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Modelabel: Lala Berlin - Mode mit Haltung

Das Label Lala Berlin feiert internationale Erfolge. Gründerin Leyla Piedayesh nutzt die Popularität, um die Modewelt politisch aufzuladen.

Mode-Label "Lala Berlin"

Tief Luft holen, Arme hoch: Piedayesh nach der Schau in Kopenhagen

Der Moment, als ihr die Assistentin dieses Pappschild in die Hand drückte und sie hinaustrat vor das Publikum, treibt ihr noch heute die Tränen in die Augen. "I'm an Immigrant" stand in etwas staksigen Großbuchstaben darauf: Ich bin eine Einwanderin. Das Publikum der Modewoche in Kopenhagen hatte die femininen Seidenkleider und fröhlichen Strickkombinationen ihres Labels Lala gefeiert, und nun standen sie ergriffen applaudierend vor dieser im Modezirkus höchst unüblichen Aktion.

Leyla Piedayesh, 47, wirft die schwarzen Haare in den Nacken, holt tief Luft, rückt den Chefsessel nach vorn an den Schreibtisch und spricht weiter. "Ich will nicht rebellieren. Es geht mir um eine Haltung." Diese Kombination aus Erfolg und Botschaft hebt sie heraus - auch im aufsässigen, lauten Berlin. Zur jüngsten Modewoche in der Hauptstadt stellte sie keine große Show auf die Beine, sondern holte Frauen von der Straße und zeigt ihre Entwürfe im "Mode Salon" der Zeitschrift "Vogue".

Alle sprachen über Trump

Ihre Protestaktion in kam spontan zustande, Piedayesh war wütend und fassungslos. Die ganze Welt redete an jenen Tagen im Januar über Donald Trump und sein Einreiseverbot für Angehörige einiger muslimisch geprägter Länder. Darunter auch der Iran. Nun hat es in Teilen sogar der Oberste US-Gerichtshof bestätigt. Piedayesh wurde dort 1970 geboren, und als Ajatollah Chomeini 1979 die Macht übernahm, flohen Leyla, ihr Bruder und ihre Eltern nach Wiesbaden, wohin die Großeltern einst ausgewandert waren.

Nur wenige Wochen vor der Show war Piedayesh über die Kunstmesse Art Basel Miami geschlendert, hatte das Sprachgewirr und die kulturelle Vielfalt genossen und sich gefreut, mit ihrem Langzeitvisum bald wieder in die USA zu reisen. Eine Geschäftsfrau, erfolgreich im Modebusiness - warum sollte sie anders behandelt werden als etwa Kollegin Ivanka Trump?

"Ich habe mich immer für Politik interessiert, aber ich war nie aktiv. Am Vorabend der Show dachte ich: Okay, es wird Zeit, ich muss das jetzt machen."

Leyla Piedayesh

Leyla Piedayesh

Picture Alliance

Eine Aktion, die auch ihre Mode in einem neuen Licht erscheinen lässt: "Persian Punk" heißt die Herbstkollektion, die Piedayesh in Kopenhagen vorgestellt hatte und die jetzt weltweit in den Läden hängt. Florale Ornamente, warme Farben, die Muster persischer Teppiche zieren die Kleider – gepaart mit rockigen Elementen wie Bikerjacken, Leopardenhosen, Lack und Leder. Drei Begriffe tanzen in zackigen Buchstaben über die Strickpullover: Think, Change, Revolution. Und was als augenzwinkernde Reminiszenz an die urbane Protestszene begann, wächst für Piedayesh zu einer auffordernden Aussage heran: "Ich will für etwas einstehen: Es ist an der Zeit, nachzudenken, etwas zu verändern. Time to think, time to change!"

Mut zur Veränderung sowie unkonventionelle Entscheidungen prägen das Leben der Frau, die nun mit einer Zigarette in der Hand am Fenster eines Lofts lehnt und den Rauch hinaus in den Berliner bläst. "In dem, was ich hier tue, bin ich totale Autodidaktin. Ich war auf keiner Modeschule, habe das Zeichnen nicht von der Pike auf gelernt, und ich saß nie an einer Nähmaschine. Ich war von Anfang an angewiesen auf Menschen, die mir die Hand und das halbe Gehirn geschenkt haben." Aber sie hatte Ideen - und die Energie, sie umzusetzen.

Leyla Piedayesh arbeitete als Boulevardreporterin

Nach der Schule folgte sie dem Wunsch der Eltern nach einer soliden Laufbahn und studierte in Bad Homburg International Business. Doch dann siegte die Abenteuerlust. Piedayesh ging nach München und arbeitete als Boulevardreporterin fürs Privatfernsehen: "Blut- und Eitergeschichten. Das ging so: Morgens ganz früh las ich die Polizeimeldungen. Vater erschlägt Familie mit der Axt? Okay, Kamerateam, raus!"

Genau so ansatzlos, wie sie ins TV-Metier gesprungen war, ließ sie den Medienzirkus auch hinter sich. Hing dann in Berlin ab, zunächst ziellos. Wenn jemand fragte, was sie denn so tue, antwortete sie: Ich stricke. Und das stimmte sogar. Mit Pulswärmern, Schals und Mützen vertrieb sie sich die Zeit – bis eine Freundin ihr 2004 einen Stand auf der Berliner Modemesse "Premium" schenkte. Die Folgen sind heute in Berlin Mitte und in Kopenhagen zu besichtigen, wo Lala Berlin eigene Flagship-Stores betreibt. Außerdem finden sich ihre Kleider in den Edelboutiquen von New York bis Paris.

13 Jahre nach dem Stulpen-Debüt beschäftigt Lala Berlin sieben Designer und rund 50 weitere Mitarbeiter, die unter Anleitung der Kreativdirektorin Leyla Piedayesh vier Kollektionen pro Jahr ins Rennen schicken. Ihr Markenzeichen taucht in jeder Saison auf: das Muster der Palästinensertücher "Kufiya", vielfach bearbeitet, neu eingefärbt und auf Kaschmirschals, Seidenstoffe und Wolle gedruckt.

Jetzt ist bereits die Herbstkollektion 2018/19 in Arbeit. Das Loft hat sich auf eine gesamte Etage des Industriegebäudes ausgedehnt, hinter Glastüren wuseln junge Leute zwischen Stoffmustern, Computern, Kleiderständern und Aktenordnern herum. Am Eingang weisen Klebestreifen den Weg in den vierten Stock: "Lala" - ein großer Pfeil nach oben.

Der Fahrstuhl ist außer Betrieb. Was soll's, Piedayesh kommt schon seit Wochen nicht mehr zum Yoga. Gerade hat sie sich ein Fahrrad gekauft, um zumindest den Weg von Mitte, wo sie mit ihrer neunjährigen Tochter Lou lebt, bis in den Wedding für Bewegung zu nutzen. "Ich habe meine Sachen immer mit extremer Leidenschaft durchgezogen. Bei mir tickt die Zeit."

Ein Jetzt-Mensch

Hinter ihr an der Wand blickt überlebensgroß Rainer Werner Fassbinder auf die Nachwelt herab. Ein empfindsamer Rebell und kompromissloser Künstler. "'Schlafen kann ich, wenn ich tot bin' habe ich mit Anfang 20 gelesen, und ich war total fasziniert - von diesem Buch, von diesem Spruch und von diesem Menschen. Aber mittlerweile möchte ich auch gern mal schlafen, solange ich noch lebe. Ich will nicht nur rotieren."

Es stellen sich neue Fragen, als alleinerziehende Working Mom auf der Zielgeraden Richtung 50. "Ich bin ein Jetzt-Mensch. Was hinter mir liegt, lege ich ab. Ich bin glücklich mit dem, was ich mache. Ich will mich nicht weiter ausdehnen." Also keine Kinderkollektion und auch keine für Männer? "Nein. Nei-en!"

Ihre nächste Sommerkollektion heißt "I am Tourist." Sie will sich weiter einmischen. "Wir alle kommen und gehen und sind doch alle Touristen dieser Welt. Das zu sagen ist mir wichtig." Neulich hat sie eine Dokumentation über den 2010 gestorbenen Aktionskünstler Christoph Schlingensief gesehen. Ein neuer Held in ihrem Kosmos. "Sein Denken, sein Handeln, all das hat mich sehr bewegt. Ich bin gern direkt, aber manchmal muss ich mich auch zurückhalten. Noch. Vielleicht gebe ich das auf, wenn ich 50 bin. Vielleicht! Mir gefällt die Idee, mehr zu provozieren. "

Das Schild aus Kopenhagen lehnt im Büro an der Wand. Ein Anfang ist gemacht.


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