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Magazin: IG Metall? Nein danke!

Ohne Gewerkschaft sind wir erfolgreicher, sagen 400 Mitarbeiter der Albert Weber GmbH, nur drei Beschäftigte wollen einen richtigen Betriebsrat - bezeichnend für die Stimmung im Land. Wird die einst so mächtige IG Metall zum Auslaufmodell?

Wäre die Spitze der IG Metall ein wenig religiöser gestimmt, würde sie sich angesichts der Albert Weber GmbH wohl dreimal am Tag bekreuzigen. Denn was dort passiert, muss jedem wackeren Gewerkschafter wie Teufelswerk erscheinen: Die 400 Mitarbeiter des Automobilzulieferers am Bodensee wollen einfach keinen Betriebsrat haben. Ihnen reicht die dreiköpfige Mitarbeitervertretung, die sie im Frühjahr vergangenen Jahres zum ersten Mal gewählt haben. Und selbst zu diesem Schritt entschlossen sie sich nur, weil der Betrieb inzwischen so groß ist, dass der Chef nicht mehr jeden persönlich kennt. Früher lief "der Alte" noch zweimal am Tag durch die Firma. "Wenn ich mich über etwas beklagen oder eine Lohnerhöhung wollte, habe ich Herrn Weber persönlich angesprochen", sagt Industriemeister Markus Lohr-Ducree, seit 18 Jahren bei Weber beschäftigt.

Lohr-Ducree ist nun einer der drei Mitarbeiter, die die Belegschaft gewählt hat, um ihre Interessen zu vertreten. "Aber wir sind keine Betriebsräte, sondern Belegschaftsvertreter." Den Titel gibt es im deutschen Betriebsverfassungsrecht nicht. Die drei sind so etwas wie die Klassensprecher der Beschäftigten. Allerdings räumt ihnen der Chef in einem sechsseitigen Vertrag einige Rechte ein, die auch für reguläre Betriebsräte gelten. Lohr-Ducree muss etwa informiert werden, wenn Mitarbeiter gekündigt werden sollen, er darf monatlich zehn Stunden bezahlter Arbeit für sein Amt verwenden und genießt Kündigungsschutz während der Amtszeit und noch zwei Jahre danach. Wenn er bei einer Frage juristische Hilfe benötige, dürfe er sich einen Anwalt nehmen und der Chef bezahle es. Warum dann nicht gleich eine richtige Betriebsratswahl? "Wir haben Angst, dass die Gewerkschaft zu einflussreich wird", sagt Lohr-Ducree. Da denkt der 38-Jährige automatisch an Kampf und Konfrontation, und beides mag er gar nicht. Er betont viel lieber, dass ihm der Erfolg des Unternehmens am Herzen liege. "Denn wenn's der Firma gut geht, ist die Geschäftsführung auch entsprechend großzügig. Ich seh einfach nicht, weshalb wir dazu die Gewerkschaft brauchen."

Noch ist Weber die Ausnahme. Im ganzen IG-Metall-Bezirk Singen gibt es nur einen weiteren Betrieb mit mehr als 50 Mitarbeitern, der ebenfalls ohne Betriebsrat auskommt. Doch auch bei den großen Arbeitgebern der Gegend, der Zahnradfabrik Friedrichshafen oder der MTU, wachse der Unmut über den Einfluss der IG Metall, sagt Weber-Mann Lohr-Ducree. "Die Leute dort dürfen zum Beispiel keine Überstunden machen, wenn der Betriebsrat dagegen ist."

Während sich in der IG-Metall-Führung Modernisierer und Traditionalisten ihren Schaukampf liefern, ärgert sich die Basis über den Funktionärsapparat. Der Apparat, so der Vorwurf, habe sich von den Interessen der einfachen Arbeiter abgekoppelt. Der Tarifkampf um die 35-Stunden-Woche im Osten interessiert die Basis weniger als das Bestehen ihrer Firma in einer globalisierten Wirtschaft. In so einer Welt "funktioniert das Per-Ordre-de-Mufti-Denken nicht mehr", bilanziert Claus Schnabel, Professor für Arbeitsmarktpolitik an der Universität Erlangen.

Eine Chance, den Respekt der Basis zurückzugewinnen, hätten die Gewerkschaften möglicherweise dann, wenn sie sich als sachorientierte Beratungsorganisation der örtlichen Betriebsräte verstünden - und als Rückgrat in Auseinandersetzungen mit dem Arbeitgeber. So wie die IG Metall aber heute auftritt, treibt sie die Beschäftigten in die Arme der Arbeitgeber, und Leute wie Belegschaftssprecher Lohr-Ducree machen die Erfahrung, dass sie in Kooperation mit dem Chef mehr erreichen als Seit an Seit mit der IG Metall. Bei der Weber GmbH duzt sich der Belegschaftssprecher mit dem Juniorchef. Sie sprechen beinahe dieselbe Sprache, wenn es um das Wohl des Unternehmens geht. So fremd wie Lohr-Ducree die IG Metall ist, so fremd ist dem Juniorchef der Arbeitgeberverband.

Weber Junior heißt Christian, ist 31 Jahre alt und residiert in dem vor vier Jahren auf dem Firmengelände errichteten Glasturm. Wenn sein Blick aus dem Fenster schweift, sieht er die Wiesen rund um den Bodensee - und auch den Hof in Markdorf, auf dem seine Großeltern einst als Bauern arbeiteten. 1969 kaufte Christians Vater die erste Drehmaschine auf Kredit, stellte sie im ehemaligen Hühnerstall auf und fertigte Metallteile für die Industriebetriebe der Gegend. Heute liefert die Albert Weber GmbH vor allem Kurbelwellen und Motorblöcke für Audi, Peugeot, Ford und Daimler-Chrysler. Im Foyer des Glasturms stehen stolz die vier Sterne, die man seit 1999 von Chrysler für "hundert Prozent reklamationsfreie Lieferungen" bekam. Weber Junior sagt, dass die Firma nur deshalb so erfolgreich sein könne, weil der Betrieb hoch flexibel sei.

Seit 1999 haben sich Umsätze und Mitarbeiterzahl verdreifacht. Während die Gewerkschaft in den Metallunternehmen der Umgebung 35 Stunden durchsetzte, gilt bei Weber die 40-Stunden-Woche. Die Kurbelwellenproduktion läuft nahezu ununterbrochen, gearbeitet wird im Drei-Schicht-Betrieb. "Wenn wir ein Angebot für eine Kurbelwelle abgeben, können wir sie bereits fünf Monate später liefern", sagt Geschäftsführer Paul Bäuerle, "andere brauchen dafür dreimal so lang." Säße ein IG-Metall-Betriebsrat im Haus, fürchtet Bäuerle, "dann müsste ich jede einzelne Überstunde mit ihm verhandeln." Seit zwei Jahren arbeitet Bäuerle bei der Weber GmbH, zuvor war er 14 Jahre in Firmen mit IG-Metall-Betriebsräten. "Das war nicht einfach", sagt der Geschäftsführer, "sobald wir irgendeine Lösung hatten, sei's die Dividende oder eine Überstundenregelung, sagten die Betriebsräte: 'Wir wären ja dafür, aber die Gewerkschaft ist dagegen.'"

Kommen die Interessen der Beschäftigten bei Weber zu kurz? In der Werkshalle brummen Hightech-Maschinen vor sich hin. Vereinzelt stehen Mitarbeiter an Steuerpulten oder entwickeln an Messgeräten neue Prototypen. Das Proletariat wirkt nicht allzu pauperisiert, es fährt morgens in anständigen Mittelklassewagen ins Werk. Belegschaftssprecher Lohr-Ducree sagt, dass seit Jahren immer am 1. April eine Lohnerhöhung komme - und die falle meist sogar höher aus als die tarifvertragliche. Selbst die Wochenendarbeit habe angenehme Seiten: "Wenn man am Samstag, Sonntag und einem Tag der folgenden Woche insgesamt 28 Stunden arbeitet, zählt das wie 40 Stunden normale Werktagsarbeit." Der Juniorchef sagt: "Ich weiß, dass ich meine Leute anständig behandeln muss. Wenn ich ihnen wenig zahle, gehen vor allem qualifizierte Mitarbeiter zu anderen Firmen." Und wenn den Beschäftigten sonst was nicht passt, können sie immer noch in die Gewerkschaft eintreten und einen Betriebsrat gründen. So funktioniert die IG Metall noch als Druckmittel.

Heile Welt am Bodensee? Keineswegs. "Bisher haben wir friedlich miteinander gelebt", sagt der Juniorchef und legt die Stirn in Falten, "jetzt aber kommt die IG Metall und macht Ärger." Die Gewerkschaft klagt nun vor dem Arbeitsgericht auf reguläre Betriebsratswahlen. Dabei vertritt die IG Metall eigentlich nur die Interessen von drei Arbeitern der Weber GmbH, die auf einen Betriebsrat drängen. "Zugegeben, drei von 400", wie Wolfram Schöttle, Zweiter Bevollmächtigter der IG Metall in Singen, sagt, "aber drei reichen laut Gesetz aus."

Einer der Anführer ist Mario Russo, 28. Er beklagt, dass die Belegschaftsvertretung keine echte Interessensvertretung sei. Im Mai dieses Jahres habe die Firma 26 Kündigungen ausgesprochen. "Die Belegschaftsvertreter haben das alles hingenommen." Die IG Metall unterstützt Russo und seine Kollegen - auch wenn die Beschäftigten in großer Mehrheit gegen einen Betriebsrat sind. "Die Belegschaftsvertretung hat doch keine Rechte", sagt Schöttle, "die werden beteiligt oder nicht, wie es dem Chef gerade passt." Erst wenn in einem Betrieb ein Betriebsrat gewählt sei, gelte auch das Betriebsverfassungsgesetz, und ohne dieses Gesetz gebe es keine wirkliche Mitsprache bei Arbeitszeit, Schichtmodell oder Kündigung.

Natürlich registriert Schöttle, dass sein Zoff mit Weber sich gerade jetzt ins Negativbild einer bornierten Gewerkschaft fügt. "Aber ich bin seit zehn Jahren hier IG-Metall-Bevollmächtigter", sagt Schöttle, "und ich weiß auch, dass die Leute, die zuvor gegen einen Betriebsrat waren, ganz schnell nach einem rufen, wenn der Betrieb kurz vor der Insolvenz steht und der Lohn nicht mehr regelmäßig kommt."

Zurück im Chefbüro der Weber GmbH: Geschäftsführer Bäuerle hat sich informiert, was es bedeutet, wenn die IG Metall vor dem Arbeitsgericht einen Betriebsrat erzwingt: Dann müsste die Weber GmbH bei ihrer Größe statt drei Belegschaftssprechern neun Betriebsräte wählen lassen, und einer davon wäre sogar hauptberuflich freigestellt. "Was soll dieses Mammutgremium die ganze Zeit eigentlich machen?", spottet Bäuerle. Auch dem Juniorchef widerstrebt "so ein großes und inflexibles Gremium" zutiefst. Es passe nicht in eine flexible Unternehmenskultur, und vor allem hat er Panik, dass seine Betriebsräte dann "von außen", also von der IG-Metall-Zentrale gesteuert werden.

Weber Junior spricht deshalb eine Drohung aus, die schon sein Vater vor ver-sammelter Mannschaft im Werk kundtat: "Wenn die Gewerkschaft kommt, ziehen wir uns zurück. Dann wollen wir keine Unternehmer mehr sein, dann verkaufen wir den ganzen Laden halt."

Markus Grill / print