HOME

Kommentar: Das Internet ist schlecht wie die Welt

Die Klage eines Vaters gegen das Internetportal SchülerVZ wegen pornographischer und angeblich volksverhetzender Inhalte auf seinen Seiten offenbart das Problem einer ganzen Branche: Noch weiß niemand so genau, wie man Inhalte in Foren kontrollieren kann. Das hat vor allem für Eltern eine erhebliche Bedeutung.

Von Henry Lübberstedt

Wir erziehen unsere Kinder so, dass sie möglichst nicht vom Auto überfahren werden, dass sie möglichst nicht ertrinken - oder gar mit Fremden mitgehen. Wir bringen ihnen etwas bei, dass wir soziale Intelligenz nennen. Lange funktionierte dieses System ganz gut - bis das Internet zum Massenmedium wurde.

"Wenn Du das rote Männchen siehst, stehen bleiben!", "Sei Fremden gegenüber misstrauisch!", "Fass' den Herd nicht an, der ist heiß!" Du kannst erst wieder an die Playstation, wenn Du Deine Hausaufgaben gemacht hast!" Regeln aufstellen, Grenzen setzen und deren Einhaltung kontrollieren – für alle Eltern war und ist das immer selbstverständlich. Erziehung sichert das Überleben ihrer Kinder und macht sie zugleich für das Leben fit.

Das Internet erhöht den Druck auf die Eltern

Die Vermittlung dieser sozialen Intelligenz klappt im analogen Leben meist ganz gut, im digitalen Leben hingegen versagen viele Eltern. Keineswegs mutwillig. Wer das Netz im täglichen Leben nicht benutzt, entwickelt hier auch keine Kompetenz, die er an die Nachkommen weitergeben könnte. Der Druck auf die Eltern wächst, denn mit Hochdruck arbeitet die Welt daran, das reale Leben im Internet nachzubauen. Leider treffen Sie im Netz auf Anbieter, denen das auch nicht klar ist.

Beispiel Schule. In Internetforen für Schüler geschieht im Grunde genau das, was auf Schulhöfen seit jeher abgeht: da bringt einer ein Pornoheft von seinen Eltern mit, ein anderer gibt mit seinem ersten sexuellen Erfahrungen an. Die, die nicht mitreden können, tönen umso lauter, was sie so alles machen würden und was von den Mädels im Bett mindestens zu erwarten sei. Da wird geklaut, verprügelt, derb beleidigt. Schulhöfe sind alles, nur kein Ort, an dem es politisch korrekt zugeht. Und darum gibt es eine Aufsichtsperson auf dem Hof. Und eben diese Aufsicht fehlt bei vielen Netzangeboten.

SchülerVZ steht stellvertretend für die gesamte Branche

Ungeachtet guter Absichten betreiben die Anbieter von Foren und Portalen ihr Geschäft mit zum Teil für Kinder gefährlicher Sorglosigkeit. Das wegen Pornos und weltanschaulich entgleistem Gedankengut einiger User in die Schlagzeilen geratene Angebot"“SchülerVZ" steht dabei nur stellvertretend für die gesamte Medienbranche. Jeder Forenbetreiber ist für die Sauberkeit seines Angebotes verantwortlich. Und fast jeder tut sich schwer mit der Aufgabe. Einerseits möchten die Betreiber ihren Kunden eine Plattform zum spontanen, gemeinsamen Austausch bieten, andererseits müssten sie jeden einzelnen Beitrag noch vor der Veröffentlichung kontrollieren. Eine aufwändige, personalintensive und damit kostspielige Angelegenheit.

Der Kampf gegen Störenfriede im Netz gleicht dem Kampf gegen Windmühlen. Aussperren kann man diese Störenfriede fast nicht. Einem geblockten User ist es im anonymen Netz ein Leichtes, sich mit einer neuen E-Mail-Adressen einen neuen Nicknamen wieder genau bei dem Portal anzumelden, bei dem er zuvor rausgeflogen ist. Ohne Polizei und Staatsanwalt ist Wiederholungstätern nicht beizukommen. Und selbst bei erfolgreicher Anzeige und Hausverbot, können sich diese User über einen anderen Telefonanbieter wieder eine neue Identität zulegen und weiter machen.

Betrüger und Pädophile wird es im Netz immer geben

Dennoch: Um eine intensive Betreuung von Foren werden die Anbieter von Webportalen nicht herumkommen. Bereits heute nehmen Gerichtsurteile einzelne deutsche Forenbetreiber in die Pflicht bei der Aufsicht. Es ist nur eine Frage der Zeit bis ein Grundsatzurteil gefällt wird.

Für Eltern wäre das jedoch keineswegs ein Persilschein. Das Internet ist nicht Gut oder Böse, es ist ein Spiegel der Gesellschaft, auf den Eltern ihren Nachwuchs vorbereiten sollten - am besten mit Unterstützung der Schulen. Warum nicht eine Internet-Erziehung in Anlehnung an die Verkehrserziehung im Unterricht? Denn eines ist sicher: Menschen mit verengtem Weltbild, Betrüger, Pädophile und die gesamte Palette an unangenehmen Zeitgenossen wird es auch im Internet geben. Immer und überall. Wie im analogen Leben.

Korrektur: In der Bildunterschrift hieß es ursprünglich, bei der Messe "didacta" handele es sich um eine Computermesse. Die "didacta" ist jedoch eine Bildungsmesse. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen, und danken dem aufmerksamen Leser für den Hinweis. stern.de

Themen in diesem Artikel