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Kreditkrise: Warum die Krise das System bedroht

Die Finanzkrise hat den Geldkreislauf weltweit empfindlich gestört. Banken leihen sich untereinander kaum noch Geld – Pessimisten gehen davon aus, dass bis zu einer Billion Dollar vernichtet werden könnte. Die Folgen bekommt jeder Einzelne zu spüren, wenn er sich Geld bei seiner Bank leihen will.

Von Olaf Wittrock

Massenflucht am Montag, Gegenbewegung schon am Dienstag. Am Finanzmarkt ist die Halbwertszeit schlechter Nachrichten derzeit gering. So belastete die milliardenschwere Beinahe-Pleite der US-Investmentbank Bear Stearns gerade mal einen Tag lang die Aktienkurse. Am Dienstag bestimmten dann schon wieder "überraschend geringe Verluste" ihrer ebenfalls in Mitleidenschaft gezogenen Konkurrenten Goldman Sachs und Lehman Brothers die Gespräche. Auch der Dax vollzog eine schnelle Wende. Und erfreute Anleger Mittwoch früh mit weiteren Gewinnen, nachdem die US-Notenbank über Nacht das Geld verbilligt hatte.

Während die Aktienkurse seit Wochen Jojo spielen, zeigt sich die politische Debatte um die Finanzkrise weitaus weniger schwankungsanfällig: Sie erhitzt sich stetig weiter – und erreichte mit dem Bear-Stearns-Zusammenbruch einen neuen, womöglich nur vorläufigen Höhepunkt. Und das nicht nur in den USA: Banker und Notenbanker, Politiker und Ökonomen sorgen sich in großer Einigkeit weltweit um die Wirtschaft.

Was aber geht der Absturz einer Investmentbank jenseits des Atlantiks hiesige Banken an und was die deutsche Volkswirtschaft? Unmittelbar sind die Folgen sicherlich gering. Aber über die verschlungenen Pfade der Finanzwirtschaft könnte die Krise, die sich hier offenbart, am Ende jeden treffen: Unternehmer ebenso wie Privatleute, die etwas auf Pump finanzieren wollen. Denn Kredit wird aller Voraussicht nach bald knapp und teurer.

Steigende Zinsen und sinkende Immobilienpreise

Wie stark die Märkte global vernetzt sind, offenbart ein Blick in die kurze Historie dieser Krise: Sie begann vor etwa einem Jahr, als immer mehr Häuslebauer in den USA wegen steigender Zinsen ihre Kredite nicht mehr bedienen konnten. Immer mehr Familien mussten daraufhin ihre Häuser zum Verkauf anbieten – woraufhin die Immobilienpreise einbrachen. Steigende Zinsen und sinkende Sachwerte trieben die Bauherren in die Pleite – und bescherten ihren Finanziers massive Ausfälle, vor allem jenen, die Geld an sehr schwache Schuldner ohne sicheres Einkommen verliehen hatten.

Was in früheren Jahrzehnten vermutlich ein Branchenproblem gewesen wäre, an dessen Ende sich nach einigen Konkursen die Lage beruhigt hätte, weitete sich im Jahr 2007 zu einer veritablen Krise des Finanzmarktes aus. Denn die Finanziers hatten sich bei anderen Banken mit dem nötigen Kapital für Baukredite versorgt – die nun in schneller Folge weitaus mehr Geld zurückforderten, als den Hypothekenbanken zur Verfügung stand. Das trieb die Hausfinanziers dutzendfach in die Pleite, womit der Schwarze Peter nun bei Gläubigern aus aller Welt gelandet ist. Und von dort aus breitet sich die Krise weiter aus.

Mit Aktienpaketen in die ganze Welt

Denn die zunächst riskanten und nun wertlosen Baukredite wurden auf dem Weg von Bank zu Bank so oft mithilfe komplizierter Konstruktionen sowie vermeintlich steuergünstiger Zwischengesellschaften zu neuen Paketen geschnürt, dass noch heute kaum jemand genau weiß, bei welchem Institut eigentlich welche Risiken liegen. Das erklärt, wesalb in den vergangenen Wochen immer wieder Banker betonten, sie seien nicht betroffen – und kurz danach milliardenschwere Verluste beichteten. Die Kettenreaktion dürfte also noch lange nicht ihr Ende erreicht haben.

Sie verstärkt sich sogar noch, da im Wirrwarr der Zahlungsströme, durch das selbst Finanzexperten kaum mehr durchblicken, regelrechte Karussellgeschäfte entstanden sind. So betreiben zum Beispiel Hypothekenbanken gleichzeitig auch Einlagengeschäfte, verwalten also Kundengelder. Und diese wiederum investierten sie entweder in ebenjene am Kapitalmarkt gehandelten Kreditpakete, hinter denen letztlich Baukredite stecken. Oder sie liehen das Geld Hedge-Fonds, die damit ebenfalls in genau den Markt investierten, der zusammenbrach – und Schuldner wie Gläubiger somit doppelt traf.

Misstrauen verschärft die Krise

Die Psychologie der Märkte erhöht den Flurschaden. Denn neuerdings leihen sich Banken untereinander so gut wie gar kein Geld mehr. Selbst die Notenbanken haben es bisher nicht geschafft, den Investorenstreik zu brechen, obwohl sie den Banken riesige Mengen günstiges Geld anbieten.

Das Misstrauen ist einerseits verständlich – anderseits beschleunigt es die Krise weiter. Denn gerade jene Banken, die jetzt dringend Geld brauchten, bekommen noch weniger. Damit ist der Geldkreislauf empfindlich gestört, was die Kapitalversorgung an den Aktienmärkten, aber auch für Investitionen in der Industrie bedroht. Selbst wenn das Vertrauen zurückkehren sollte, ist die Krise keineswegs überstanden. Die Kredite an äußerst schwache Schuldner, die im weltweiten Finanzkarussell gehandelt wurden und werden, addieren sich nämlich zu einem Volumen von rund 1200 Milliarden US-Dollar. Wie viele dieser Schuldner das Geld am Ende zurückzahlen können, ist schwer zu schätzen. Pessimisten warnen aber vor Verlusten von bis zu 1000 Milliarden US-Dollar.

Damit wiederum wäre die Hälfte des gesamten Eigenkapitals der fünfzig größten Banken der Welt durch Spekulationen vernichtet – und so käme die Krise in jedem Haushalt an. Denn Banken brauchen Eigenkapital, um Kreditrisiken abzusichern. Geldleihen dürfte also in den kommenden Monaten schwerer und teurer werden. Was jeder einzelne Kunde zu spüren bekommt, der sich von seiner Bank etwas pumpen will.