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Internetsucht: Wenn das Netz das Leben frisst

Ob Chatrooms, Onlinespiele oder Sexseiten - mehr als eine halbe Million Deutsche sind dem Internet krankhaft verfallen. Therapieangebote gibt es, doch die Krankenkassen zahlen nicht.

Von Mareike Rehberg

Internetsucht hat viele Gesichter: 14-jährige Mädchen sind tagelang bei Facebook, schülerVZ oder in Chatrooms unterwegs, ihre Freundinnen im echten Leben haben sie dagegen seit Wochen nicht gesehen. 16-jährige Jungs verbringen Nächte vor dem Computer, jagen zusammen mit anderen Onlinespielsüchtigen Monster, erobern Burgen und vergessen darüber, sich zu waschen und ihre Hausaufgaben zu machen. Viele ältere Abhängige sind im "Real Life" schon lange nicht mehr an einem ausgefüllten Liebesleben interessiert und holen sich ihren sexuellen Kick lieber bei Youporn.

Rund 560.000 Menschen sind deutschlandweit vom Netz abhängig, wird in einer Studie der Universitäten Lübeck und Greifswald geschätzt, die die Drogenbeauftragte der Bundesregierung Mechthild Dyckmans am Montag vorgestellt hat und die erstmals repräsentative Daten zu dem Thema liefert. Demnach sind etwa ein Prozent aller 14- bis 64-Jährigen internetsüchtig, 4,6 Prozent werden zudem als problematische Internetnutzer eingestuft. Unter den 14- bis 16-Jährigen finden sich besonders viele Problemfälle, Mädchen sind dabei häufiger von der Sucht betroffen als Jungs.

Internetsucht ist keine anerkannte Krankheit

Robert Schnöd, Leiter des Jugendhauses Eppenhain, einer therapeutischen Einrichtung in der Nähe von Frankfurt am Main, kennt solche Geschichten. Seit vergangenem Jahr betreut das Jugendhaus nicht nur drogenabhängige und alkoholkranke 14- bis 20-Jährige, sondern auch Heranwachsende, die ihren Eltern mit ihrem pathologischen Internet- und Computergebrauch Sorgen bereiten. In einem verhaltenstherapeutischen Training sollen die Jugendlichen lernen, die Kontrolle über ihre Internetnutzung wiederzugewinnen und riskante Seiten ganz zu meiden. Nach einer Phase der kompletten Computerabstinenz dürfen die Jugendlichen später drei Mal in der Woche kontrolliert im Netz surfen. Familiengespräche, Gruppensitzungen und Training in sozialer Kompetenz und Selbstsicherheit runden das Konzept ab.

Das Problem für die Frankfurter: "Wir bekommen viele Anfragen", betont Schnöd, "doch unser Angebot wird nicht finanziert". Online- oder Computersucht darf nicht als Diagnose gestellt werden, Therapien werden von den Krankenkassen nicht bezahlt. Begründet liegt diese Praxis im internationalen Klassifikationssystem der Medizin, der "International Classification of Diseases" (ICD): Hier ist Internetabhängigkeit noch nicht als eigenständige Krankheit anerkannt. Ändern könnte sich das, wenn das Klassifikationssystem für psychische Störungen 2013 neu erstellt wird, hofft Hans-Jürgen Rumpf, Leiter der Studie zur Internetabhängigkeit. Bis dahin bleiben Therapien die Ausnahme.

Schnöds einziger Patientin wird die Therapie vom Jugendamt bezahlt, aber auch nur, weil das Wohl des Kindes als extrem gefährdet gilt. Zehn bis zwölf Stunden täglich hatte das Mädchen in Chatrooms verbracht. Andere Kliniken und Therapieeinrichtungen behelfen sich ebenfalls mit Notlösungen. Älteren Erkrankten wird einfach eine Impulskontrollstörung attestiert. In diesem Fall übernimmt die Rentenversicherung die Therapiekosten, denn die Betroffenen sollen so schnell wie möglich wieder ins Arbeitsleben integriert werden. "Einfacher" ist es, wenn die Betroffenen außerdem Drogen oder Alkohol konsumieren. Dann kann die Onlinesucht "mittherapiert" werden, meint Suchttherapeut Schnöd.

Warnzeichen Lebensflucht

Dass sich die Drogenbeauftragte nun des Themas angenommen hat und Beratungs- und Behandlungsangebote verbessern will, wertet Schnöd als "positives Zeichen". Ob das Problem Internetabhängigkeit in den kommenden Jahren drängender wird und möglicherweise Auswirkungen auf die Gesellschaft hat, können aber weder er noch Studienleiter Rumpf sagen. Mit etwa einem Prozent der Bevölkerung bewegt sich die Zahl der Betroffenen im Mittelfeld der Suchtkrankheiten, so Rumpf. Zum Vergleich: Etwa 2,4 Prozent aller Deutschen sind alkoholabhängig, dem Glücksspiel ist dagegen nicht einmal ein halbes Prozent aller Bürger verfallen. Weil viele Internetsüchtige noch minderjährig sind und die Krankheit noch kaum erforscht ist, lässt sich auch nicht vorhersagen, ob Betroffene ihrer Abhängigkeit entkommen oder eine schwerwiegende Form der Sucht entwickeln.

Klarheit herrscht allerdings darüber, wann jemand internetabhängig ist: Nicht die im Netz verbrachte Zeit ist ausschlaggebend, da angesichts der Verbreitung von Smartphones und Tablet-PCs ohnehin viele Menschen nicht mehr "online gehen" sondern nonstop online sind. Als Warnzeichen gelte vielmehr, sagt Rumpf, wenn das Internet ein Ersatz für das eigentliche Leben werde. Wenn Entzugserscheinungen wie Angst, Reizbarkeit oder Langeweile auftreten, alltägliche Pflichten wie Arbeit und Schule vernachlässigt werden und die Betroffenen zunehmend verwahrlosen. Wie genau es dazu kommt, wollen die Lübecker und Greifswalder Forscher in einer Folgestudie mit klinischen Interviews untersuchen.

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