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Lehman-Pleite - ein Jahr danach: "Banker sind Schwindler"

Der Soziologe Richard Sennett hat das Krisenverhalten von Spitzenbankern untersucht - aus Sicht ihrer Mitarbeiter. Hier spricht er über feige Chefs, Schwindler und ein mächtiges Netzwerk.

Professor Sennett, Sie beschäftigen sich intensiv mit der Finanzkrise. Seit einem Jahr befragen Sie Mitarbeiter der Finanzindustrie. Was bekommen Sie dabei zu hören?
Ich spreche nicht mit den Leuten, die fette Gehälter ausgezahlt bekommen. Ich studiere Menschen, die das Rückgrat dieser Banken bildeten: Computer-Fachleute, Buchhalter, Chefsekretärinnen. Sie blicken anders auf ihre Arbeitgeber und die Branche. Diese Menschen haben jahrelang Überstunden gemacht, den Stress ausgehalten und wurden, als die Krise kam, einfach zur Seite geschoben, ohne Entschuldigungen, ohne Hilfe.

Sie nennen die Struktur im Umgang mit den Mitarbeitern "Hierarchie der Unverantwortlichkeit". Was meinen Sie damit?
Auf der direkten Ebene wurden diese Facharbeiter von ihren Vorgesetzten oft schlecht behandelt. Sie hatten höchstens eine Woche, bevor ihnen gekündigt wurde - oft per E-Mail. Das hat diese Menschen sehr verbittert. Besonders, als sie sahen, was ihre Bosse bekommen: großzügige Ablösesummen und Hilfe bei der Suche nach einem neuen Job.

Diese Behandlung mag vielleicht unfair sein, aber doch noch nicht unverantwortlich.
Sie müssen den größeren Kontext sehen: Die Mitarbeiter haben gesehen, wie sich ihre Vorgesetzten in der Krise in Passivität geflüchtet haben. Statt zu führen, hat sich die Elite als Opfer dargestellt. Zudem hat sie sehr wenig unternommen, um ihre Bank zu retten und stattdessen für alle Probleme das System verantwortlich gemacht. Das ist ein völliges Versagen der Manager - derselben Manager übrigens, die sich seit Jahren nicht nur als wirtschaftliche Elite präsentieren, sondern auch als soziale und politische Führungskräfte. Wie oft haben wir gehört, dass auch Regierungen geführt werden sollten wie diese Unternehmen. Kaum war die Krise da, war von den Führungskräften nichts mehr zu sehen.

Waren Sie von dem überrascht, was die ehemaligen Mitarbeiter erzählt haben?
Ehrlich gesagt, nein. Ich erforsche das System des neoliberalen Kapitalismus seit vielen Jahren. Beschwerden gab es auch schon zu Boomzeiten, nur wurde da vieles von dem riesigen Haufen Geld abgefedert, den jeder damals zu verdienen schien. Die meisten Mitarbeiter der Banken hofften immer auf noch mehr Geld. Die Rezession hat die Probleme nicht erschaffen, sie sind eingebaut in das System des Neoliberalismus. Wer die wirtschaftlichen Probleme der Banken löst, wird damit nicht unsere sozialen Probleme lösen, die sich seit Jahren anhäufen.

Warum hat sich die Enttäuschung der Mitarbeiter über ihre Behandlung nicht in Demonstrationen oder Protesten entladen?
Weil diese Menschen lieber persönliche als kollektive Lösungen suchen. Viele haben die Finanzwelt verlassen, einige sind zum Beispiel Lehrer geworden. Andere suchen Arbeit bei kleineren Firmen oder machen sich selbstständig. Es ist ein altes Muster des amerikanischen Kapitalismus: Die Antwort auf ökonomisches Leid wird in noch mehr Eigeninitiative gesehen, nicht in Massenbewegungen. Der Amerikaner will sein eigener Boss sein.

Es gibt also die Mitarbeiter, die Eigenverantwortung übernehmen für Ihr Schicksal und die Manager, die plötzlich das System für die Misere verantwortlich machen?
Ja, das ist die große Ironie. Tatsächlich ist es eine sehr gerissene Strategie der Spitzenkräfte - sie zeigen ihre Autorität nur, wenn es keine Probleme gibt. Sobald die Krise da ist, verschwinden sie.

Glauben Sie denn an eine Chance, die Finanzindustrie zu ändern?
Ich glaube, dass sich das Zentrum der globalen Finanzwirtschaft in den Osten verlegen wird. Und auch Frankreich und Deutschland werden gestärkt aus dieser Krise hervorgehen, weil ihre Wirtschaft sehr viel ausgeglichener ist als die in Großbritannien oder den Vereinigten Staaten. China wird eine entscheidende Rolle spielen - als Hauptschuldner der USA sitzt das Land auf einem riesigen Berg Dollars. Und es gibt Gerüchte, dass China den Dollar als Weltwährung ablösen will. Das alles wird die globale Finanzwirtschaft fundamental verändern.

Aber deutsche Banken haben genau die gleichen Geschäfte gemacht wie die englische oder amerikanische Konkurrenz - auch Deutschlands "sozialer Kapitalismus", wie Sie ihn nennen, hat daran nichts geändert.
Das stimmt, und wer dann trotz der Probleme schon kurze Zeit später wieder einen Bonus in Millionenhöhe erhält, glaubt, dass die guten Zeiten wieder anfangen und macht weiter wie zuvor. Deshalb halte ich den Weg der französischen Finanzministerin Christine Lagarde für richtig, die Manager-Gehälter beschränken will. Sie versteht, dass diese Summen verantwortlich sind für irrationales Verhalten im weltweiten Finanzmarkt.

Viele der Menschen, die Sie interviewt haben, wollen der Finanzindustrie den Rücken kehren. Können solche persönlichen Entscheidungen denn zu einer gerechteren Gesellschaft führen?
Nein, das glaube ich nicht - denn diese Menschen sind ziemlich schizophren. Die meisten verbinden ihre persönliche Erfahrung überhaupt nicht mit ihrer politischen Überzeugung. Ich habe Leute interviewt, die schon seit sechs Monaten arbeitslos sind und sich trotzdem beschweren, dass US-Präsident Barack Obama zu viel Geld für Soziales ausgibt.

Sie haben gesagt, dass die Schnelligkeit und Vehemenz der Kreditkrise Sie überrascht hat. Verstehen Sie nun besser, was vor einem Jahr passiert ist?
Nein. Ich dachte, dass die Kerle in den Vorständen der Banken wissen, welche mathematischen Formeln ihre Handelsströme bestimmen. Ich war völlig überrascht über das mangelnde Verständnis, das mangelnde Wissen auf Managerebene. Diese Leute haben tatsächlich Milliarden von Dollars durch die Gegend geschmissen, ohne zu verstehen, was sie da tun. Wir alle mussten lernen, dass diese teuer bezahlten und sehr reichen Finanzexperten nichts anderes sind als Schwindler. Sie haben uns über ihre Kompetenz belogen.

Der ehemalige Vorstandsvorsitzende von Lehman Brothers, Richard Fuld, soll planen, eine eigene Finanzberatung zu gründen. In England bekommen die entlassenen Führungskräfte der verstaatlichen Banken Job-Angebote von allen Seiten. Die Architekten der Krise scheinen wieder zurückzukommen.
Ja, an der Spitze der Finanzwelt gibt es ein enges Netzwerk aus Männerfreundschaften. Die passen aufeinander auf. Und sie werden sich nicht ändern. Wir müssen viel mehr tun, als nur die Bonus-Zahlungen zu beschränken. Wir müssen ihre Aktivitäten regulieren. Wir müssen uns gegen diese Finanzelite besser schützen.

Cornelia Fuchs