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Kriminalität: Asiens Produktpiraterie boomt noch immer

Trotz aller Apelle der Markenartikler an Touristen, bleiben asiatische Raubkopien noch immer ein krisensicheres Geschäft.

Wer von Reisen aus Asien zurückkehrt, hat manchmal einen Koffer mehr auf dem Gepäckband. Zu verlockend sind häufig jene angeblichen Louis Vuitton-Taschen, Fendi-Brieftaschen oder neueste Hollywood-Produktionen auf Video-CD, wie sie mal versteckt, mal völlig unverhohlen auf Straßenmärkten und Kaufhäusern von Manila bis Bombay für eine Hand voll Dollar zu haben sind. Bei allen wirtschaftlichen Turbulenzen in Asien ist die Produktpiraterie noch immer ein krisensicheres Geschäft. Und trotz manch ernst gemeintem Ansatz gelten die lokalen Behörden mal als hilflos, mal als unfähig, dem milliardenschweren Profit durch Plagiate Paroli zu bieten.

Allein in China stammen nach Expertenschätzungen 90 Prozent aller verkauften Musik-, Video- und Software-CDs aus der Schwarzpresse - was bei Preisen von etwa einem US-Dollar pro Stück auch Kunden aus Hongkong freut. Nicht sehr viel anders sieht es in Thailand aus, trotz einer härteren Gangart der Ermittler. Nach wie vor steht das Königreich auf einer US-Beobachtungsliste für Länder, in denen im großen Stil Rechte am geistigen Eigentum verletzt werden. Bis vor kurzem schätzten Fachleute die Jahreskapazität auf 60 Millionen illegaler CDs, wobei der Löwenanteil in den Export geht.

Neue Drehscheibe ist Hongkong

Die Investitionen sind überschaubar. Gerade einmal umgerechnet 50.000 DM kostet es in Thailand, eine Hinterzimmer-Fabrik für Compact Discs einzurichten. Eine Summe, die sich in ein paar Monaten Produktion schnell wieder amortisiert. Maschinen und Personal kommen in jüngster Zeit immer häufiger aus Hongkong, Macau und Malaysia, wo den Produktpiraten der Boden zu heiß geworden ist, nachdem Konzerne und Regierungen den Druck immer weiter verstärkten.

Von 16.500 Razzien und fast 6.700 Festnahmen durch die im April 1999 gegründete »Copyright Taskforce« berichten die Behörden in Kuala Lumpur inzwischen stolz. Hongkongs Zoll verweist gerne darauf, dass man in den vergangenen zwei Jahren nicht nur 24 Millionen CDs im Wert von 58 Millionen Dollar aus dem Verkehr zog, sondern die Zahl der Läden und Verkaufsstände mit Raubkopien von 1000 auf 100 schmelzen ließ. »Hongkong ist nicht mehr der sichere Hafen, der es einmal war«, betonte unlängst Zollchef John Tsang Chun-wa.

Doch der Einfallsreichtum kennt wortwörtlich keine Grenzen, wenn abgekupferte Markenware versilbert werden soll. Häufig beginnen die »Fakes« ihre Reise in China als Einzelteile, um in Hongkong zusammengesetzt und dann weiter auf die Märkte etwa in Thailands Touristenzentren Bangkok, Phuket oder Ko Samui zu kommen. »Wenn China gegen die Produktion vorgeht, wandert sie eben woanders hin ab«, meint ein amerikanischer Diplomat in Bangkok.

Entsprechend werten es Thailands staatliche Plagiats-Jäger als Triumph, wenn statt im eigenen Land die Markenräuber ihre Zelte jenseits der Grenze in Birma, Laos oder Kambodscha aufschlagen. »Sie hauen sich deswegen selber auf die Schulter. Aber hier zu Lande hat man dann eben mit verstärktem Schmuggel über die Grenze zu kämpfen«, befindet ein anderer Kenner in der Bangkoker US-Botschaft.

Alle machen mit

Thailand hat Erfolgsmeldungen nötig, gab doch das Land vor nicht einmal zwei Jahren ein peinliches Beispiel ab, wie weit es mit dem organisierten Klau geistigen Eigentums in Asien gekommen ist: Ausgerechnet mitten im noblem Palast von Ministerpräsident Chuan Leekpai hatte ein Malaysier mit Hilfe des Fahrers des Regierungschefs ein gut sortiertes Lager illegal kopierter CDs eingerichtet. Der Chauffeur flog, der Händler landete hinter Gittern, doch Asiens Schwarzpressen produzierten indes unverdrossen weiter.

Frank Brandmaier