarke.

Bacons Alleinerbe John Edwards, ein gut aussehender Analphabet, der in den Soho-Bars seiner Brüder gearbeitet hatte und Bacon in den letzten zehn Jahren seines Lebens nahe stand, hatte die Verantwortung für den Nachlass 1998 an den Glasdesigner Brian Clarke abgetreten.

"Ein Haufen Cowboys"

"Die sind ein Haufen Cowboys", sagt der Kunstkritiker Brian Sewell über Edwards und Clarke. Edwards hatte keine Ahnung vom Kunstmarkt und Clarke hatte erkannt, dass es einen Schatz zu heben galt. Clarke entzog der Galerie Marlborough das Recht, Bacons Nachlass zu vertreten und verklagte mit einem Streitwert von rund 100 Millionen Pfund die Galerie auf die Herausgabe von 33 angeblich unterschlagenen Bildern und Unterlagen. 2002 musste er die Klage zurücknehmen. Doch er war nun der Türhüter zum Werk des Malers.

2006 trumpfte der wohl mächtigste Kunsthändler der Welt, Larry Gagosian, mit der ersten Bacon-Ausstellung nach der Trennung von Marlborough in London auf. Die Präsentation einer Installation von Brian Clarke 2005 dürfte dem Coup nicht im Weg gestanden haben. Mittlerweile nennt Clarke sich selbst den "World leader" in der Gattung Bleiglasfenster. Bacons Studio im ehemaligen Kutscherhaus 7 Reece Mews verwandelten Clarke und Edwards in ein Luxusapartment für die London-Aufenthalte des Erben, der nach Bacons Tod unter anderem auf den Keys in Florida und später in Thailand lebte, wo er auch starb. Heute ist es der Sitz des Bacon Estate. Brian Clarke tritt selten im Zusammenhang mit Francis Bacon in Erscheinung. Er hat einen Frontmann für seine Angelegenheiten gefunden, der nur allzu gern ins Rampenlicht rückt: den einstigen Modefotografen und Kurator Martin Harrison, der vom Verlag des Werkverzeichnisses als "herausragender Experte" für das Werk Francis Bacons bezeichnet wird.

Nach über zehn Jahren Recherche für das Werkverzeichnis ist sein Fachwissen kaum zu bezweifeln. Dass er sich rückwirkend zum Mitorganisator der großen Bacon-Ausstellung in Düsseldorf 2006 macht, ist jedoch nur einer von vielen fragwürdigen Aspekten in Bezug auf Harrison. Armin Zweite, damals Direktor der Kunstsammlungen NRW und Kurator der Schau, sagt: "Ich bin ihm ein oder zwei Mal begegnet, er ist relativ spät dazu gekommen und hat einen guten Beitrag über Bacon und die Fotografie geschrieben."

Dass Harrison nun um die 100 neu entdeckte Bacons präsentiert, verwundert Zweite: "Nach all den Erfahrungen der letzten Zeit macht einen das stutzig." Verworfene Bilder zurück ins Oevre zu schreiben, hält der renommierte Kunsthistoriker für fragwürdig: "Wenn ein Künstler sagt, das habe ich verworfen, dann müsste man das akzeptieren." Harrison und der Estate verkaufen die Funde als Sensation. Ende Mai luden sie zur Vorab-Besichtigung des Katalogs in eine eigens für diesen Tag eingerichtete Bacon-Schau im Stadtteil Soho. An den Wänden: sechs kapitale Bacon-Werke. Zur Herkunft der Bilder raunt Harrison, sie stammten aus "sehr privaten privaten Sammlungen". Andere habe man in einem abgeschlossenen Lager in Chelsea entdeckt, zusammen mit etlichen weiteren Gemälden, die Bacon verworfen, weggeräumt und dann wohl vergessen habe, so Harrison.

Die Gemälde mussten mit einem Kran in die erste Etage gehievt werden, und eine Mitarbeiterin des Verlags schlief in der Ausstellung, aus Angst, die Arbeiten würden gestohlen. Harrison, in grüner Samtweste unter blauem Jackett, tritt ans Mikrophon. "Dies hier ist der Anfang von Etwas", sagt er. Später im Gespräch kann er weder beantworten, wer nach dem Tod von John Edwards den Nachlass geerbt hat, noch wer im Vorstand des Bacon Estate sitzt: "Brian Clarke ist der Direktor des Bacon-Nachlasses, ich habe keine Ahnung von der rechtlichen Situation. Es gibt da Trustees, oder wie immer die heißen. Ich weiß noch nicht einmal, wer die sind." Dabei müsste er einfach nur seinen Sohn fragen: Ben Harrison arbeitet beim Bacon Estate.

Seine Erkenntnisse habe Harrison einem Komitee vorgelegt, das schließlich über die Aufnahme in den Katalog entschieden habe. Der Kunsthistoriker und heutige Direk-tor der Londoner Niederlassung von Gagosian, Richard Calvocoressi, bestätigt das: "Ich war Mitglied des Komitees von seiner Gründung 2006 bis vergangenes Jahr, 2015, als ich zur Gagosian Galerie wechselte. Für gewöhnlich trafen wir uns zweimal im Jahr."

"Ein Werkkatalog ist keine Hitparade"

Die Aufgabe des Komitees war es, über echt oder unecht zu befinden. "Manchmal hatte ich große Mühe, sie zu überzeugen: Nein, das ist wirklich Bacon! Es gibt ungefähr 20 Arbeiten im Katalog, die eigentlich zerstört gehörten. Aber sie kamen in die Welt, auf dem ein oder anderen Weg, meistens weil jemand sie gestohlen hat. Aber ich bin nicht Gott, wenn es existiert, muss ich es aufnehmen. Ein Werkkatalog ist keine Hitparade."

Harrison kommt in Fahrt. Gerade noch garantiert er, dass sich kein einziger gefälschter Bacon unter den 584 Gemälden im Katalog befindet, da schwenkt er um auf Rom, auf den Maler Caravaggio: "Ich weiß genau, worüber ich spreche. Ich weiß es absolut. Der Narzissus von Caravaggio in Rom ist nicht von Caravaggio. Weil ich es sage!"

Zur Wiederkehr der 1964 im Werkkatalog als zerstört gelisteten Bilder sagt Harrison: "Bacon kümmerte sich nicht wirklich darum. Er war kein Buchhalter. Ich habe die meisten der zerstörten Bilder gesehen. Und wie könnte ich sie gesehen haben, wenn sie 1964 zerstört wurden? Ende der Diskussion!"

Der Mann ist umstritten. Und wer ihn trifft, ahnt, warum. Edward Lucie-Smith, Dichter, Autor, Kunstexperte, Fotograf und intimer Kenner der Londoner Kunstszene, beschreibt Harrison als "außerordentlich rücksichtslos. Er führe sich als "König der Bacon-Zuschreibungen" auf. Bacon wäre extrem unglücklich über all die Arbeiten, die nun im Katalog auftauchten, sagt Lucie-Smith. Die enorme Aufmerksamkeit, die der Markt derzeit Bacon schenkt und die der Estate mit seinen Aktivitäten anfeuert, ist Harrisons große Chance, seine Karriere voran zu treiben. In Monaco hat er eine große Bacon-Schau kuratiert, abgewandelt zog sie weiter ins Guggenheim Bilbao. Dabei versucht er, aus der gesellschaftlichen Randfigur Francis Bacon einen salonfähigen Künstler zu machen. Bacons schwule, oft gewalttätige Sexualität spielt er herunter. Harrison betont, es gäbe nur elf Bilder, auf denen Männer Sex hätten. Dagegen stünden 18 Darstellungen nackter Frauen.

Allein 13 Arbeiten aus der Zeit bis 1964, die nicht im ersten Werkverzeichnis auftauchen, sind im Grimaldi Forum in Monaco ausgestellt worden – und etliche weitere aus der Zeit danach. Harrison präsentierte sie zwischen dunklen Vorhängen, auf jeweils eigenen Wänden, zum Teil auf Treppenpodesten inszeniert und spektakulär aus dem Dunkel heraus mit Spotlights angestrahlt. Fundstücke, die nun mit Macht in den Kanon der großen Werke Bacons eingeschrieben werden.

Ziel der Ausstellung war es, Bacons Aufenthalte in Monaco zwischen 1946 und 1949 zu Schlüsselmomenten seiner Karriere zu stilisieren. Dabei konstatierte Rothenstein schon 1964: "Obwohl Bacon zu Malen versuchte, als er in Monte Carlo wohnte, erkannte er, dass er dort nahezu nichts zustande brachte und musste zurück nach London kommen, um für seine Ausstellung zu arbeiten."

Harrison verbreitet nun das Gegenteil. Kein Wunder: Ein wichtiger Partner Harrisons und Sponsor von Ausstellungen, Katalogen und Forschungsprojekten ist der in Monaco lebende libanesische Philanthrop und Luxushotel-Besitzer Majid Boustany. Ein Bacon-Verrückter, vermögend, enthusiastisch und in seiner Sammelleidenschaft kaum zu bremsen. Mittlerweile hat er eine Stiftung gegründet, ein eigenes Museum in der Kleinstmonarchie eröffnet und besitzt laut Harrison die größte Bacon-Privatsammlung weltweit. Harrison berät Boustany auch bei Ankäufen und der Ausrichtung seiner Kollektion. "Ich sollte aufhören, dafür Geld zu nehmen", fügt er hinzu.

Ob Bacon, der große Zerstörer, auch nur eine dieser ganzen Aktionen gutheißen würde, darüber lässt sich nur spekulieren. Seine Weggefährten und auch jene, die sich intensiv mit ihm beschäftigt haben, bezweifeln das. Und hier stimmt sogar Harrison mit seinen Kritikern überein: "Gottseidank ist Bacon nicht hier. Ein grässlicher Mann, Pain in the ass. Er hätte nie zugelassen, dass dies hier passiert."