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Millionärsmesse: Kaufrausch in Moskau

Südseeinseln, schlüsselfertige Schlösser im Stil von Zar Peter dem Großen oder ein Konzertflügel aus Platin: Auf einer Luxusmesse für Milliardäre schlägt Russlands Oberschicht zu. Über Geld wird nicht geredet - man hat es.

Von Matthias Schepp

Die Mienen der reichen Russen, die auf der Moskauer "Messe der Millionäre" gelangweilt nach einem neuen, exklusiven Glanzlicht für ihre drei Millionen Euro teuren Vorstadtvillen suchen, hellen sich auf, wenn sie am Stand des ehemaligen Schachweltmeisters Anatolij Karpow halt machen. Kunstvoll geschnitzte Figuren aus vierzigtausend Jahre alten Mammumtstoßzähnen sind ihnen gerade edel genug für eine kleine Ecke in ihren Wohnzimmern. Archäologen graben das im Permafrostboden konservierte Elfenbein in der nordsibirischen Provinz Jakutien aus. Das Schachspiel "Ring der Nibelungen" kostet 150.000 Dollar, "Rodins Leidenschaften" gelten mit 50.000 Dollar als Schnäppchen. Die Figuren zeigen die Skulpturen des französischen Bildhauers. Wer von den Superreichen schon zugeschlagen hat? "Das muss Geschäftsgeheimnis bleiben", lächelt der Verkäufer Sergej.

Zwei Stände weiter trippelt Kaytag Shael nervös im Sand hin und her, als er plötzlich sein Ebenbild erblickt. Übertragen von einer Videokamera flimmert es überlebensgroß auf einer digitalen Leinwand. Dann wiehert er freudig ins Publikum. Ilja Kuligin, der Besitzer des Rassepferdes, trägt einen grauen Nadelstreifenanzug, seine blonde Begleiterin überragt ihn um Haupteslänge. Es gibt viele Frauen auf der Millionärsmesse, die auch ohne Stöckelschuhe größer als 1,75 sind. Manche in Schönheitskliniken aufgepeppte Brüste sind teurer als ein Kleinwagen in Deutschland, das ein oder andere Dekollté ist so groß, dass es dazu einlädt, ein Champagnerglas darauf abzustellen.

Still genießt der Millionär Kuligin die Blicke der anderen Zuschauer der Pferdeshow. Zärtlich fährt er mit seiner rechten Hand über den Hals seiner neuesten Eroberung,den Hals des Pferdes, nicht der Dame, versteht sich. Mehr als eine Million Dollar habe das Prachtexemplar gekostet, erklärt Polina, seine Dame für die Öffentlichkeitsarbeit und schiebt mit unschuldigen Augen hinterher: "Die Liebe zu Pferden eint unseren Präsidenten Putin und die Oligarchen." Nur damit keine Missverständnisse aufkommen. Denn Wladimir Putin geriert sich gerne als Anwalt der kleinen Leute, der den Reichen nichts durchgehen lässt, obwohl er sie ähnlich begünstigt wie sein Vorgänger Boris Jelzin.

Eine kleine Gruppe profitierte vom Wechsel

Oligarchen, so nennen die Russen die kleine Gruppen von Männern, die sich in den Neunziger Jahren einen Großteil der Bodenschätze und Fabriken des Landes unter die Nägel gerissen haben. Der damalige Präsident Jelzin ließ Staatsbesitz privatisieren und zu Spottpreisen an diejenigen verkaufen, die seine Wiederwahl finanzierten.

Polina wird schweigsamer, wenn es um das Vermögen ihres Chefs geht. Eine von Kuligins Firmen organisiere Reisen für die oberen Zehntausend und das ein oder andere Regierungsmitglied. Die Namen sind Geschäftsgeheimnis, die Reiseziele nicht. Es geht nach Ascot zum Pferderennen und gerne auch nach Dubai, die Loge mit dem Sitz in unmittelbarer Nähe des Scheichs inbegriffen. Oder zur Abwechslung fünf Tage für gerade mal 20.000 Dollar zum Überlebenstraining in den Dschungel nach Kambodscha. "Für Männer, die schon jede Hauptstadt der Welt gesehen und an jedem Strand der Welt gebadet haben. Männer, die alles erreicht haben und sich als wirklich harte Kerle beweisen wollen", sagt Polina.

Der Fall Chodorkowskij macht vorsichtig

Eigentlich jedoch verdient ihr Chef sein Geld in der Ölverarbeitung. Anders als vor zehn Jahren aber hängen Männer wie er ihren Reichtum nicht an die große Glocke, weichen aus wenn sie gefragt werden, womit sie ihr Geld verdienen. Moskau zählt mehr Milliardäre als jede andere Stadt der Welt. Protzen aber war gestern, heute ist Mundhalten angesagt. Vorbei die Zeiten, als Neureiche ihre hundertzwanzig Schuhe und fünfzig Designeranzüge in internationalen Zeitschriften vorführten, vorbei die Zeiten, als Michail Chodorkowskij, der bekannteste der Oligarchen, am Anfang seiner Karriere auf einem Tigerfell posierte.

Der Eröffnungstag der Messe, der vergangene Samstag, ist der Tag eins, nachdem das Moskauer Stadtgericht Chordorkowskij wegen Steuerhinterziehung in letzter Instanz zu acht Jahren Lagerhaft verurteilt hat. Der Ölmagnat hatte es gewagt, Präsident Putin herauszufordern und versucht, sich als dessen Nachfolger ins Spiel zu bringen. Auf der Millionärsmesse fällt Chodorkowskijs Name allenfalls in den Gesprächen der geladenen ausländischen Botschafter. Russlands Reiche haben schnell mit Chodorkowskij gebrochen. Manche, die noch eine Rechnung mit ihm offen haben, können ihre Schadenfreude nicht verbergen, alle aber haben ihre Lektion gelernt: Wer sich aus der Politik heraushält und beim Aufteilen des großen Kuchens Putins Mannen nicht vergißt, darf sich getrost bereichern.

Der Renner: Ein Schloß, schlüsselfertig

Der junge Vizegouverneur der Provinz Smolensk fotografiert mit seinem Handy seine Freundin, die für ihn in einem schwarzen Hubschrauber des amerikanischen Herstellers Bell posiert. Bei einem Glas Cognac wechselt eine Südseeinsel den Besitzer. Villen, die wahlweise an Adelspaläste aus der Zeit Peters des Großen, französische Schlösser oder Prachtbauten in Miami Beach erinnern, finden bei der Millionärsmesse reißenden Absatz. Sie kosten schlüsselfertig zwischen drei und fünfzehn Millionen Dollar. Bei Champagner, Opernmusik, Krabbencoctails und Avocadosouffle präsentiert Mercedes seine neue S-Klasse und freut sich über 4800 in Moskau verkaufte Autos in einem Jahr.

Der russische Bankdirektor aber, der vor hat, einen Maybach zu erstehen, will seinen Namen lieber doch nicht gedruckt sehen. Diskretion ist alles. Nur nicht auffallen mit seinem Reichtum. Vielleicht haben die Veranstalter der Messe deshalb bei der russischen Übersetzung das Wort Millionär mit Luxus ersetzt. Dem fröhlichen Kaufrausch in den Ausstellungshallen allerdings schadet das nicht. Der Leipziger Klavierbauer Blüthner verkauft an einem einzigen Abend sieben Flügel zwischen 50.000 und 150.000 Dollar, einen davon in Plattgold. Gerade zwei Stunden dauert es, bis der Verkäufer am Bentley Stand drei Limousinen losgeschlagen hat. Dem einzigen Künstler auf dieser Schau von Luxusgütern, einem selbsternannten "weißen Raben", bleibt es vorbehalten zu vereinigen, worum es auf der Millionärsmesse letztlich geht: ums Gesehenwerden und ums Geld. Der Moskauer Galerist Michail Gregow stellt einen 15.000 Dollar teuren Anzug zur Schau, gefertigt aus 4850 Ein-Dollar-Scheinen.