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Lohnerhöhungen: Bravo, Brüderle!

Die Menschen sind wichtiger als der Markt. Wenn der Wirtschaftsminister zu dieser Erkenntnis fähig ist, sollten es auch die Unternehmer sein. Weshalb Rainer Brüderle Applaus verdient.

Ein Kommentar von Dirk Benninghoff

Es ist das ewige Mantra der Marktgläubigen: "Wir dürfen den Aufschwung nicht durch hohe Lohnforderungen gefährden." Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt sagt das sehr gerne. Auch Ökonom und Ifo-Chef Hans-Werner Sinn scheint ständig in Sorge um das deutsche Wachstum.

Deutschlands Arbeitnehmer, die für den exportgetriebenen Aufschwung sorgten, können den Slogan nicht mehr hören. Sie hatten in den vergangenen Jahren einiges zu ertragen: Die Verbrauerpreise wuchsen in vier der vergangenen zehn Quartale stärker als die Löhne, die teilweise also de facto sanken. Besonders im europäischen Vergleich machte sich Deutschland schlecht. Nirgendwo sonst entwickelten sich die Reallöhne im 21. Jahrhundert so erbärmlich wie in Deutschland. Sie zeigen, was übrig bleibt, zieht man die Preissteigerungen ab. Die deutschen Bruttolöhne stiegen von 2000 bis 2010 um 21,8 Prozent - EU-weit aber um satte 35,5 Prozent.

Der Jubel in den Belegschaften hielt sich daher in Grenzen, als sich Deutschland nach dem Katastrophenquartal zum Jahresbeginn 2009 nach und nach erholte und immer stabilere Wachstumsraten vermelden konnte, gipfelnd in einem phantatischen zweiten Quartal 2010. Bei den Menschen kam der Aufschwung schließlich kaum an. Zwar wurden Arbeitsplätze gesichert und auch neu geschaffen. Aber zu welchen Bedingungen? Ein Fünftel der Menschen in Deutschland schuftet mittlerweile zu Dumping-Löhnen. Das Wachstum des Niedriglohnsektors war nirgends in Westeuropa so stark wie in der Bundesrepublik, dem Land, in dem sich Leistung nicht mehr lohnt. Arbeit wird teilweise so jämmlich bezahlt, dass Hartz IV her muss, um auf ein menschenwürdiges Grundsicherungsniveau zu kommen. Der so genannte Aufstocker ist eine besonders perverse Blüte, die das "deutsche Job-Wunder" treibt. Wo ein Gutteil der Bevölkerung mit Krümeln abgespeist wird, kann kein vernünftiger Konsum entstehen. Der Aufschwung blieb daher stets ein Verdienst des Exports.

Gelb ist die Hoffnung

Doch jetzt gibt es nach Jahren des Darbens Hoffnung. Selbst in der unternehmerfreundlichen FDP hat sich herumgesprochen, dass das Volk wenig Gefallen an einem Aufschwung findet, der nur Unternehmen und Aktionäre begünstigt. Wenn jetzt sogar Wirtschaftsminister Rainer Brüderle sagt, dass "kräftige Lohnerhöhungen" möglich seien, dann ist es quasi Common Sense, dass die Bürger mehr verdienen müssen.

Denn: Das eingangs erwähnte Mantra der Marktgläubigen zieht schon längst nicht mehr, ist als leere Hülse entlarvt, mit der das Volk nicht mehr für dumm verkauft werden kann. Denn die Wirtschaft ist, wie Brüderle frohlockt, auch mittelfristig auf stabilem Wachstumspfad - obwohl die Löhne im vergangenen Quartal stark gestiegen sind. Und das in einem Maße, das im Vergleich mit den Vorjahren astronomisch anmutet. Um 2,3 Prozent stiegen zwischen April und Juni die Reallöhne. Löhne und Bruttoinlandsprodukt laufen endlich im Gleichklang. Die Menschen profitieren vom Wachstum.

Wunderbare Weihnachtsaussichten

Von daher wagte sich Brüderle nicht gerade auf Glatteis, als er im Interview an die Arbeitgeber appellierte. Aber auch als Trittbrettfahrer ist seine Forderung erfreulich. Es zeigt, dass auch die FDP nicht mehr nur an den Markt denkt, sondern auch an die Bürger. Die sind schließlich wichtiger als die zweite Nachkommastelle einer abstrakten Konjunkturkennziffer.

So können sich die Arbeitnehmer in Deutschland auf einen kräftigen Schluck aus der Pulle freuen. Beste Aussichten für die nächsten Tarifverhandlungen, nachdem die Stahlarbeiter so glänzend vorgelegt haben und Brüderle zur Geberlaune animiert. Und glänzende Aussichten fürs Weihnachtsgeschäft. Da können auf Verdacht schon einmal kräftig prassen - wird ja auch mal wieder Zeit.