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Klimaschutz: Klein Finkbeiner rettet die Welt

Er ist zwölf Jahre und soll eine Million Bäume pflanzen. Dabei holt sich Felix Finkbeiner prominente Unterstützung. Der kleine Klimaschützer wird zum Symbol einer neuen Generation.

Von Takis Würger

Abends, als die Kinder in den Betten liegen, sitzen Frithjof Finkbeiner und seine Frau Karolin am Küchentisch und sprechen darüber, dass es so nicht weitergehen kann mit ihrem Sohn. Sie sagt: "Das ist übertrieben mit Felix." Er trinkt einen Schluck Alkoholfreies. Schweigt. "Die Mädels kommen zu kurz. Die Töpferlehrerin hat auch schon gefragt, ob Felix dieses Jahr überhaupt noch mal kommt." Er nickt. "Und irgendwie ist das nicht altersgerecht, was der Felix so von sich gibt."

Felix Finkbeiner: ein Junge mit zierlichen Armen und Brille. Aufgewachsen in der oberbayerischen Gemeinde Pähl zwischen Ammer- und Starnberger See. Dieses Kind, so hat sich der Vater vorgenommen, soll eine Million Bäume pflanzen. Dieses Kind soll die Welt retten. Das war vor drei Jahren. Felix war neun Jahre alt. Er recherchierte für ein Biologie-Referat. Thema: globale Erwärmung. Las ein Buch über den Klimawandel und googelte durchs Netz. Ein Gedanke blieb hängen: Irgendwer muss das anpacken, sonst geht die Welt kaputt. Felix sprach mit seinem Vater. Der hatte sofort einen Plan.

Finkbeiners Traum

Die beiden gründeten ein Projekt mit dem Namen "Plant for the Planet". Sie haben inzwischen dafür gesorgt, dass in Deutschland eine halbe Million Bäume gepflanzt wurden, um den CO2-Anteil in der Atmosphäre zu verringern. Die Deutsche Post unterstützt die Aktion, der Deutsche Alpenverein und das Umweltprogramm der Vereinten Nationen auch. Felix durfte nach New York reisen, nach Seoul und Salzburg. Er hat bereits über 100 Reden gehalten auf der ganzen Welt.

Immer unterwegs, immer unter Spannung. Ein Zeitplan wie ein Manager. Die Finkbeiners starteten die Werbekampagne "Stop Talking, Start Planting", eine Fotoreihe, die einen Prominenten zeigt, dem ein Kind - immer wieder Felix - den Mund zuhält. Felix durfte zum Beispiel Gisele Bündchen die Finger auf die Lippen legen. Die Anzeigen sollen demnächst geschaltet werden, man sucht noch nach Sponsoren.

Manche Kinder spielen Tennis, bis ihre Schultern schmerzen, andere üben Geige, bis die Fingerkuppen wund werden. Felix hält Reden und pflanzt Bäume. Er ist ein Leistungssportler, seine Disziplin ist soziales Engagement. Er genießt die Aufmerksamkeit, er mag die Reisen. Er hat Talent, er ist gut in dem, was er tut. Sein Vater unterstützt ihn, begleitet ihn, bewundert ihn. Frithjof Finkbeiner zwingt Felix nicht.

"Verhandlungen auf internationaler Ebene"

Aber er sagt ihm auch nicht, dass es zu viel ist. Felix sitzt im Deutschunterricht und kaut auf einem Bleistift. Noch 20 Minuten bis zum Wochenende. Die Tür geht auf. Frithjof Finkbeiner steckt den Kopf durch den Spalt. Schnell packt Felix seine Hefte. Die Lehrerin weiß Bescheid: wieder irgendwo eine Rede. Auf der Rückbank im Auto spielt Felix mit seinem Computer, er fragt: "Wie lang soll ich machen? Drei, fünf oder zehn Minuten?" Der Vater antwortet: "Mach mal ruhig länger."

Felix ist Schüler der Munich International School, einer Privatschule. Diplomaten und Manager schicken ihre Kinder dorthin, Unterrichtssprache ist Englisch. Für Felix beträgt das Schulgeld 13.270 Euro im Jahr. Das liefert der Schule 13.270 Gründe, großzügig jeden Urlaubsantrag der Finkbeiners abzusegnen, wenn Felix mal wieder während der Schulzeit verreisen will. Wie im September zum Klimagipfel in die USA und einen Monat davor nach Südkorea zu einer UN-Kinder-Konferenz oder Mitte November nach China. Frithjof Finkbeiner sagt: "Das Schulgeld müssen wir zusammenkratzen, aber es ist wichtig, dass Felix gut ausgebildet ist. Damit die Verhandlungen auf internationaler Ebene top sind, muss er Englisch sprechen."

Felix' ehemalige Biologielehrerin Tonianne Phillips erinnert sich an das Referat, das Felix vor zwei Jahren über den Klimawandel hielt, ein paar Tage später buddelte er sein erstes Bäumchen in die Erde neben dem Pförtnerhaus am Eingang der Schule. "Die Präsentation war sehr professionell. Und die Eltern haben ihn ganz schön gepusht", sagt Frau Phillips. Sie ist Australierin, sie sagt diesen Satz auf Englisch. "To push" kann motivieren heißen. Oder auch antreiben.

Es ist Mittwochmorgen, Felix sitzt in einem Fernsehstudio bei Stuttgart, in dem die Sendung "Tigerentenclub" aufgezeichnet wird. Er hat gute Laune, in der Maske stand ein Korb mit Schokolade; Felix hat drei Riegel gegessen und sich die Taschen vollgestopft. Er lächelt. Sein Gesicht ist abgepudert, an seiner Wange hängt ein Mini-Mikrofon; wären da nicht die Brille und das zu große Hemd, könnte man ihn für einen Kinderstar halten, der auf seinen Auftritt wartet.

"Wir können nicht auf die Politiker warten"

Eine Stimme aus dem Off kündigt ihn an als den "jüngsten Klimaretter der Welt". Felix grinst den Moderator an, atmet tief und sagt: "Wir müssen den CO2-Ausstoß verringern, deshalb wollen wir in Deutschland eine Million Bäume pflanzen." Er betont die Wörter an der richtigen Stelle, ballt seine Fäuste, er unterstreicht jeden Satz mit einer Geste. Ein wenig abseits, hinter den Kameras, sitzt Frithjof Finkbeiner, auf den Knien sein Laptop. Sein E-Mail-Postfach quillt über vor Anfragen von Journalisten, die über Felix schreiben wollen. Gerade heute Morgen hat Finkbeiner mit dem Referenten von Markus Söder telefoniert. Der bayerische Umweltminister will Felix eine Medaille verleihen. Die Idee für die Kampagne habe Felix allein gehabt, sagt der Vater. Sein Plan sei es nie gewesen, dass sein Sohn im Rampenlicht steht. Trotzdem sei er froh über Felix' Engagement: "Wir können nicht auf die Politiker warten." Vor der Kamera kippelt Felix auf seinem Hocker. Er sagt: "Wir müssen handeln, wir können nicht auf die Politiker warten."

Felix wirkt in solchen Momenten wie ein Klon des Vaters. Um zu verstehen, wieso das Kind sich so benimmt, muss man die Geschichte von Frithjof Finkbeiner kennen. Er hat Wirtschaft studiert; mit 24 Jahren lieh er sich eine Million Mark, kaufte eine Baustofffirma in West-Berlin. Das Geschäft lief gut, die Mauer fiel, und das Geschäft lief sehr gut: Der Osten brauchte Mörtel und Wärmedämmung. 1994 hatte Finkbeiner 300 Angestellte.

Ein Leben mit Hybridantrieb

Aber je mehr die Firma wuchs, desto öfter fragte er sich: Was hat das alles für einen Sinn? Er besuchte seinen Bruder in Tansania, der dort als Arzt die Malaria bekämpfte. Finkbeiner merkte, wie sinnvoll Arbeit sein kann, und die eigene Firma kam ihm fern und unwichtig vor. Wieder in Deutschland, sah er auf seinem Computer ein Video von Al Gore, der vor Überbevölkerung warnte. Finkbeiner rief seine Lebensgefährtin Karolin an, die für ein Modehaus in Asien arbeitete, und fragte sie, ob sie ihn auch heiraten würde, wenn er ausstiege aus seinem Unternehmen. Sie sagte Ja. Er verkaufte. Nur die Lagerhallen behielt er. Heute leben die Finkbeiners von den Mieteinnahmen.

Im Jahr 2003 gründete Finkbeiner mit Gleichgesinnten die "Global Marshall Plan Initiative", die sich für eine faire Gestaltung der Globalisierung einsetzt. Finkbeiner fand Unterstützer unter Politikern und Wissenschaftlern. Aber außer Erklärungen hat der "Global Marshall Plan" nichts gebracht. Es fehlt das Konkrete, es war eine Kampagne ohne Gesicht. Das hatte Felix. Die Hoffnung. Die Zukunft. Das Symbol.

Zwölf Kerzen, in Muffins gesteckt, brennen auf dem Frühstückstisch, es ist halb acht Uhr morgens. Felix, das Geburtstagskind, hat Schlaf in den Augen. Er und sein Vater sind spät zurückgekehrt vom "Tigerentenclub". Nachts im ICE, nach einem Tag Stillsitzen vor den Kameras, ist Felix über die Sitze im Abteil geklettert. Zu Hause war er noch so aufgedreht, dass er lange wach lag. Die Finkbeiners wohnen in einem großen gemütlichen Haus, vom Balkon aus sieht man die Zugspitze, vor der Tür stehen ein Walnussbaum und ein Auto mit Hybridantrieb. Felix und seine Schwestern Flurina und Franziska, 10 und 13, besitzen jeweils ein eigenes Zimmer im Zwischengeschoss. In der ersten Etage haben die Weltverbesserer ihr Büro.

"Papa wäre schon enttäuscht"

Im Haus der Finkbeiners arbeiten vier junge Frauen. Sie verschicken Bücher und kümmern sich um Spender. Mittags essen alle am Küchentisch der Finkbeiners, und für Telefonkonferenzen setzen sie sich auf den weißen Flokatiteppich im Wohnzimmer. Die meisten Menschen teilen ihr Leben in Arbeit und Freizeit. Im Hause Finkbeiner existiert diese Grenze nicht. Eine Mitarbeiterin, neu im Team, sagt: "Am Anfang dachte ich, dass wir Felix ein wenig viel zumuten. Aber der scheint Spaß daran zu haben."

Um fünf Uhr kommt Felix aus der Schule. Es gibt Schweinebraten und Knödel. Felix' Leibspeise, er hat sie sich zum Geburtstag gewünscht. Als seine Schwestern nicht schauen, fischt er ihnen die Kruste vom Teller. Nach dem Essen setzt er sich an den Schreibtisch. Durch die Reisen hat er einiges verpasst in der Schule. "Ist ein bisschen nervig, das mit dem Nacharbeiten, aber muss sein", sagt er. Ein Satz, wie ihn Eltern sich wünschen. Am Abend sitzt Felix allein in seinem Zimmer, gebeugt über lineare Gleichungen. Auf dem Bett eine Decke mit Eisbärmotiv, auf dem Schreibtisch eine Schachtel mit fair gehandelten Bio-Cashewnüssen. Hätte er den Geburtstag nicht lieber mit Freunden gefeiert?

"Och, nein. Also, na ja, eigentlich schon, aber geht halt nicht." Warum nicht? "Keine Zeit. Dann würde das alles nicht klappen mit ‚Plant for the Planet‘." Macht die Arbeit Spaß? "Ja, schon." Was würden deine Eltern sagen, wenn du plötzlich keine Lust mehr auf Redenhalten hättest? "Weiß nicht, gar nichts wahrscheinlich. Nur Papa wäre schon enttäuscht, irgendwie." Zwei Tage später hält Felix Finkbeiner eine Rede in den Räumen eines Senfherstellers in München. Seine Körpersprache ist top. Die Betonung auch.