Herbstgutachten So steht es um Deutschland


Erst die monumentale Rettungsaktion der Bundesregierung, jetzt die Negativprognosen der Ökonomen: Deutschlands Wirtschaft steckt in turbulenten Zeiten. Aber wie schlimm ist die Lage wirklich? Und: Wird die Arbeitslosigkeit steigen? stern.de beantwortet die wichtigsten Fragen.
Von Sebastian Christ

Die Zeit des Job-Booms ist zu Ende, und Deutschland steht am Rande einer Rezession: Ziemlich beängstigend klang das, was führende Wirtschaftsforscher der "Projektgruppe Gemeinschaftsdiagnose" am Dienstagmorgen in Berlin sagten. Demnach sei im laufenden zweiten Halbjahr 2008 mit einem Rückgang der Wirtschaftsleistung von 0,7 Prozent zu rechnen.

Dennoch machten die Forscher auch Hoffnung: Wenn es durch das Rettungspaket der Bundesregierung gelinge, den Finanzmarkt zu stabilisieren, werde sich das konjunkturelle Klima schon im Laufe des nächsten Jahres bessern.

stern.de beantwortet die wichtigsten Fragen zu den Wirtschaftsprognosen.

Trifft der Abschwung Deutschland besonders hart?

Nein. Zwar ist die Bundesrepublik im besonderen Maße von Exporten abhängig, gleichzeitig führten die Wirtschaftsforscher aber die relativ stabile Arbeitsmarktsituation, die "robuste Lage" bei den verfügbaren Einkommen und den vergleichsweise gesunden Immobilienmarkt als Argumente für die deutsche Wirtschaft an. Die Konjunkturdelle werde deswegen nicht größer ausfallen als in anderen EU-Staaten.

Wird die Arbeitslosigkeit steigen?

Ja, aber verhältnismäßig moderat. Trotz eines prognostizierten Minuswachstums für das zweite Halbjahr 2008 wird erwartet, dass bis Ende kommenden Jahres "lediglich" 350.000 bis 400.000 Menschen ihren Job verlieren. Zum Vergleich: In den Jahren des Aufschwungs von 2005 bis 2008 sank die Zahl der Arbeitslosen im Schnitt um etwa 500.000 pro Jahr.

Rutscht Deutschland in eine Rezession?

Ansichtssache. Die gängige Definition ist: Wächst die Wirtschaft in zwei aufeinanderfolgenden Quartalen nicht oder sinkt sie sogar, spricht man von Rezession. Für das zweite Halbjahr 2008 rechnet die "Projektgruppe Gemeinschaftsdiagnose" mit einem Minuswachstum von 0,7 Prozent. Anfang 2009 werde sich demnach die Situation "allmählich" beleben, was bis Ende 2009 zu einem kleinen Wachstum von 0,2 Prozent für das Gesamtjahr führe. Dennoch könnten die formellen Kriterien für eine Rezession erfüllt sein. Das wollen die Wirtschaftsforscher aber nicht gelten lassen -weil der Begriff "Rezession" keine Abstufungen zulasse und die verhältnismäßig kleine Delle, die sie in ihrer "Basisprognose" annehmen, genauso erfasse wie das "Risikoszenario", das sie ausgerechnet haben. Wenn nämlich die Wirtschaft durch eine weitere Verschärfung der Finanzkrise weiter ins Trudeln gerate, gehen sie für 2009 von einem Minuswachstum von 0,8 Prozent aus.

Wirkt das 500-Milliarden-Hilfsprogramm der Bundesregierung?

Die Wirtschaftsforscher sehen die beschlossenen Schritte grundsätzlich positiv, zum Beispiel das stärkere Engagement der Bundesregierung im Bankensektor. Damit sei die Gefahr gesunken, dass das von der Arbeitsgruppe errechnete "Risikoszenario" einer lang anhaltenden Konjunkturdelle eintreffe.

Wie entwickelt sich die Weltwirtschaft?

Sie sei jetzt, im Herbst 2008, im "Abschwung", so die Wirtschaftsforscher. Dazu trage aber nicht nur die Finanzkrise bei, sondern auch ein rohstoffpreisbedingter Inflationsschub und die Situation auf den Immobilienmärkten. In den USA deuteten viele Indikatoren auf eine schwache Grundtendenz hin, ebenso in Europa und Japan. Nur in den Schwellenländern sei die Lage noch relativ stabil.

Welche Rolle spielt die Finanzmarktkrise?

Sie ist der "größte Unsicherheitsfaktor" bei allen Prognosen. Nur wenn es gelinge, den Bankensektor in den kommenden Monaten zu stabilisieren, werde sich auch die gesamtwirtschaftliche Lage verbessern. Andernfalls droht ein viel schärferer und längerer Einbruch.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker