HOME

Heros Geldtransporte: Der Pyramidenspieler der Branche

300 Millionen Euro sollen die Geldtransporter Heros unterschlagen haben; die Staatsanwaltschaft ermittelt. Doch wie schafft man so viel Geld beiseite? Und wer kommt für den Schaden auf?

Von Lutz Kinkel

Die Summen, mit denen deutsche Geldtransporteure hantieren, sind märchenhaft. Allein Heros, der bisherige Leitwolf der Branche, hat geschätzte 60 Milliarden Euro pro Jahr durch die Lande gekarrt - im Regelfall vom Einzelhändler zur eigenen Geschäftsstelle, wo das Geld noch mal nachgezählt wird, und dann zur Bundesbank. Dort werden die Geschäftskonten der Einzelhändler geführt, und wenn alles nach Plan verläuft, ist das Geld innerhalb eines Werktages verbucht.

Bei Heros jedoch verlief nichts nach Plan. Innerhalb der vergangenen Jahre soll die Geschäftsleitung insgesamt 300 Millionen Euro veruntreut haben. Die Staatsanwaltschaft ermittelt, vier Mitarbeiter wurden verhaftet, darunter offenbar auch der Heros-Geschäftsführer Karl-Heinz Weis. 4000 Mitarbeiter stehen vor dem Aus, hunderte Kunden müssen sich neu orientieren, da Heros gut 50 Prozent des Marktes kontrollierte. "Das ist die größte Krise, die es in dieser Branche je gegeben hat", sagt ein Vertreter der Geld & Werttransporte GmbH, eines Heros-Konkurrenten, im Gespräch mit stern.de. Wer von der Krise profitiert, ist indes auch klar: Firmen wie Geld & Werttransporte. Seit Freitag wird der Auftragskuchen neu verteilt.

Keine Götter neben Weis

Heros war, glaubt man Insidern, das bestgehasste Unternehmen der Branche. Chef Karl-Heinz Weis wird als "stämmiger, durchsetzungsfähiger Typ" beschrieben, der "keine Götter neben sich duldet". Seinen Laden führte er mit harschen Methoden, die Angestellten wurden unter Tarif bezahlt, der ohnehin nur - je nach Bundesland - zwischen sechs und knapp zwölf Euro brutto pro Stunde liegt. "Jeder, der den Mund aufgemacht hat, musste gehen", sagt Martin Hildebrandt, stellvertretender Geschäftsführer des Dachverbandes der Geldtransporteure (BDGW), dem Heros nicht angehörte. Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi hatte Weis deswegen schon lange auf dem Kieker. "Wir wussten: Wenn der Marktführer bleibt, kommt das gesamte Tarifgefüge ins Wanken", sagt Verdi-Funktionärin Sonja Brüggemeier aus dem Bezirk Niedersachsen-Bremen.

Noch übler stieß der Branche jedoch die aggressive Geschäftspolitik des Unternehmens auf. "Heros hat den Markt von hinten aufgerollt - mit Dumpingpreisen", sagt Hildebrandt. Nach Angaben aus verschiedenen Quellen hat Weis bis zu 50 Prozent weniger als die Konkurrenz gefordert und sich damit einen Auftrag nach dem anderen geangelt. Diese Preispolitik hat allerdings nicht nur für Zorn, sondern auch für Verwunderung gesorgt. "Wo die Mittel herkommen, um den Geschäftsbetrieb aufrecht zu erhalten, das ist uns schleierhaft gewesen", sagt Hildebrandt. Wie der Mitarbeiter eines Unternehmens berichtet, das dem BDGW angeschlossen ist, wurden die Behörden deshalb schon seit Jahren immer wieder mit Informationen gefüttert, dass bei Heros etwas faul sein müsse.

Was genau passiert ist, dazu halten sich die Ermittler bedeckt. Der zuständige Staatsanwalt Peter Aldenhoff spricht von einem "Schneeballsystem", ohne es genauer zu erläutern. In der Branche gilt jedoch als ausgemacht, dass Heros eine Art Pyramidenspiel gezockt hat. Demnach hat das Unternehmen von dem Geld, das es beim Einsammeln bekam, immer wieder Teilsummen abgezweigt und durch Mittel aus der nächsten Fuhre ersetzt. Diese Strategie konnte nur aufgehen, wenn sich die Firma permanent neue Geldquellen sichert - und tatsächlich hat Heros eine rasante Expansionspolitik gefahren, zuletzt übernahm das Unternehmen den Konkurrenten Securitas und dessen Kunden. Die Preise, die Heros verlangte, waren dieser Theorie zufolge gar nicht dazu gedacht, die eigenen Kosten zu refinanzieren. Sondern sie dienten ausschließlich dazu, frisches Kapital zu akquirieren. Ganz reibungslos lief das Verfahren allerdings nicht. Einzelnen Kunden wie Karstadt fielen "Unregelmäßigkeiten" auf, vermutlich deshalb, weil die abtransportierten Summen erst nach einigen Werktagen oder nicht vollständig bei der Bundesbank eingezahlt wurden.

Wer haftet?

Nach dem Zusammenbruch der Pyramide rauchen die Trümmer. Für die Marke Heros wird es wohl keine Zukunft geben, "deren Ruf ist ruiniert", so ein Konkurrent. Gut möglich jedoch, dass die Mitarbeiter rasch einen neuen Arbeitsplatz finden, immerhin müssen die verbliebenen Transporteure ihre neuen Aufträge auch personell abdecken. Der Endkunde wird von dem Heros-Zusammenbruch vermutlich nichts merken. Sowohl Einzelhändler als auch Banken, deren Geldautomaten zum Teil von Heros aufgefüllt wurden, werden sich schnell umstellen.

Dafür dürften die weiteren Ermittlungen umso skandalträchtiger werden. Ein Mitarbeiter der Sondereinheit Wirtschaftskriminalität einer großen Unternehmensberatung sagt zu stern.de, dass bei solchen Betrugsfällen meist zwei beteiligt sind: einer auf Seiten des Kunden, und einer auf Seiten des Dienstleisters. Möglicherweise habe es "kick-back"-Geschäfte gegeben, dann hätte der Mitwisser auf Unternehmensseite einen Teil der unterschlagenen Gelder von Heros erhalten. Die zweite große Frage ist, wie sich die Haftpflichtversicherung von Heros verhalten wird. Bei einer Schadenssumme von 300 Millionen Euro werde es "sehr, sehr viele Fragen geben", so der Sprecher eines Geldtransportunternehmens. Die Spezialversicherer der Branche wollten dazu vorerst keine Stellung nehmen - entsprechende Anfragen von stern.de blieben unbeantwortet.

Ob die gebeutelten Kunden also jemals einen Cent zurückbekommen werden, ist völlig offen. Hinter vorgehaltener Hand suggerieren die Heros-Konkurrenten, das sei eine Art ausgleichender Gerechtigkeit. Schließlich müsse auch den Kunden klar gewesen sein, dass man zu Spaßpreisen nicht arbeiten kann. Sie hatten sich dennoch auf Heros eingelassen - und werden nun Opfer ihrer eigenen "Geiz ist Geil"-Mentalität.

Mitarbeit: Silke Haas