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Kommentar: Schluss mit dem Bahn-Bashing

Die Bahn erhöht die Preise, und das Geschrei ist mal wieder laut. "Abzocke" und "kundenfeindlicher Größenwahn" pöbelte beispielsweise der Grünen-Politiker Fritz Kuhn über voraussichtliche Preiserhöhungen auf Inflationsniveau. Die allgemeine Entrüstung verdeutlicht einmal mehr, dass viele Deutsche falsche Vorstellungen vom Kapitalismus haben.

Von Dirk Benninghoff

Die Energiepreise sind gestiegen – weiß jeder. Die Personalkosten bei der Bahn auch – und zwar teilweise deutlich. Folge: Das Unternehmen erhöht die Preise. Voraussichtlich um die drei Prozent kosten die Tickets mehr ab Dezember. Eine ICE-Fahrt von Hamburg nach Berlin ohne Bahncard ist dann rund zwei Euro teurer. Fahrplanwechsel, höhere Preise – ein gewohntes Ritual, das an Skandalträchtigem entbehrt, zumal die Preise bei der Bahn in etwa so stark steigen werden wie die Teuerung in Deutschland generell. Warum also regen sich Politiker aller Parteien so auf?

Zum einen liegt es an der Naivität weiter Teile der Öffentlichkeit. Die Bahn macht hohe Gewinne, also hat sie gefälligst Tickets billig anzubieten – sie kann es sich schließlich leisten. Der gleiche Gedankengang lag schon der heftigen Kritik an der Deutschen Bank zugrunde, als sie viele Stellen abbaute, nachdem sie Rekordgewinne gemeldet hatte.

Falsche Logik

Der Logik des Kapitalismus entspricht es aber nicht, sich in guten Zeiten zurückzulehnen, Arbeitsplätze anzubieten, auf die man auch verzichten könnte und Preise niedrig zu halten, obwohl die Kosten steigen und die Nachfrage nach dem Produkt da ist. Der Logik des Kapitalismus entspricht es vielmehr, gerade wenn es gut läuft, nach Möglichkeiten zur weiteren Gewinnsteigerung zu suchen, vor allem, wenn man wie im Fall Deutsche Bahn demnächst an die Börse will.

Und hier kommt ein zweiter grundlegender Denkfehler ins Spiel, der Bahnchef Hartmut Mehdorns Image dieser Tage mal wieder gründlich ramponiert. Die Bahn löst sich gerade langsam vom Bund, wird vom Staatskonzern teilweise zum Privatunternehmen. Gleichwohl wird die Bevölkerung sie noch lange als Gemeineigentum betrachten – mit entsprechenden Forderungen: Die Bahn hat das Volk zu versorgen – mit so günstigen Tickets wie möglich bei exzellentem Service. Gerade, wenn die Benzinpreise so hoch sind. Gewinne? Müssen nicht sein. Wenn die Bahn sich nach und nach vom Staat abkoppelt, wird hoffentlich auch nach und nach dieser soziale Versorgungsanspruch zurückgehen.

Zunächst einmal muss die Bahn jedoch Investoren Anreize liefern, ins Unternehmen einzusteigen. Diese Investoren wurden vom Grünen Kuhn vorab schon einmal als "profithungrig" dargestellt, ohne dass er weiß, wer denn überhaupt in größerem Stil Bahn-Anteile kaufen wird – ein Beispiel für die wenig differenzierte Vorstellung, die deutsche Politiker von der Börse haben. Die Anreize sind auch die neuen Preiserhöhungen, die dem Konzern seine Gewinne im Inland absichern. Alle jene Politiker, die jetzt aufschreien, haben keinerlei Interesse an einem verpatzten Börsenstart der Bahn. Auch Herr Kuhn nicht.