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Verschwendung: Das darf nicht weg! So viel Lebensmittel schmeißt jeder von uns in den Müll

Millionen Tonnen Lebensmittel landen in Deutschland jedes Jahr im Müll. Doch es regt sich Widerstand – und jeder kann helfen im Kampf gegen die Verschwendung.

Lebensmittel landen im Müll: Wie wir das ändern können

Lebensmittel für den Müll? An einem Novembertag retten die "Foodsaver" in einem Kölner Supermarkt wagenweise Backwaren.

Sie sind gekommen, um zu holen, was keiner will. Zwei Männer, zwei Frauen, alle unter 30. Bewaffnet mit Rucksäcken, Tüten und einem Fahrradanhänger aus silbrigem Blech treten sie pünktlich um zehn Uhr in die schummrige Lieferanteneinfahrt eines Supermarkts im Kölner Stadtteil Ehrenfeld. Ein Mitarbeiter nimmt sie in Empfang. Sie sind gekommen, um zu retten, was dem Müll geweiht ist.

Ritter wider die Verschwendung.

"Da", sagt der Mitarbeiter und deutet auf einen Gabelstapler, der zwei Dutzend grüne Plastikkisten auf seinen Stoßzähnen balanciert, alle gefüllt mit Obst und Gemüse, das aussortiert wurde. "Da hinten", ruft der Mitarbeiter im Gehen und zeigt auf einen mannshohen Stapel aus 16 orangefarbenen Kisten, alle gefüllt mit Toastbrot, Fladenbrot, Graubrot, Backwaren jeder Art, und "da!", die Einkaufswagenladung Tafelschokolade – alles Waren, die Opfer werden sollten des größten Feindes der Lebensmittel: des Mindesthaltbarkeitsdatums, kurz MHD. Und während man sich noch fragt, wie viel das wohl ist – 200 Kilo oder 300? –, ziehen die Ritter schon in den Kampf. Sie stecken die Nasen in Tüten mit einst frischem Salat, befühlen narbige Grapefruits und dellige Äpfel. Sie reißen die Mandarinen-Netze auf, um die eine Frucht herauszufischen, die sich einen weißen Pelz übergezogen hat. Die Möhren sind tatsächlich alle hinüber, die Kräuter aber nur ein wenig blass, und der Sellerie riecht tadellos. All das Gute wandert nun ins Gepäck.

Ein Drittel aller Lebensmittel verschwendet

Aus Lebensmitteln für die Tonne werden wieder Mittel zum Leben. Die vier verkochen sie selbst in den Küchen ihrer WGs, verschenken einiges an Nachbarn und Freunde, den großen Rest bringen sie in kleine Zwischenlager. Die werden "Fairteiler" genannt, Sprachwitz 3.0, und sind meist nicht mehr als Regale in Vereinsräumen oder Unis, aus denen sich ein jeder kostenlos bedienen kann.

Ein "Foodsaver" sortiert Brot

Ein "Foodsaver" sortiert Brot

"Das ist heute eine ganz übliche Menge", sagt Florian Brügge, als er sich mit zwei übervollen Einkaufswagen auf den Weg macht zum Bürgerzentrum Ehrenfeld, wo der nächste "Fairteiler" steht. So laufe es Tag für Tag, sagt er, hier und in etwa 50 weiteren Supermärkten des Stadtteils, dazu kommen unzählige kleinere Läden, Marktstände und Bäckereien, mit denen sie kooperieren. Brügge ist hauptberuflich Musiker, ehrenamtlich koordiniert er als "Foodsharing-Botschafter" die Arbeit von knapp 1000 Mitstreitern allein aus seinem Viertel. 2700 sind es in ganz Köln, etwa 46.000 bundesweit. Mehrere Hunderttausend profitieren davon. In den sechs Jahren seit der Gründung des Netzwerks ist so eine soziale Bewegung entstanden. Die Helfer retten Mengen, die selbst die "Tafeln" überfordern, jene Institutionen, die die Ärmsten mit Nahrung versorgen.

Und noch immer bleibt viel zu viel übrig.

Schlicht. Zu. Viel.

Etwa ein Drittel aller Lebensmittel wird in Deutschland verschwendet. Bis zu 18 Millionen Tonnen jedes Jahr. So genau weiß es niemand, weil alle Studien zumindest in Teilen auf Schätzungen beruhen. Demnach werfen allein wir als Verbraucher im Schnitt höchstpersönlich 80 Kilogramm in den Müll. Weil wir den Skandal nicht erkennen. Weil es stets genug gibt, jederzeit und überall, zu Preisen, die nur den wenigsten wehtun. Weil wir einfach die Demut vor den Gaben der Natur verloren haben.

Vielleicht braucht es ein Bild, um über das Unfassbare nicht so leicht hinwegzulesen: Würde man allein das Essen, das wir selbst wegwerfen, in Lastwagen verladen, ein jeder mit zehn Tonnen Zuladung und zwölf Meter Länge – aufgereiht zu einer Lkw-Kolonne entstünde ein Stau, so lang, dass er vom südspanischen Almería, dem Gewächshaus Europas, quer durch den Kontinent bis nach Moskau reichte. Und dann: den ganzen Weg wieder zurück.

Florian Brügge von den "Foodsavern" sortiert Essbares aus dem Ausschuss eines Kölner Supermarkts

Florian Brügge von den "Foodsavern" sortiert Essbares aus dem Ausschuss eines Kölner Supermarkts

8000 Kilometer. 670.000 Lastwagen voller Obst und Gemüse, Brot und Joghurt und Fleisch – das niemand essen wird. Das ist allein die Menge, die in deutschen Haushalten weggeworfen wird. 6,7 Millionen Tonnen pro Jahr. 11 Millionen Tonnen, nimmt man hinzu, was Industrie und Handel verschwenden. Und dann fehlen noch immer die Millionen Tonnen, die schon auf dem Acker und im Gewächshaus aussortiert werden – weil sie zu klein sind oder zu krumm und weder Handel noch Kundschaft sie haben will.

2000 Gemüsekisten-Abonnenten

Seit Sie die Überschrift gelesen haben, sind zwei Lkw-Ladungen Lebensmittel im Müll verschwunden – mehr als einer in jeder Minute.

Die armen Möhren, die zu hässlich sind für den gewöhnlichen Käufer, liegen an diesem Morgen in sechs blauen Kisten in einem bitterkalten Kühlhaus. Sie haben zwei Beine und manchmal auch zwei Arme, sehen aus wie ein zum Spagat ansetzender Tänzer, ein jubelnder Sprinter. "Diese Möhren", sagt Heiner Hannen und greift in eine der Kisten, "hätte ich vor wenigen Jahren noch allesamt weggeschmissen."

Hannen ist Landwirt in Büttgen, einer 7000-Einwohner-Ortschaft, nur wenige Kilometer von Düsseldorf entfernt. 1985 hat er den Hof vom Vater übernommen. Damals war der Betrieb noch auf Mastschweine ausgerichtet. Heute leitet der Sohn einen Biobauernhof mit 45 Hektar Ackerfläche, viereinhalb Millionen Euro Umsatz im Jahr und 4000 Quadratmeter Gewächshausfläche. 60 Mitarbeiter, 150 Tonnen Kartoffeln, 450 Tonnen Gemüse und zwei Millionen Salatköpfe. "Eigentlich kann ich zufrieden sein", sagt Hannen. Eigentlich. Denn bis heute kann er etwa die Hälfte der Ernte nicht verkaufen.

Nicole Klaski holt Gemüse vom Feld

Nicole Klaski holt Gemüse vom Feld

Um zu erklären, warum ist, was nicht sein darf, führt der Bauer in eine Halle und bleibt vor der Sortiermaschine stehen. An einem langen Lieferband werden hier die Kartoffeln getrennt – in hässlich und schön. Schön sind Kartoffeln, die groß sind, aber nicht zu groß, die rund sind, aber nicht zu rund. Hässlich sind Kartoffeln, die klein sind wie Tischtennisbälle, dazu alle, die schwarze Punkte haben. Da könne er machen, was er wolle, sagt Hannen – die werde er nicht los, nicht einmal an seine 2000 Gemüsekisten-Abonnenten. "Jede zweite Kartoffel will keiner. Das ist schwer erträglich", sagt Hannen. Und verwachsene Möhren, der leicht welke Zuckerhut, der Chinakohl, dessen erste Schicht abgefallen ist – all das bleibt schon bei der Ernte liegen.

Wie Hannen geht es vielen Bauern. Ihre Verluste liegen oft bei 30 bis 40 Prozent. Und auf jeder Etappe vom Acker bis zum Teller steht die bittere Erkenntnis: 2,6 Millionen Hektar Ackerland werden in Deutschland nur für den Müll bewirtschaftet. Eine Fläche, größer als Hessen oder Mecklenburg-Vorpommern, ein Sechstel der gesamten landwirtschaftlichen Nutzfläche. Hinzu kommt ein Fünftel des gesamten deutschen Verbrauchs an Wasser, das vergeudet wird – für nichts als die Tonne.

"Foodsharing"

Bauer Hannen hat darum in diesem Jahr dreimal zum Nachernten eingeladen. Jeder, der wollte, konnte auf seine Felder gehen und kostenlos mitnehmen, was liegen geblieben war. 1200 Leute kamen. Dennoch bleibt enorm viel übrig. Früher hat Hannen all die Gaben kompostiert oder verfüttert. Heute verschenkt er sie. Zum Beispiel an Nicole Klaski.

Die 35-Jährige ist keine in Batik gehüllte Ökobraut, sondern Juristin. Sie hat in Australien den Master of Human Rights gemacht, in Nepal für eine NGO gearbeitet, und nach ihrer Rückkehr begann sie, sich bei "Foodsharing" zu engagieren. Gemeinsam mit einer Freundin besuchte sie Gründerseminare, brütete über Finanzierung und Rechtsform – und eröffnete dann "The Good Food". Was als Marktstand begann, in wechselnde Pop-up-Stores zog, hat inzwischen einen festen Sitz in Ehrenfeld, direkt gegenüber dem örtlichen Foodsharing-"Fairteiler". 70 ehrenamtliche Mitarbeiter sind für Klaski unterwegs, um bei ihren Partnern rund um Köln abzuholen, was liegen blieb.

Das Gemüse wird in Nicole Klaskis Laden verkauft

Das Gemüse wird in Nicole Klaskis Laden verkauft

An diesem kühlen Dienstagmorgen haben sich drei Helfer in einem geliehenen Transporter aufgemacht zu Hannens Hof. Sie sammeln, sortieren, stapeln etwa 30 Kisten in den Wagen und fahren am späten Nachmittag zurück. Vor dem Laden warten schon Kunden. Nicole Klaski hat auf der Facebook-Seite eine neue Lieferung angekündigt, und so viele wollen von dem, was angeblich niemand will, dass Klaski erfreulich oft ihren Lieblingsmoment erlebt: wenn die Leute an die Kasse treten und das Holzschild sehen: "Zahl, was es dir wert ist."

Tja, was ist mir ein angedetschter Apfel wert? Was kostet der Kohlkopf mit Flatterrand? Um eben diesen Moment kreist Klaskis ganzes Konzept. Sie will: uns alle zum Nachdenken bringen.

Und in diesem Menschheits-Alb der Verschwendung geht es nicht nur um Hannens Kartoffeln. Und auch nicht nur um Deutschlands Äcker. Letztlich geht es um nicht weniger als die Ressourcen unserer Erde. Um die Ackerflächen in Afrika, auf denen Mangos gezüchtet werden, die bei uns vergammeln. Um Wasser, das im staubtrockenen Chile Avocados wachsen lässt, die wir im Kühlschrank vergessen. Es geht um Arbeitskraft und Energie für Verpackung, Verarbeitung und Transport.

"Too Good To Go"

Wäre die globale Lebensmittelverschwendung ein Land, es wäre der drittgrößte CO2-Produzent der Welt. Würde man nur ein Viertel der Verluste retten, ließen sich damit alle Menschen ernähren, die derzeit Hunger leiden. Auch deshalb hat sich die Weltgemeinschaft vor drei Jahren das Ziel gesetzt, die Verschwendung bis zum Jahr 2030 zu halbieren.

Diesen Nachhaltigkeitszielen hat sich auch Deutschland verpflichtet. 2015 hat der Bundestag fraktionsübergreifend die Regierung aufgefordert, konkrete Maßnahmen vorzuschlagen. Passiert ist nichts. 2017 hat der Bundesrat die Regierung erneut aufgefordert. Nichts. Im Koalitionsvertrag ist die Rede von "gezielt weiterverfolgen" und "die gesamte Wertschöpfungskette einbeziehen" – mehr als ein Eckpunktepapier, das keiner kennt, ist nicht herausgekommen.

Hofft einfach weiter auf die Einsicht der Industrie: Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner, CDU

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Nicht die Politik, sondern die Bürger sind es, die aktiv geworden sind. Es sind Leute, die Strünke in Blumentöpfe stecken, um auf der Fensterbank neuen Salat zu ziehen – ein Trend namens Re-Grow. Es sind Bäckermeister, die mit altem Brot ihre Backöfen heizen oder Schnaps daraus brennen. Es sind Küchenchefs wie der vom Atlantic Hotel in Bremerhaven, der mithilfe eines "Analyse-Tools" den Abfall auf 70 bis 80 Gramm pro Gast und Tag reduziert hat.

Auch in der schicken neuen "Hobenköök" am Hamburger Hafen wird penibel darauf geachtet, so wenig wie möglich wegzuwerfen. Das Menü im Restaurant richtet sich auch danach, welche Waren in der eigenen Markthalle nebenan nicht verkauft wurden, Käsekanten landen im Salat, sogar Radieschenblätter taugen noch für eine Brühe.

Und schließlich nutzen inzwischen 2200 Restaurants und Läden eine App, um kurz vor Ladenschluss gegen kleines Geld loszuwerden, was vom Tage übrig blieb. Die App trägt den Namen "Too Good To Go" – zu schade zum Wegwerfen.

"Zu gut für die Tonne"

All das sind tolle Initiativen, löbliche Ansätze – die Frage ist nur, wie viel sie ausrichten können gegen die tägliche Flut der Verschwendung. Renate Künast schüttelt zweifelnd den Kopf. "Wir brauchen endlich eine nationale Strategie", fordert die ehemalige grüne Bundesministerin für Landwirtschaft und Verbraucherschutz. Sie ist nur noch ernährungspolitische Sprecherin ihrer Fraktion, doch beim Gespräch im Restaurant des Bundestags rattert sie los wie eh und je.

Die GroKo traue sich nicht ran an die Strukturen, "stattdessen redet man ständig über Ihren und meinen Kühlschrank", ruft Künast. Sie hat nichts gegen die Initiative "Zu gut für die Tonne", mit der ihr altes Ministerium Verbraucher für das Thema sensibilisieren will. Doch würden all die Einkaufstipps und Rezepte allein wohl kaum reichen.

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Die Ministerin solle einen runden Tisch einberufen, an dem Vertreter aller Branchen gemeinsam Einsparpotenziale identifizieren und verbindliche Ziele vereinbaren. Und weil man dazu erst mal wissen müsse, wer wo für wie viel Abfall sorgt, brauche es eine "gesetzliche Pflicht zur Erfassung und Offenlegung", so wie es in Großbritannien zumindest schon mal geplant worden ist. Und weil es ohne klare Regeln nicht gehe, müsse man Händlern schlicht verbieten, unverkaufte Lebensmittel wegzuwerfen, so wie es in Frankreich seit zwei Jahren geregelt ist: Supermärkte müssen dort mit der Tafel oder anderen Hilfsorganisationen kooperieren, die Reste mindestens als Tierfutter oder Biodünger weiterverwendet werden – und wer dagegen verstößt, zahlt eine Geldstrafe.

Aber all das, wütet Künast weiter, all das traue sich die Regierung nicht. Sie traue sich weder Regeln noch Gesetze zu erlassen. Julia Klöckner, die CDU-Ministerin für Verbraucherschutz, hat es selbst gesagt: Aus ihrer Sicht sei die Industrie "am besten in der Lage, Möglichkeiten zu identifizieren, wie Lebensmittelabfälle entlang der Lieferkette reduziert werden können". Die Industrie also.

Aber soll man die Frösche bitten, den Sumpf trockenzulegen? Soll man den Handel freundlich fragen, gegen den Überfluss vorzugehen? Jene Supermarkt-Riesen, die die Größe ihrer Einkaufswagen seit den 60er Jahren verdoppelt haben? Die mit Sonderangeboten und Vorteilspacks für ein fortwährendes Mehrmehrmehr sorgen?

Mehr Regen, weniger Grillfleisch

Von sich selbst sagen sie, man werfe gerade einmal 1,1 Prozent aller bezogenen Lebensmittel weg. Das behauptet jedenfalls Frank Horst vom Europäischen Handelsinstitut (EHI) in Köln. Er könne darum überhaupt nicht nachvollziehen, "warum bei dem Thema immer wieder der Handel im Fokus steht".

Womöglich rührt dieses Unverständnis daher, dass sein Handelsinstitut von ebenjenem Handel selbst gegründet worden ist und finanziert wird: von den Handelskonzernen und -verbänden. Andererseits hat der Mann einen Punkt, wenn er sagt: "Wer Kaufmann ist, hat das größte Interesse daran, Waren zu verkaufen statt wegzuwerfen." Er bliebe doch sonst nicht nur auf dem Einkaufspreis sitzen, er müsste zudem die Kosten der Entsorgung tragen – ein doppeltes Minusgeschäft also.

Die Forderung, die Abfallmengen auch im Handel um die Hälfte zu reduzieren, hält Horst für "utopisch". Allenfalls fünf bis zehn Prozent seien noch möglich. Eigentlich sei es schon ein Wunder, dass laut den Zahlen des EHI der Anteil abgeschriebener Waren nicht gestiegen sei – trotz des anhaltenden Trends zu mehr Convenience Food wie geschnippeltem Obst und Fertigsalaten, trotz Backstationen und Dauerfrischegarantie. Der Handel tue doch schon so viel.

Nichts kommt weg: Die Hamburger "Hobenköök" kocht auch mit Ware, die im eigenen Markt liegen blieb

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Tatsächlich tüfteln die großen Ketten an immer ausgefeilteren Prognosesystemen. Sie analysieren riesige Datenmengen – von regionalen Einkaufsgewohnheiten (in Hamburg mehr Rote Bete) bis zum lokalen Wetterbericht (mehr Regen, weniger Grillfleisch). Sie experimentieren mit "dynamic pricing" – je näher das gefürchtete Mindesthaltbarkeitsdatum, desto größer der Rabatt. Sie bemühen sich also redlich – und werfen dennoch, das ist die bittere Wahrheit, immer noch massenhaft weg.

Öffentlich will sich niemand der großen Player zur wahren Verschwendung äußern. Aus Angst, die Konsumlaune zu stören. Schlechte Laune ist schlecht fürs Geschäft. Der Rewe-Konzern schickt immerhin eine Mail, in der er ausführt, im Durchschnitt bis zu 99 Prozent seiner Lebensmittel zu verkaufen, der Rest gehe an die Tafel oder werde in Biogasanlagen in CO2-neutrale Energie verwandelt. Die zum Konzern gehörende Penny-Kette verkaufe inzwischen 17 Obst- und Gemüsesorten "mit Schönheitsmakeln" unter dem Label "Bio-Helden". Aldi-Süd testet seit Anfang 2018 in 400 Filialen eine Kennzeichnung auf Frischmilch-Kartons: "Riech mich! Probier mich! Ich bin häufig länger gut!" Und die Berliner Filialen des Metro-Großmarktes liefern ihre Ausschussware an "Sirplus" – den Supermarkt für gerettete Lebensmittel.

"Inverkehrbringer"

Vor einem Jahr hat die erste Filiale dieses Restemarktes in Berlin-Charlottenburg eröffnet, inzwischen sind es vier. Im Sommer haben sie auch eine ehemalige Drogerie in Steglitz übernommen. An diesem warmen Herbstnachmittag tänzelt ein junger Mann durch die Regalreihen, als wollte er am liebsten jeden einzelnen Kunden umarmen. Raphael Fellmer lässt seine Finger glücklich über die Waren gleiten. Er scheint seine Produkte wirklich zu lieben, auch wenn sie nicht mehr ganz taufrisch sind. Das Meersalz aus Australien, der Brotaufstrich aus dem Bioladen, die Suppen in Dosen und Tüten – Sirplus verkauft "alles, was wegsoll, aber nicht wegmuss".

"'Mindestens haltbar bis' heißt schließlich nicht‚ 'tödlich ab'", sagt Fellmer. Das meiste sei ja konserviert worden, pasteurisiert, vakuumiert oder luftgetrocknet – und warum bitte soll Millionen Jahre altes Salz schlecht werden, nur weil es in einen Karton gefüllt worden ist? Sehen, riechen, fühlen, schmecken – Fellmer will, dass die Menschen wieder mehr ihren Sinnen vertrauen statt dem MHD.

Der Verkauf abgelaufener Lebensmittel ist nicht verboten, solange die Kunden auf den Umstand hingewiesen werden. Der einzige Unterschied ist rechtlicher Natur: Vor Ablauf des MHD garantiert der Hersteller für die Qualität, danach haftet der "Inverkehrbringer", also der Händler.

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Längst nicht alle Produkte, die Fellmer und sein inzwischen 70-köpfiges Team von Großmärkten, Ketten und direkt vom Hersteller beziehen, sind abgelaufen. Viele gelten aus anderen Gründen als unverkäuflich. Kürzlich hatten sie Cracker aus der Konkursmasse von Air Berlin. Heute gibt es Nudelpakete, die in Fehlfarben bedruckt sind, Mate-Drinks mit einem Druckfehler auf dem Etikett, und Lammkoteletts, die andernorts zu viel waren. Privat ernährt sich Fellmer vegan, aber soll man das Fleisch wegwerfen, wo es nun schon mal produziert worden ist? Er sei da sehr undogmatisch, sagt der 35-Jährige.

Das war nicht immer so. Früher, da zog der Raphael als fusselbärtiger Messias ohne Kohle um die Welt und lebte jahrelang im "Geldstreik". Was er zum Leben brauchte, kramte er nachts aus den Mülltonnen der Supermärkte. Doch irgendwann empfand auch er dieses "Containern" als unwürdig und begann, Läden zu Kooperationen zu überreden. So baute er Schritt für Schritt ein Netzwerk aus Lebensmittelrettern auf, das er später mit Gleichgesinnten aus dem Kölner Raum zu Foodsharing fusionierte. Fellmer kann sehr überzeugend reden. Nach einem Auftritt bei sternTV gingen bei Foodsharing kurzzeitig die Server in die Knie. Ja, er hatte Erfolg. Doch Fellmer reichte es nicht. Er rettete und rettete, aber es änderte nichts am Grundproblem. Fellmer wollte mehr – und gründete Sirplus.

"Copy & Paste"

Nach einem Jahr des Bestehens haben sie schon 1,5 Millionen Produkte verkauft, 1000 Tonnen vor dem Müll bewahrte Mittel zum Leben. Und es geht erst richtig los. Der Onlineshop ist nun am Netz, weitere Filialen sind in der Planung. Raphael Fellmer spricht wie ein Business-Big-Shot, von "Expansion" und "Skalieren per Franchise und Copy & Paste", in München, Hamburg oder Köln. "Wir wollen raus aus der Nische", sagt er, "das Retten der Nahrung soll Mainstream werden."

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