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Jobabbau: Fit für die Krise

Das Stellenstreichen bei Siemens, Henkel und anderen Großkonzernen schürt die Angst vor einer neuen Entlassungswelle. Doch haben sich die meisten deutschen Firmen schon auf einen Konjunktureinbruch vorbereitet.

Eintausend Jobs bei Henkel, mehr als fünftausend bei Siemens und schließlich über 250 Stellen bei Heidelberger Druckmaschinen - binnen wenigen Tagen kündigen mehrere große Konzerne an, Stellen in Deutschland zu streichen. Zugleich mehren sich die Hinweise, dass die hiesige Wirtschaft von der Rezession erfasst werden könnte: Die Industrie meldete zum Wochenbeginn einen Produktionsrückgang, das Exportgeschäft schwächelt.

Droht eine neue Kündigungswelle? Bei den großen Beratungsfirmen, die die Restrukturierung der hiesigen Konzerne in den vergangenen Jahren begleitet haben, gibt es dafür noch keine Anzeichen. "Die deutschen Unternehmen sind ganz gut gewappnet, wir sehen keinen Restrukturierungsbedarf auf breiter Front", sagt Jörg Gnamm, Partner bei Bain & Company. "Die Zyklen auf den Absatzmärkten gibt es immer noch, doch den Unternehmen gelingt es mehr und mehr, sich durch kontinuierliche Steigerung der Effizienz darauf einzustellen."

Vor allem börsennotierte Unternehmen stehen unter einem anhaltenden Druck: "Die permanente Wertsteigerung ist heute wesentlich wichtiger für die Konzernführung als vor fünf oder zehn Jahren, denn ein guter Aktienkurs ist für sie überlebenswichtig", sagt Carsten Kratz, Restrukturierungsexperte bei Boston Consulting.

Aber auch Mittelständler haben die vergangenen Jahre genutzt, sich mit Standorten rund um den Globus gegen Wechselkursschwankungen, steigende Transportkosten und regionale Konjunktureinbrüche zu schützen. "Die Produktionskapazitäten sind oftmals ebenso über den Globus verteilt wie die Absatzmärkte", sagt Bernd Brunke, Partner bei Roland Berger.

Schnelle Reaktion auf Schwankungen

Zudem haben die Unternehmen stärker als in vergangenen Aufschwungphasen beim Aufbau neuer Kapazitäten darauf geachtet, schnell auf Schwankungen der Nachfrage reagieren zu können. "Zahlreiche Konzerne arbeiten inzwischen mit Leiharbeitskräften - in der Produktion wie in der Verwaltung", sagt Kratz. "Da merkt die Öffentlichkeit gar nicht, wenn gespart wird."

Dafür spüren Zeitarbeitsunternehmen die Einschnitte. Der weltweit zweitgrößte Anbieter Randstad kämpft bereits mit sinkenden Umsätzen. "Diese Trend ist in ganz Europa ähnlich", sagt Konzernchef Ben Noteboom. Dabei ständen einzelne Regionen in Deutschland aber immer noch hervorragend da. So könne Randstad in Bayern angesichts der niedrigen Arbeitslosigkeit kaum neue Mitarbeiter finden.

Siemens baut Überkapazitäten ab

Die harten Einschnitte von Siemens etwa am bayerischen Standort Erlangen sind ohnehin keine Reaktionen auf eine drohende Rezession. "Siemens baut signifikante Überkapazitäten ab", sagt ein Branchenkenner. "Denen hätte schon vor zwei Jahren jeder Beobachter gesagt, dass sie zu viel Fett angesetzt haben." Unternehmensspezifische Gründe hat nach Einschätzung von Beratern auch der bereits zum Jahreswechsel angekündigte Abbau von 8100 Arbeitsplätzen bei BMW. Der Autokonzern müsse noch Hausaufgaben machen, die Rivale Daimler bereits erledigt hat.

Bei Infineon oder der Deutschen Telekom etwa seien drohende oder längst angekündigte Stellenstreichungen ebenfalls nicht konjunkturell bedingt, sondern eine Reaktion auf technische Entwicklungen oder eine veränderte Nachfrage.

"Für manche Unternehmen ist der Konjunktureinbruch aber das notwendige Wecksignal, um große Programme in Angriff zu nehmen", sagt Kratz. Das gilt insbesondere, wenn die Kultur der fortlaufenden Effizienzsteigerung fehlt. Deutsche Vorstände könnten hier von skandinavischen Managern lernen, so Gnamm: "Noch hat sich nicht überall die Erkenntnis durchgesetzt, dass die Hausaufgaben auch gemacht werden müssen, wenn es konjunkturell besser läuft."

Einzelne Konzerne, die wie in der Luftfahrt unter dem Ölpreis besonders leiden, werden aber um harte Schnitte kaum herumkommen. In den USA hat der Stellenabbau bereits begonnen. Bei konsumnahen Branchen, etwa im Handel, hängt es nach Einschätzung der Berater davon ab, wie der Verbraucher reagiert: "Wenn er sich zurückhält", so Brunke, "muss wohl erneut deutlich restrukturiert werden."

Von Matthias Lambrecht, Sven Clausen und Kathrin Werner / FTD