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Art Basel: Das Super-Ereignis des Kunstjahres

Die Art Basel ist die größte und wichtigste Kunstmesse der Welt. Zahlungskräftige Sammler schnappen sich hier gegenseitig die besten Stücke weg, Promis wie Brad Pitt oder Roman Abramovic sind da. Eine Milliarde Euro Umsatz in fünf Tagen - von der vollmundig prophezeiten Krise der Kunst keine Spur.

Von Anja Lösel

Ja, Brad Pitt war auch da. Mit Hütchen und Umhängetasche eilte er durch die Flure, guckte hier und da und kaufte - nichts. War er auf der Suche nach einem angemessenen Geburts-Geschenk für Angelina und ihre Zwillinge? Auch Roman Abramovic war da, russischer Milliardär und Besitzer des Fußballclubs Chelsea. Bescheiden im hellblauen Hemd wandelte er an der Seite seiner Freundin Dasha Zhukova über die Messe. Sie ist Model, liebt Kunst und will im September eine Galerie in einem alten Moskauer Busbahnhof aufmachen. Ihr zuliebe hat auch Abramovic sein Herz und seinen Geldbeutel für die Kunst geöffnet. Vor ein paar Wochen ersteigerte er für 120 Millionen Dollar Bilder von Francis Bacon und Lucian Freud. Jetzt also: Art Basel.

Giacometti-Statuen für 14 Millionen? Ein Klacks!

Abramovic ist zum ersten Mal auf einer Kunstmesse. Und merkt schnell, wie schwer es ist, sich zu orientieren bei der Fülle von rund 5000 angebotenen Werken von 2000 Künstlern, dargeboten von 300 Galerien aus 33 Ländern. Und er muss aufpassen. Wenn einer wie Abramovic stehen bleibt, gibt es gleich Geflüster und Spekulationen. Guckt er nur? Oder will er tatsächlich eine der Bronzestatuen von Alberto Giacometti bei der Schweizer Galerie Krugier kaufen? 14 Millionen kosten die, ein Klacks für den Russen. Auch Gemälde von Marc Chagall und Alexej Jawlensky erfreuen sein Auge. Aber er kauft erst mal nichts, bleibt cool, geht weiter. Man kann ja immer noch per Telefon ordern.

Die Art Basel ist das Super-Ereignis des Kunstjahres. Die großen, milliardenschweren Sammler aus der ganzen Welt reisen an. Ihre VIP-Ausweise und Pre-Preview-Tickets nutzen ihnen hier allerdings wenig, denn Hunderte von anderen Kunst-Promis haben die auch ergattert. Und so stehen die feinen Herrschaften am ersten Messetag um kurz vor elf Uhr vor der Tür der Hallen, alle in bequemen Schuhen, alle aufgeregt, denn da drinnen könnte ja der Picasso, der Warhol, der Gursky warten, den sie schon längst haben wollten und nie kriegen konnten. Manche drängeln wie Fußballfans vor dem Finalspiel. Und rennen los, sobald die Türen aufgehen.

Sam Keller, bis vor kurzem Leiter der Art Basel und jetzt Direktor der feinen Fondation Beyeler, kennt jeden von ihnen. "Die großen Sammler kommen hierher, weil sie wissen, dass sie hier große Kunst sehen." Keller lädt sie am Abend zu exklusiven Dinners ins Museum nach Riehen. Oder trifft sie im Campari Café, draußen im Garten der Messe.

Ein Sammelbecken für Sammler

Gerade läuft Mick Flick in beiger Steppweste vorbei. Nein, bitte nicht ansprechen, der Sammler muss sich konzentrieren auf die Kunst und auf die Preise. Auch Maja Hoffmann ist da, die ihre Sammlung der Pharma-Firma Hoffmann-La Roche verdankt. Und natürlich Harald Falckenberg, der gerade in Hamburg das größte Privatmuseum Deutschlands eröffnet hat.

Und da ist ja auch Malcolm McLaren, britischer Musiker, Künstler und Ex-Sex-Pistols Manager. Das dicke Lambswool-Jackett über die Schulter gehängt, rennt er ein wenig verwirrt herum, mit rotem Haar und rotem Kopf. Auf der Sonderschau "Art Unlimited" ist seine Arbeit "Shallow" zu sehen. Zu Amateur-Filmschnipseln aus den 70er Jahren komponierte McLaren Musik. 90 Minuten lang kann man sich nun Menschen in seltsam erotisch aufgeladenen Situationen ansehen und dazu Punk-Klänge und romantische Schlagermusik hören. Gar nicht mehr raus möchte man aus der Videobox, so schön sind diese "Musical Paintings", so lustig und so berauschend.

Aber rasten ist nicht drin. Weiter geht's zum nächsten Kunstwerk, zur nächsten Galerie, zur nächsten Sensation. So ist das eben bei der Art Basel. Mit Kunstgenuss hat sie wenig zu tun, eher mit Jagd und Konkurrenz und natürlich mit Geld. Sehr viel Geld.

51 Millionen soll das Bacon-Triptychon in der Marlborough Galerie kosten. Ein Schnäppchen verglichen mit den 86 Millionen, die Abramovic auf der Auktion in New York für seinen Bacon zahlte. Einen Lucian Freud hätte die Galerie auch noch zu bieten: für schlappe acht Millionen. Fast geschenkt.

Andy Warhol als ewiger Bestseller

Der Renner aber ist Andy Warhol. 31 Galerien bieten Werke von ihm an, immer wieder stößt man auf die bunten Pop-Porträts von Marilyn, Jackie O. und Gianni Agnelli. 2,4 Millionen muss man für einen riesigen Warhol-Siebdruck von 1985 bei Jablonka bezahlen. 3,5 Millionen kostet Warhols mit Schwarzlicht bestrahltes Selbstporträt, das zum ersten Mal auf dem Markt ist und in der Galerie Blau verkauft wird. Besitzer: Baselitz-Sohn Daniel Blau.

Ein hübsches, kleines Beckenbauer-Porträt von Andy Warhol bietet die Galerie Bischofberger an. Es gibt nur zwei Versionen davon, eine hat der Fußballstar zu Hause hängen. Die andere soll nun 580.000 Dollar kosten. Angeblich suchte Franz Beckenbauer lange vergeblich nach dem Zwillingsbild. Auf der Art Basel wurde er bisher nicht gesichtet. Er sollte schnell anreisen, bevor sein Konterfei in die USA, nach China oder Dubai wandert.

Vier Russen schleichen um einen Geschirrhaufen der Künstler Bertozzi & Casoni herum, den Sperone Westwater anbietet. Die stark blondierten Damen auf hohen Goldsandaletten sind sehr interessiert. Die Herren hätten lieber was Handfesteres. Einen netten Picasso vielleicht? Oder doch besser das meterhohe Naomi-Campbell-Nacktbild von Peter Lindbergh?

Von Kunstmarkt-Krise keine Spur

Von der Kunstmarkt-Krise, die viele seit Monaten herbeireden wollen, ist hier nichts zu spüren. Lediglich ein paar US-Sammler jammern über den schlechten Dollarkurs, von Panik kann aber keine Rede sein. Immer noch und immer wieder wird auf der Art Basel Kunst für rund eine Milliarde Euro verkauft - in nur fünf Tagen.

Auch Judy Lybke von der Berliner Galerie Eigen + Art ist zufrieden. Er wechselt jeden Tag die Bilder an den Kojen-Wänden aus. Für den Neo Rauch, der heute da hängt, gibt es "jede Menge Interessenten, und an einen davon werde ich das Bild verkaufen", sagt er. An welchen? Kein Kommentar. Und zu welchem Preis? Geheim. Auch die schönen Silber-Skulpturen des Leipzigers Carsten Nicolai für 38.000 pro Vierer-Set finden ihre Liebhaber. 140 Tischtennisbälle hat der Künstler in einen Luftballon gepresst und die Form dann abgegossen. Das Ergebnis ist sensationell schön.

Bruno Brunnet von Contemporary Fine Arts in Berlin erzählt stolz, dass Brad Pitt an seinem Stand war. Nein, gekauft hat er nichts. Aber kann ja noch werden, geht ja auch per Telefon.

Nur Sammler mit sehr, sehr viel Platz können die Kunstwerke der Sonderschau "Art Unlimited" unterbringen. In einer separaten Halle sind große, nein, riesige Arbeiten zu sehen, die an normalen Galerie-Ständen keinen Platz haben. Das spektakulärste Werk: ein 24 Meter langer chinesischer Eisenbahnwaggon aus den 60er Jahren. Der Künstler Qiu Anxiong ließ ihn per Schiff nach Basel schaffen. Auf die Fenster projiziert er kleine Filme: Reisende, Schachspieler, Tänzer, aber auch gefesselte Gefangene, schuftende Bergarbeiter und Bomben werfende Flieger. Die Besucher wandeln durch den Waggon, dem man deutlich ansieht, dass er schon Hunderttausende von Kilometern durch China gefahren ist. Man hört Stimmen und Musik, riecht die scharfen, chinesischen Reinigungsmittel und taucht mit allen Sinnen tief ein ins Reich der Mitte.

Buddha und Yoga gegen den Messe-Stress

Absoluter Kontrast zu dieser beeindruckenden Arbeit: der "Oval Buddha" des japanischen Superstars Takashi Murakami. Er hat eine schrille Comic-Figur mit Platinbesatz in die Mitte der Unlimited-Show gestellt, ein 5,50 Meter hohes Grinsegesicht, das auf einem zusammengesunkenen Elefanten steht, hässlich, bizarr - und doch heiß begehrt.

Wer die Art Basel 2008 trotz guter Kunst und bester Geschäfte für ein letztes Aufbäumen vor dem Zusammenbruch hält, der sollte Ruhe suchen beim Künstlerpaar Benita-Immanuel Grosser. In einem Glaspavillon vor den Messehallen bieten die beiden Yoga-Sessions mit Atemübungen und Entspannungstraining an. Eine Art Seelen- und Körperbalsam für nervöse Sammler. Danach weiß man endlich: Alles wird gut.

Vom 4. bis zum 8. Juni 2008 findet die Art Basel statt.