Lokführer-Streik Frustbahnhof Hamburg, Gleis 4

In Berlin und Hamburg haben die Lokführer heute früh ihre Arbeit niedergelegt, S-Bahnen fahren nicht mehr. stern.de hat sich auf dem Hamburger Hauptbahnhof umgesehen. Die meisten Pendler haben sich zwar auf den Streik vorbereitet. Trotzdem gibt es Wut auf die streikenden Lokführer.
Von Christoph Markus Schwarzer

Schnell, schnell! Um 7.48 Uhr springen die Fahrgäste aus der S31 in die S1 nach Poppenbüttel. Und ein bisschen sieht es aus wie bei Michael Schanzes "1, 2 oder 3" - letzte Chance, vorbei. Pünktlich um acht Uhr ist Schluss. Auf Gleis 4 im Hamburger Hauptbahnhof hält die rot lackierte S-Bahn. Streik.

Der Bahnsteig, eben noch prall gefüllt mit Berufspendlern, leert sich bis zur Verwaisung. Einige Wenige haben es noch nicht kapiert. So wie ein blonde Personalreferentin, die nach Wandsbek muss. Hat sie denn keine Nachrichten gehört oder gesehen? "Doch", erklärt sie, "aber ich versuche es halt, und wenn es nicht klappt, nehme ich den Bus". Ihre britische Gelassenheit zahlt sich aus. Auf dem gegenüberliegenden Gleis 3 sorgen verbeamtete Kollegen der Streikenden dafür, dass der Betrieb auf Sparflamme weiterläuft. Einsteigen und ab nach Wandsbek.

Ein wütender Taxifahrer und viele gelassene Pendler

Weniger Gottvertrauen hat ein Mitarbeiter der Hamburger Diakonie. Er ist nicht der einzige, der zum Gaffen gekommen ist. Streiktourismus. "Was die Bahn hier macht, ist hanebüchen. So behandelt man seine Mitarbeiter nicht." Die ständige Konzentration der Gesellschaft auf Leistung und Geld gehe ihm gegen den Strich, sagt er. Auch die Medien berichteten einseitig. Er fühle sich mit den Streikposten der GDL solidarisch, die sich aufgeschnittene Mülltüten angezogen haben. Sie gehen auf Gleis 4, enthüllen ihr Transparent für die anwesenden Kameras und gehen fünf Minuten später.

"Was die hier machen, nenne ich kriminell!" Immerhin, einer der wütend ist. Ein Taxi-Fahrer macht sich Luft. "Wenn sie streiken wollen, sollen sie streiken, aber die dürfen den Zug nicht im Bahnhof stehen lassen und alles blockieren. Das ist doch Taktik" Er hält die Lokführer für größenwahnsinnig und niedrig qualifiziert, sie müssten ja nur ein paar Knöpfe drücken und im Gegensatz zu ihm nicht lenken. Ob er und seine Kollegen heute das Geschäft ihres Lebens machen? Nein, den die Pendler haben sich auf den Streik eingestellt und nehmen die Busse.

"Ohne Streik geht nichts"

Gegen halb neun kommt dann auch Norbert Quitter, der örtliche GDL-Vorsitzende. Am laufenden Band gibt er kurze Interviews. Hat ihn schon jemand beschimpft? Nein, niemand, und seine Mailbox sei voller Solidaritätsbekundungen. Ihre Zustimmung mit den Zielen der GDL bekunden auch vier Mitglieder des Sozialforums Eimsbüttel, die sich am Ausgang Richtung St. Georg postiert haben. "Ohne Streik geht nichts" steht auf ihrem Banner. Auch sie fordern 30 Prozent mehr: Für Hartz IV-Empfänger, arme Rentner und Beschäftige mit niedrigsten Löhnen.

Dafür interessiert sich der rothaarige Bank-Auszubildende auf Gleis 4 nicht. Er hat seine Lehrstelle erst seit dem 1. August und Angst, zu spät zu kommen. Aber wirklich aufgeregt ist er nicht. Er zuckt mit den Schultern, guckt auf den Fahrplan und geht zur Bushaltestelle. "In den nächsten Tagen höre ich morgens Radio, dann bin ich besser vorbereitet."

Um 10.01 Uhr fährt die S31 nach Neugraben wieder an. Wirklich getroffen hat der Streik nur den Kiosk auf dem Bahnsteig und den Klomann. Statt mit dem Andrang und Drang der Wartenden kämpfen beide gegen die Langeweile. Zwei Stunden lang bricht ihr Umsatz ein. Mehr nicht.

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