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Konjunktur: Anlauf zum Aufschwung

Die deutsche Wirtschaft schlittert in ein Tal - und der Rückfall in die Stagnation beweist, dass ein dauerhafter Aufschwung in Deutschland weiter auf sich warten lässt. Doch es gibt einen Hoffnungsschimmer.

Der Höhenflug dauerte nur kurz. Zu Jahresbeginn hatte die deutsche Wirtschaft im Eiltempo noch alle anderen europäischen Länder und sogar die USA beim Wachstum überholt. Doch bereits im Frühjahr ist die Konjunktur wieder in ein Tal geschlittert. Auch wenn das erste Quartal mit plus 0,8 Prozent statistisch bedingt überhöht war, ist dies auch für die Experten eine herbe Enttäuschung. Der Rückfall in die Stagnation beweist, dass ein dauerhafter Aufschwung in Deutschland weiter auf sich warten lässt. Dennoch gibt es Hoffnungsschimmer: der Export läuft weiter rund, die Firmen investieren wieder mehr in Anlagen und stocken ihre Lager auf.

Langsam geht's nach oben

"Die Wirtschaft ist eindeutig im Aufwärtstrend", sagt der Chefvolkswirt der Commerzbank, Ulrich Ramm. Nach der Vollbremsung zur Jahresmitte 2004 gehe es mit der Konjunktur nun in Schaukelbewegungen langsam nach oben. "Wenn man die statistischen Schwankungen glättet, ergibt sich für die letzten drei Quartale ein durchschnittlicher Zuwachs von 0,3 Prozent. Das ist ein gutes Wachstum." Dieser Wachstumspfad soll Deutschland 2005 insgesamt ein Plus von 1,0 Prozent bescheren - das wäre arbeitstäglich bereinigt fast genauso viel wie im Vorjahr, als die Konjunktur ohne Kalendereffekt um 1,1 Prozent zulegte.

Das zweite Quartal ist für Volkswirte überwiegend nur ein "Durchhänger" oder ein "kurzzeitiger Stillstand", von einer Rezession spricht niemand. "Die Talsohle ist ganz klar durchschritten", sagt auch der leitende Deka-Volkswirt Holger Bahr. "Deutschland nimmt Anlauf für den Aufschwung."

Aufbruchstimmung macht sich breit

Mit Wachstumsraten von 0,3 bis 0,5 Prozent soll es im zweiten Halbjahr wieder nach oben gehen. Ihren Optimismus gründen die Experten auf das Anziehen der Weltwirtschaft, die guten Aufträge für die Industrie, die positive Entwicklung im krisengeschüttelten Baugewerbe und bessere Stimmungsindikatoren. Die Aussicht auf einen möglichen Regierungswechsel habe Aufbruchstimmung erzeugt.

Eine Gefahr stellen aber die Rekordölpreise dar. Am Donnerstag kletterte der US-Ölpreis auf einen neuen Höchstwert von über 65 Dollar je Barrel (159 Liter). Ein halber Prozentpunkt Wachstum könnte Deutschland in diesem Jahr dadurch verloren gehen. "Die höhere Rechnung für Gas, Öl und Strom wird Deutschland bis zu 20 Milliarden Euro Kaufkraft entziehen", erklärt der Chefvolkswirt der Dresdner Bank/Allianz-Gruppe, Michael Heise. "Das ist ein enormer Bremsfaktor."

König Kunde wird entscheiden

Der Aufschwung steht und fällt in diesem Jahr mit dem König Kunde. Die privaten Verbraucher haben ihre jahrelange Kaufzurückhaltung immer noch nicht aufgegeben und brachten im Frühjahr die Kassen des Einzelhandels kaum zum Klingeln. Die hartnäckige Konsumverweigerung setzt ein Fragezeichen hinter den erwarteten Aufwärtstrend.

"Die Steuerentlastungen vom Jahresbeginn haben die Menschen nicht in den Konsum, sondern in ihre Ersparnisse gesteckt", sagt Matthias Rubisch von der Commerzbank. Das Geldvermögen stieg nach Angaben der Deutschen Bundesbank 2004 auf den Rekordstand von 4067 Milliarden Euro auf Bankkonten, in Wertpapieren und Versicherungen. Der Schock der hohen Arbeitslosigkeit drückt auf die Psyche der Konsumenten. Die zum 1. Juli gestiegenen Beiträge zur gesetzlichen Krankenversicherung bremsen. Ein Risiko bleibt auch die mögliche Mehrwertsteuererhöhung Anfang 2006. "Das würde den Konsum empfindlich treffen", sagt Heise - auch wenn viele Verbraucher ihre Käufe dann vorziehen und zumindest bis Jahresende ein Konsumfeuerwerk zünden würden.

Steuerreform wirkt inzwischen

Ein Silberstreif am Horizont sind die strukturellen Reformen am Arbeitsmarkt und bei den Steuern, die inzwischen wirken. Sie sollen in diesem Jahr ein kleines Beschäftigungsplus von 0,5 Prozent oder 125.000 Stellen schaffen. Deutschland hat seine Schwächephase aber noch lange nicht überwunden.

Marion Trimborn/DPA / DPA