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Kommentar: Auch Ärzte haben Nebenwirkungen

Statistisch gesehen geht jeder Bundesbürger 16,3 Mal pro Jahr zum Arzt. Das ist ein Beweis für die Vertrauensseligkeit der Deutschen. Denn was die Ärzte mit uns machen, lässt sich nicht so präzise sagen.

Von Christoph Koch

Mag sein, dass wir Deutschen unser Freizeitverhalten weitgehend globalisiert haben: Wir sehen ohne Unterlass CSI und Champions League, surfen löblich viel im Internet, haben Anschluss an Weltmusik und HipHop gefunden und essen und trinken das, was alle essen und trinken. Eine nationale Eigenheit aber ist geblieben: Keiner ist - auf dem Papier - so krank wie wir. Und weil auch der Glaube an Autoritäten und ihre wundertätige Macht so fest zur Folklore gehört wie Pessimismus und Weltuntergangsgezitter, suchen wir unser Heil in der Praxis: Wir Deutschen beanspruchen 16-Mal pro Jahr die Dienstleistungen eines Arztes.

Das macht uns keiner nach. Ernstzunehmende Konkurrenz sind allenfalls Slowaken, Japaner und Tschechen, die es nach allerdings schon älteren Zahlen auf 15, 14,4 beziehungsweise 12,6 Doktor-Kontakte brachten. Unsere gewaltige Zahl, präzise gesagt 16,3 Arztkontakte pro Jahr, hat die Gmünder Ersatzkasse gestern veröffentlicht. Sie entstammt ihrem umfassenden Report über die ambulant-ärztliche Versorgung, der hier zu haben ist.

16,3 Arztbesuche pro Jahr - wozu?

Jeder Journalist weiß: Es gibt keinen besseren Rohstoff als Zahlen und gefledderte Statistiken, um dümmliche Thesen anzudicken, waghalsige Behauptungen seriös zu färben und die geistige Umwelt mit Ideologie zu kontaminieren. Jeder Leser weiß das mittlerweile auch. Deshalb wird in nächster Zeit zum Beispiel folgendes Routine-Geplänkel so ungehört verhallen wie die Bundestagsdebatten auf der Langwelle des DLF*:

- Es sei sehr gut, dass wir Deutschen eine so tolle Versorgungslandschaft besäßen, wo jeder ohne Hemmschwelle Zugang zum Doktor habe - barrierefrei sozusagen

- Die Zahlen seien total übertrieben, da sie ja von einer Krankenkasse stammten

- Die Zahlen sprächen für einen wundervoll engen und vertrauensgeprägten Kontakt zwischen Arzt und Patient

Undsoweiter. Undsofort. Es lassen sich endlose Argumentationsketten bilden, in denen alles ganz wunderbar in Ordnung erscheint und die doch nichts mit der wirklichen Welt zu tun haben. Was wir über die wissen, ist nämlich herzlich wenig: Was tun die Ärzte da eigentlich? Wie gut ist es? Wie viel davon tun sie doppelt und dreifach, was ist total überflüssig und was alles lassen sie bleiben, was getan werden müsste?

Keine transparente Qualität

Keiner weiß es. Denn es gibt nicht etwa zuviel Statistik im deutschen Gesundheitswesen, sondern viel zu wenig. Und selbst da, wo die Daten irgendwo begraben liegen, gibt es eines grundsätzlich nicht: Transparenz. In dieser Woche hat die Bundesgeschäftsstelle Qualitätssicherung im Gesundheitswesen die Ergebnisse ihrer 2005er Bemühungen in den deutschen Krankenhäusern "bekanntgegeben". Das tut sie so, dass trotz teilweise riesiger Risiko-Unterschiede bei gleicher Operation in verschiedenen Häusern der Bürger nicht herausfinden kann, welche Spitäler er besser meiden sollte. Begründung: Das Material, dessen Erhebung vom Bürger bezahlt wurde und das sich auf die von ihm durch Steuern und Beiträge bezahlten Krankenhäuser bezieht, könnten nur Experten korrekt bewerten.

Selbst wenn die Daten sichtbar gemacht werden - das können die Krankenhäuser selbst freiwillig tun -, weiß dennoch kein Mensch, was am Ende bei einer langfristigen Behandlung herauskommt: Denn in Deutschland gibt es nicht ein Gesundheitswesen, sondern zwei. Und die haben so gut wie nichts miteinander zu tun.

Alles ist da. Alles fehlt

Wer nun glaubt, diese zwei Systeme seien die private und die gesetzliche Krankenversicherung, irrt sich mächtig. Ein Privatvertrag allein macht die Wartezeiten kürzer, doch dass er mehr Gesundheit erzeugt, hat niemand je bewiesen. Die zwei Welten sind der ambulante und der stationäre Bereich. Praxen und Krankenhäuser haben komplett unterschiedliche Abrechnungs- und Datenerfassungssysteme, eine vollständig verschiedene Kultur, sehr andere Herangehensweisen an allerlei medizinische Probleme. Was vor allem fehlt: Eine funktionierende Kommunikation oder brauchbare Schnittstelle, die es erlauben würde, Patienten langfristig und qualitätsgesichert zu versorgen.

Andererseits gibt es alles Mögliche doppelt, dreifach, vierfach, dutzendfach: Fachärzte praktizieren in den Krankenhäusern, Fachärzte praktizieren in eigener Ordination, andere Fachärzte haben Zulauf wie Hausärzte, Hausärzte überweisen an Fachärzte oder lassen es bleiben, Patienten tauchen in den Karteien von einem Dutzend Fachärzten auf und verschwinden spurlos, Patienten sind in Dutzenden völlig verschiedener Bonus- und Behandlungsprogramme eingeschrieben, Ärzte behandeln Privatpatienten anders als AOK-Patienten und die immer noch besser als BKK-Patienten, nächstes Jahr ist es umgekehrt, und keiner blickt durch. Krankenkassen gibt es gleich hundertfach, alle mit Vorstand, Verwaltungsrat und Fuhrpark, Kassenärztliche Vereinigungen 17 - und ebenso viele Gesundheitsminister. Das ganze Land ist voll mit Tomografen und Herzkathetermessplätzen, mit Labors und allerlei anderer Großtechnik. Es gibt Millionen überflüssige Röntgenbilder inklusive Strahlenbelastung, Mehrfachuntersuchungen ohne Ende - aber auch jede Art von Mangel: Mangel an Ärzten im Osten auf dem Land, Mangel an Fortbildung, die ihren Namen verdient und Mangel, sich als Arzt um die wirklich wichtigen Dinge zu kümmern: Denn neben den Patienten, die 16-Mal im Jahr anklopfen, hat der niedergelassene Arzt einen bürokratischen Moloch zu bedienen, der statt die nötigen Daten zu erheben, Millionen völlig unverstehbarer Rechenoperationen darauf verwendet, einen zuvor festgelegten Honorartopf unter den Ärzten aufzuteilen. Dabei errichtet er eine Nebelwand, die, wenn sie schon nicht den Anschein gerechter Verhältnisse erwecken kann, dann doch zumindest so undurchdringlich sein soll, dass es niemand überprüfen kann.

Keine Zeit für Patientengespräche

Das deutsche Gesundheitswesen bemüht sich nach Kräften, das Schlechteste aus allen Welten miteinander zu verbinden: einen zentralistischen Planungsapparat, der mangelhafte Gesetze durch immer mehr Gesetze zu bekämpfen versucht. Einen Arbeitsmarkt, der den Arzt zum Hilfsbeamten gemacht hat, der Krankheitsfälle per gelben Schein beurkunden muss, und der deshalb immer Montags massenhaft Besuch bekommt. Doktoren, die in einem komplett regulierten System Unternehmer spielen sollen, aber durch einen Grund garantiert niemals pleite gehen können: wenn sie schlechte Arbeit leisten. Und diese Ärzte haben, während sie den Rezepthunger der Patienten und die Formulargier der Kassenärztlichen Vereinigungen befriedigen, kaum Zeit fürs Wesentliche: Die Beantwortung einer Patientenfrage dauert in der Praxis durchschnittlich weniger als eine Minute. Und die Zeit, neue wissenschaftliche Literatur zu lesen beträgt weniger als eine halbe Stunde. Pro Woche.

Mein Vorsatz lautet: Der nächste dicke Hals wird stoisch ausgesessen. Daheim und ohne Arztkontakt. Ein kleiner Schritt, der Deutschland helfen wird, denn so drücke ich den Durchschnitt auf 16,299999999999999 Arztbesuche pro Jahr. Das Wartezimmer wird immer noch voll sein - wenigstens voller Pharmareferenten.