HOME

Stern Logo Medizin und Psychologie - Wege aus der Sucht

Internet-Abhängigkeit: "Onlinesucht muss anerkannt werden"

Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung hat mehr Therapiemöglichkeiten für Online-Süchtige gefordert. Am Freitag fand in Berlin ein Kongress zu dem Thema statt. stern.de sprach zuvor mit dem Psychologen Kai Müller. "Onlinesucht wird bis jetzt sehr unterschiedlich diagnostiziert, wir brauchen ein einheitliches Verfahren", sagt er.

Damit das Surfen und Spielen nicht zur Sucht wird, müssen schon Kinder den Umgang mit Onlineangeboten lernen

Damit das Surfen und Spielen nicht zur Sucht wird, müssen schon Kinder den Umgang mit Onlineangeboten lernen

Herr Müller, die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Sabine Bätzing, hat eine Ausweitung der Therapiemöglichkeiten für Online-Süchtige gefordert. Haben wir tatsächlich eine Versorgungslücke?

Ja. Die Onlinesucht ist eine spezifische Sucht, die auch eine spezifische Intervention erfordert. Man braucht also Experten, die kompetent genug sind, um Onlinesucht zu behandeln. Davon gibt es in Deutschland immer noch zu wenige.

2008 hat an der Johannes Gutenberg Universität in Mainz eine Spielsucht-Ambulanz eröffnet - deutschlandweit ein einmaliges Angebot. Wie viele Therapieplätze haben Sie?

Unsere Kapazitäten sind leider begrenzt. Parallel können wir maximal 20 Patienten im kompletten Therapieprogramm versorgen. Unsere Warteliste beträgt derzeit ungefähr drei Monate, dringende Fälle ausgenommen. Seit vergangenem März haben sich 180 Menschen bei uns gemeldet. Bei einigen Jugendlichen lag keine Onlinesucht vor. Sie haben das Internet lediglich intensiv genutzt, was von den Erziehungsberechtigten falsch gedeutet wurde. Bei einem Teil handelte es sich um andere psychologische Störungen, die meisten Hilfesuchenden haben wir allerdings hier behandelt.

Wächst der Bedarf?

Wir haben viele Anfragen und sind ausgelastet. Nach unseren Forschungen und praktischen Erfahrungen in der Therapie ist Onlinesucht ein Problem, das zunimmt.

Wie viele Onlinesüchtige gibt es in Deutschland?

Aktuelle Studien gehen davon aus, dass drei Prozent der Jugendlichen und jungen Erwachsenen betroffen sind. Die Erkrankung gibt es aber auch bei älteren Menschen. Der älteste Patient, der bei uns in Behandlung ist, ist 48 Jahre alt. Es ist also kein Phänomen, das nur auf die 20-Jährigen beschränkt ist. Die meisten Studien beschäftigen sich aber mit dieser Altersgruppe.

Warum werden Menschen onlinesüchtig?

Onlinesucht hat viele Gesichter: Zum einen gibt es die Spielsucht, bei der es vor allem um Online-Rollenspiele geht. Daneben beobachten wir eine Sucht nach Communities und neuerdings auch ein suchtartiges Recherchieren von eigentlich irrelevanten Informationen. Betroffene geben einen Begriff in Suchmaschinen ein und verlieren sich dann in den Tiefen des Netzes. Dahinter steht ein übersteigerter Neugiertrieb, der Versuch, alles herauszufinden und das berauschende Gefühl, auf das ganze vorhandene Wissen zugreifen zu können. Das beobachten wir vor allem bei älteren Patienten, ab dem 35. Lebensjahr. Anders als bei der Spielsucht scheint es dabei keinen Unterschied zwischen Männern und Frauen zu geben. Bei all diesen Arten der Online-Sucht wirken Mechanismen, die ein Suchtverhalten auslösen können. Zum einen bereitet es Betroffenen einfach Vergnügen. Bei Spielen im Netz stellen sich Erfolgsmomente ein, die vielleicht im realen Leben nicht vorhanden sind. Ein wichtiger Punkt ist auch, dass die Kommunikation im Netz stärker als in der realen Welt kontrollierbar ist. Man steht seinem Gesprächspartner nicht gegenüber, ein Kontakt kann durch einen Knopfdruck abgebrochen werden. Das ist für manche Menschen verlockend.

Welche Menschen sind besonders gefährdet?

Ein Risikofaktor für Onlinesucht ist eine starke Introversion, also ein auf das eigene Innenleben ausgerichtetes Verhalten, und soziale Unsicherheit. Menschen, die im alltäglichen Leben Probleme haben, auf andere zuzugehen, Vertrauen aufzubauen, Freundschaften zu pflegen, sind besonders gefährdet. Ihnen kommt das Internet mit seinen unpersönlichen und anonymen Kommunikationsformen entgegen.

In einer Studie der Uniklinik Münster zum Thema Onlinesucht haben Teilnehmer angegeben, durchschnittlich 5,7 Stunden am Tag im Netz zu sein. Ist die Zeit, die man im Netz verbringt, ein Warnzeichen?

Die reine Zeit, die ein Mensch online verbringt ist kein Anzeichen. Wenn jemand fünf Stunden pro Tag im Netz surft, heißt das noch lange nicht, dass er süchtig ist. Wenn er allerdings vor einem Jahr nur eine Stunde online war und mittlerweile bei drei Stunden angelangt ist, dann sollte diese Entwicklung beobachtet werden. Wird das eigene Leben nur noch auf das Online-Angebot ausgerichtet, werden Freundschaften nicht mehr gepflegt, die Schule oder Ausbildung vernachlässigt, sind dies Warnzeichen. Wenn die eigenen Gedanken nur noch ums Netz kreisen und ein unkontrollierbarer Drang vorhanden ist, online zu gehen, deutet dies ebenfalls auf ein Suchtverhalten hin.

Wann beginnt die Sucht?

Die Sucht beginnt, wenn für den Betroffenen persönliches Leid aus seinem Verhalten erwächst. Wenn das Netz also die Lustkomponente verloren hat und der Nutzer einen inneren, zwanghaften Drang verspürt, sich online aufzuhalten. Bei einer Sucht treten Entzugssymptome wie depressive Verstimmungen, Reizbarkeit und innere Unruhe auf, wenn der Zutritt zum Netz verwehrt wird.

Was sind die Folgen der Sucht?

Das reicht von Konsequenzen wie Schulabbruch, Exmatrikulation oder Kündigung bis hin zu einem Zerbrechen von Beziehungen und Freundschaften. Viele Süchtige manövrieren sich in die soziale Isolation. Bleibt eine Onlinesucht über Jahre unbehandelt, steigt das Risiko, dass sich eine andere Störung dazu entwickelt - zum Beispiel eine Depression oder eine Angststörung.

Wie wird Onlinesucht therapiert?

In Mainz bieten wir eine ambulante Verhaltentherapie an. Die Teilnehmer erhalten erst einmal einen Crashkurs in Psychologie zum Thema Sucht. Wie entstehen Süchte? Was erhält sie aufrecht? Onlinesüchtige haben nicht mit dem Computer oder dem Netz an sich Probleme. Die Sucht bezieht sich auf bestimmte Inhalte. Das können Spiele sein, Communities oder Sex-Seiten. Zu Beginn der Therapie schauen wir, mit welchen Portalen der Betroffene kontrolliert umgehen kann und mit welchen nicht. In den Einzeltherapiesitzungen untersuchen wir dann, welche Symptomatik sich bei den Betroffenen hinter der Sucht verbirgt. Vor Therapiebeginn muss es eine akkurate Diagnostik geben: Dabei schauen wir, wie stark die Onlinesucht bereits ausgeprägt ist. Ist es schon Abhängigkeit oder erst Missbrauch? Der Therapieerfolg steht und fällt mit dieser Diagnostik.

Sind die Kriterien für eine Diagnose festgelegt?

Nein, noch nicht. Das ist ein großes Problem. Onlinesucht wird bis jetzt sehr unterschiedlich diagnostiziert. Schwierig ist dabei auch, dass wir zwar schon viele Untersuchungen zu diesem Thema haben, diese bis jetzt allerdings schlecht zu vergleichen sind. In Mainz haben wir daher ein klinisches Diagnostikinstrument entwickelt, ein Verfahren, mit dem man feststellen kann, ob eine Abhängigkeit vorliegt, ein Missbrauch, ein problematisches oder ein unbedenkliches Verhalten. Wünschenswert wäre, dass man sich deutschlandweit endlich auf ein Verfahren festlegt.

Onlinesucht ist eine junge Krankheit, der Begriff "Sucht" umgangssprachlich. Die International Classification of Diseases (ICD-10) spricht von Abhängigkeit - meist stoffgebundenen wie bei Drogen. Als einzige nicht-stoffgebundene Krankheit gilt die Spielsucht. Onlinesucht ist in der IDC-10-Klassifikation noch nicht enthalten. Handelt es sich dabei überhaupt um eine echte Sucht?

Ja. Zum einen sehen wir, dass das Verhalten bei Onlinesucht dem bei klassischen Abhängigkeitserkrankungen ähnelt. Zudem haben wir neurowissenschaftlich die gleichen Hirnmuster bei Onlinesüchtigen gefunden wie bei Cannabis- und Heroinabhängigen. Zwischen den stoffgebundenen und den stoffungebundenen Abhängigkeitserkrankungen gibt es daher ein Bündel an Ähnlichkeiten.

Wird die Therapie von den Krankenkassen bezahlt?

Nein, die Therapie wird von den Krankenkassen in der Regel nicht übernommen. Da wir eine Forschungseinrichtung sind, kommen auf unsere Patienten allerdings keine Kosten zu. Einer der nächsten Schritte muss es sein, Onlinesucht endlich als eigenständiges Störungs- und Krankheitsbild anzuerkennen.

Wie lange dauert die Therapie?

Insgesamt 20 Wochen. Pro Woche findet eine gruppentherapeutische Sitzung an einem festen Termin statt, variabel dazu gibt es Einzelgespräche.

Wie sind die Erfolgschancen?

Die Erfolgsquoten sind gut, nach unseren Erfahrungen liegen sie bei 80 Prozent. Das sind aber Richtwerte, da es die Ambulanz erst seit einem Jahr gibt.

Welche Möglichkeiten der Prävention gibt es?

Das Internet ist heute nicht mehr wegzudenken, weder aus dem beruflichen Alltag noch aus der Freizeit. Im Prinzip ist das nicht schlimm. Das Netz ist kein Teufelswerkzeug. Je früher Jugendliche allerdings einen kompetenten Umgang mit Onlineangeboten und den vielfältigen Möglichkeiten erlernen, desto eher sind sie später immun gegen Onlinesucht. Medienpädagogik ist daher sehr wichtig. Zudem muss verstärkt Aufklärungsarbeit betrieben werden. Es ist bekannt, dass Alkohol und Zigaretten abhängig machen können. Dass das Internet ein Suchtpotential in sich birgt, ist im kollektiven Bewusstsein noch nicht angekommen.

Interview: Lea Wolz

Wissenscommunity