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Handelskonzern pleite: Arcandor geht in die Insolvenz

Bittere Nachricht für Zehntausende Beschäftigte: Der Handelskonzern Arcandor stellt keinen neuen Antrag auf staatliche Rettungshilfen und hat Insolvenz angemeldet. Großaktionäre, Banken und Vermieter waren nicht zu weiteren Zugeständnissen bereit, dafür kündigte die Regierung Hilfe für die Mitarbeiter an.

Nach tagelangem Tauziehen hat die Karstadt-Mutter Arcandor nun doch Insolvenz beantragt. Das Essener Unternehmen verzichtete am Dienstag auf einen nachgebesserten Antrag für staatliche Rettungshilfen. Stattdessen ging beim Amtsgericht Essen ein Insolvenzantrag wegen drohender Zahlungsunfähigkeit ein. Ein jeweils eigener Antrag wurde für die Töchter Karstadt, Primondo und Quelle gestellt. Unberührt von dem Zusammenbruch des Mutterkonzerns sind die Reisetochter Thomas Cook, die Primondo-Spezialversender sowie der Homeshopping-Sender HSE24.

Nach Angaben von Hans Haarmeyer geht es um die größte Pleite in Deutschland: "Solch ein Verfahren in dieser Größenordnung hat es in Deutschland noch nicht gegeben", so der Professor für Insolvenzrecht.

Ein Insolvenzverwalter ist bereits gefunden. Der Kölner Anwalt Klaus Hubert Görg ist mit der Aufgabe im Fall Arcandor betraut worden. Er sei für alle vier Insolvenzverfahren der Arcandor AG sowie der Tochterunternehmen Primondo, Karstadt Warenhaus und Quelle zuständig, teilte das Amtsgericht Essen am Dienstag mit.

Etwa 43.000 Mitarbeiter betroffen

In der Nacht hatte Arcandor seine Großaktionäre, Banken und Vermieter nicht zu weiteren Zugeständnissen bewegen können, um einen Insolvenzantrag abzuwenden. Die vom interministeriellen Ausschuss des Bundes geforderte substanzielle Verbesserung des Antrags auf Rettungsbeihilfe sei "nicht erreichbar" gewesen. "Damit bestand keine nachhaltige Finanzierungsperspektive mehr." Angesichts kurzfristig fälliger Darlehen über 710 Millionen Euro hat Arcandor nur noch Geld bis Freitag. Betroffen von der Insolvenz sind rund 43.000 Mitarbeiter von Arcandor in Deutschland.

Die Hauptaktionäre bekannten sich "unverändert zum Fortbestand des Unternehmens". Das solll sich über das Insolvenzverfahren sanieren und so den Fortbestand sichern. Für Kunden soll es keine Einschränkungen geben. "Alle Geschäfte laufen ungehindert weiter", sagte ein Konzernsprecher. Garantien, Anzahlungen oder Rückgaberechte würden nicht angetastet. Für die Beschäftigten seien die Gehaltszahlungen bis August gesichert.

Die Regierung erklärte unterdessen, den Beschäftigten helfen zu wollen. Bundeswirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) werde sich schnell mit den Personalvertretungen an einen Tisch setzen, kündigte Kanzlerin Angela Merkel (CDU) an. Sie sieht in dem Antrag von Arcandor auch eine Chance, dass in dem Unternehmen durch ein Zusammengehen mit Metro Arbeitsplätze erhalten werden könne.

Auch nach Einschätzung von Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) bieten die Insolvenzanträge die Möglichkeit, "vieles zu retten". Mit Blick auf Arcandor halte er das bei der Tourismussparte für möglich. Angesichts des Interesses von Metro gelte dies auch für die Warenhaussparte. Zudem könne er sich vorstellen, dass der Versandhandel Primondo in einigen Bereich durchaus zukunftsfähig ist, so Steinbrück.

Die Hoffnung richtet sich nun auf eine Lösung aus dem Insolvenzverfahren heraus. Unter anderem wird über eine Fusion der Arcandor-Warenhäuser Karstadt mit den Kaufhof-Filialen des Konkurrenten Metro weiter verhandelt. An der Börse brachen Arcandor-Aktien erneut ein. Sie lagen am Dienstagmittag mit fast 35 Prozent im Minus und kosteten nur noch 69 Cent, anschließend wurden sie vom Handel ausgesetzt.

Das vorläufige Scheitern der Rettungsbemühungen kommt nicht überraschend. Die Bundesregierung hatte mehrfach ein stärkeres Engagement der Arcandor-Eigentümer, der Gläubigerbanken sowie der Vermieter der Karstadt-Immobilien gefordert. Es galt als unwahrscheinlich, dass Arcandor eine letzte Frist nutzen und in nur wenigen Stunden ein substanziell verbessertes Rettungskonzept vorlegen kann.

Ermittlungen gegen Eick wegen Insolvenzverschleppung

Am Montag hatte der Bund die beantragte Rettungsbeihilfe über 437 Millionen Euro zunächst abgelehnt. Daraufhin hatte die Arcandor-Spitze die Nacht hindurch mit allen Beteiligten verhandelt, am Ende erfolglos.

Die Staatsanwaltschaft Essen hat unterdessen Ermittlungen gegen Arcandor-Chef Karl-Gerhard Eick eingeleitet. Der Vorwurf laute Insolvenzverschleppung, sagte Oberstaatsanwältin Angelika Matthiesen am Dienstag. Grundlage sei die Strafanzeige eines Privatmannes. Dieser stütze seinen Vorwurf auf Zeitungsberichte.

Reuters/DPA/AP / AP / DPA / Reuters